Kunduz-Bombardement Bundeswehr sucht Kompromiss für Opfer-Entschädigung

Der Wille ist da, die Modalitäten sind schwierig: Um eine sinnvolle Wiedergutmachung für zivile Opfer des Tanklaster-Bombardements zu erarbeiten, fliegt die Bundeswehr den Opferanwalt nach Kunduz. Bisher steht nur fest, dass es keine hohen Geldzahlungen geben soll.
Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada
Ein afghanischer Polizist vor dem Flughafen in Kunduz: Warten auf Popal

Ein afghanischer Polizist vor dem Flughafen in Kunduz: Warten auf Popal

Foto: Naqeeb Ahmed/ dpa

Kunduz - Die Bundeswehr bemüht sich um eine außergerichtliche Einigung mit möglichen zivilen Opfern des Bombardements zweier Tanklaster bei Kunduz Anfang September. Um eine Lösung zu finden, flog die Truppe den Bremer Anwalt Karim Popal, der nach eigenen Angaben die afghanischen Familien von 137 Opfern vertritt, nach Nordafghanistan - offiziell für "eine Lagefeststellung". Das Verfahren hatte die Bundeswehr Popal Ende Dezember bei einem Treffen offeriert, er stimmte zu.

Bei dem Ortstermin soll geklärt werden, ob die von Popal vertretenen Personen Ansprüche auf mögliche Entschädigung haben und wie die Bundeswehr diese sinnvoll leisten kann. Über die Details der Verhandlungen wurde Stillschweigen vereinbart. Einen konkreten Fahrplan für die Gespräche, die vom militärischen und zivilen Leiter des Camps geführt werden, gibt es bisher nicht. Intern heißt es im Ministerium, man wolle mit Popal alle möglichen Szenarien durchspielen.

Die Zahlung hoher Geldbeträge scheint jedoch ausgeschlossen. "Jede Form von Entschädigung sollte landestypisch sein und keinen neuen Unfrieden säen", sagte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg SPIEGEL ONLINE. Die Zahlung an Einzelne birgt nach Analyse seines Ministeriums die Gefahr, dass in der bettelarmen Region Kämpfe um das Geld ausbrechen könnten und die Bundeswehr am Ende neue Gewalt statt eine Beruhigung der Situation heraufbeschwört.

Karim Popal, der bereits zweimal auf eigene Faust in Kunduz recherchiert hat und mit Hilfe einer lokalen Politikerin einen dicken Stapel Akten mit Mandatenfällen von Angehörigen möglicher ziviler Opfer einsammelte, flog am Freitag von Deutschland aus in Richtung Afghanistan. Begleitet wird er von einem Juristen aus dem Bundesverteidigungsministerium, der den Vorgang bearbeitet. Minister zu Guttenberg hatte kurz nach Amtsantritt erklärt, zivile Opfer entschädigen zu wollen.

Die Ankunft in Kunduz, eigentlich für den Samstagnachmittag geplant, verzögerte sich wegen schlechten Wetters über der Region. Aufgrund einer dicken Wolkendecke musste die C-10-Frachtmaschine, mit der die Bundeswehr Popal nach Kunduz bringen wollte, nach Masar-i-Sharif zurückkehren. Inzwischen ist er in Kunduz eingetroffen. Er soll gemeinsam mit der Bundeswehr bis Mitte nächster Woche beraten und auch seine Recherchen genauer erläutern.

Festzustellen, wie viele Zivilisten bei dem Bombardement der Laster starben, ist schwierig. Mittlerweile gibt es mindestens sieben Listen mit Opfern, die sich nur bedingt decken. Die Regierung sprach nach einer aufwendigen Untersuchung von 99 Toten, klassifizierte jedoch 69 davon als Taliban. Andere Berichte von Menschenrechtsgruppen geben die Zahl von getöteten Taliban zwischen 20 und 40 an, der Rest der Toten sollen Zivilisten gewesen sein.

Die Opferzahlen aufzuklären, ist schier unmöglich

Popal hingegen spricht nach seinen Recherchen, die er wegen der brisanten Sicherheitslage nicht am Ort des Bombardements, sondern nur in Kunduz-Stadt durchführen konnte, von 137 zivilen Opfern. Seinen Angaben zufolge wurden bei dem vom deutschen Oberst Georg Klein befohlenen Abwurf zweier Bomben nur fünf Taliban-Kämpfer getötet. Diese Zahlen werden vor allem von den afghanischen Sicherheitsbehörden, die den Angriff stets gelobt hatten, massiv angezweifelt.

Aufklären wird man die verschiedenen Versionen wohl nie. Die Taliban hatten in der Angriffsnacht im September per Telefon und teilweise mit Gewaltandrohung Anwohner aus den umliegenden Dörfern aufgefordert, den Diesel aus den beiden Tankern abzuzapfen, nachdem sich die Trucks auf einer Sandbank im Kunduz-Fluss festgefahren hatten. Wer von den Opfern den Taliban angehörte, mit ihnen sympathisierte und wer Zivilist war, erscheint im Nachhinein unmöglich herauszufinden.

Angedacht sind deshalb eher Entwicklungsprojekte, die der ganzen Region rund um den Tatort, aber auch den betroffenen Dörfern und einzelnen Familien zugute kommen sollen. In den vergangenen Tagen hatte auch Popal von einer solchen Lösung, die langfristige Unterstützung der Opfer sichern könnte, gesprochen. Zuvor jedoch nannte er in Interviews sehr unterschiedliche Forderungen - teilweise mit Summen in Millionenhöhe. Seine Sprunghaftigkeit sorgte bei der Bundeswehr für Verwirrung.

Die Aktivitäten des Anwalts sind nicht unumstritten. Zwei deutsche Experten für internationale Schadensersatzfragen trennten sich nach kurzer Kooperation von Popal, der in Bremen eine kleine Kanzlei betreibt. Hinter den Kulissen soll es zwischen Popal und den Fachleuten bei den diffizilen außergerichtlichen Entschädigungsverhandlungen zu Streit über die wechselnden Aussagen Popals und die Finanzierung seiner Reisen nach Afghanistan gekommen sein.

Kunduz' Gouverneur Omar wirbt für Kompromiss

In Kunduz hatte Gouverneur Mohammed Omar dem Juristen vorgeworfen, er wolle aus Eigennutz hohe Geldsummen aushandeln, die letztlich bei den Taliban landen würden. Zudem erhob Omar Anschuldigungen, Popal stehe den Islamisten in Afghanistan nahe und sei gar ein enger Vertrauter des Warlords und Islamisten Gulbuddin Hekmatjar. Die Vorwürfe sind kaum nachzuprüfen, gleichwohl ist auch bei der Bundeswehr bekannt, dass Popal durchaus als schillernde Figur gilt.

Weitaus gemäßigter wirbt der Gouverneur nun für einen Kompromiss. "Wir haben eine Arbeitsgruppe gegründet, die nach Lösungen suchen wird", sagte Omar SPIEGEL ONLINE am Wochenende. Denkbar seien Projekte wie eine Teppichmanufaktur, die den Menschen Einkommen sichern und auch der Entwicklung der Region dienen würde. Die Deutschen haben ihn vor der Ankunft Popals informiert und wollen den Politiker in die Gespräche einbinden.

"Wenn die Bundeswehr Geld an Einzelne gibt, führt das zu Mord und Totschlag", warnte Omar. Die Truppe würde den Fall am liebsten so schnell wie möglich abschließen, die laufenden Untersuchungen, die sich auch gegen einst in Kunduz eingesetzte Soldaten richten, belastet das jetzige Kontingent schon genug. Folglich hofft man, dass man in Kunduz selbst eine pragmatische Lösung finden wird und möglicherweise schon bald mit entsprechenden Projekten beginnen kann.