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01. Oktober 2015, 14:14 Uhr

Taliban-Sturm auf Kunduz

Flucht aus der Kampfzone

Ein Interview von

Die deutsche Entwicklungshelferin Sybille Schnehage floh in letzter Minute, als die Taliban Kunduz eroberten. Hier berichtet sie, wie sie den Einmarsch der Islamisten erlebte und es gerade noch aus der Stadt schaffte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schnehage, Sie haben am Montagmittag mit der letzten Maschine der Uno Kunduz verlassen. Was hat sich dort abgespielt?

Schnehage: Ab dem frühen Morgen wurde die Lage immer bedrohlicher. Bewaffnete Kämpfer mit weißen Kopfbinden, und Fahnen auf denen stand "Gott ist groß", fielen in die Stadt ein. Das waren nicht die lokalen Taliban aus Kunduz, erklärten mir meine Mitarbeiter. Dies waren bestens ausgerüstete junge Männer, fast militärisch gedrillt, mit großen Geschützen, die man erst mal bedienen können muss. Sie hatten sogar Raketen und andere schwere Geschütze dabei. Die lokalen Sicherheitskräfte hatten dem nichts entgegen zu setzen.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie die Taliban bei ihrem Angriff sehen?

Schnehage: Wir, meine Mitarbeiter und ich, haben die Lage zunächst von der Terrasse aus beobachtet. Per Telefon forderte mich die deutsche Botschaft ständig auf, die Stadt zu verlassen. Zuerst wollte ich nicht, ich arbeite ja seit mehr als 21 Jahren in Kunduz und mir ist nie etwas passiert. Doch als die ersten schweren Geschosse über mein Haus zischten und ein Panzer der Taliban auf einem nahegelegenen Friedhof in Position ging, bekam ich auch Angst.

SPIEGEL ONLINE: Hatten die Taliban die Stadt da schon erobert?

Schnehage: Sie waren plötzlich überall, es müssen Hunderte Kämpfer gewesen sein. An der Hauptstraße fielen sie ins Hospital ein und posierten gleich für Fotos auf Facebook mit den dortigen Ärzten. Ganz in der Nähe von uns überfielen sie das Haus des Friedensrats und steckten es in Brand. Überall über der Stadt stand Rauch und es wurde geschossen.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie noch flüchten?

Schnehage: Ich habe mich um 14 Uhr in meinen rostigen Toyota Corolla gesetzt, drei meiner Wachleute mit Kalaschnikows haben mich begleitet. Auf Schleichwegen sind wir abseits der Hauptstraße durch die Felder und schließlich zum Flughafen gekurvt, da wurde in der Stadt schon gekämpft. Am Flughafen herrschte Chaos, viele Menschen waren da und wollten nach Kabul fliegen. Mit viel Glück habe ich noch einen Platz in der letzten Uno-Maschine bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Heute heißt es, es habe Warnungen gegeben.

Schnehage: Es gab ja immer Warnungen vor Attacken der Taliban, eigentlich fast jeden Tag in den letzten Wochen. Die Lage in Kunduz ist über den Sommer immer bedrohlicher geworden. Das liegt auch daran, dass gerade die jungen Männer dort ohne jede Perspektive groß werden. Es gibt keine Jobs, keine Zukunft für sie. Wer reiche Eltern hat, engagiert einen Schlepper, der einen nach Europa bringt. Wer arm ist, schließt sich den Taliban an, die zahlen wenigstens einen kargen Lohn pro Monat.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es ihren afghanischen Mitarbeitern in Kunduz?

Schnehage: Ich telefoniere regelmäßig mit meinen Leuten. Alle haben Riesenangst, dass die Taliban oder die jungen Männer, die sich nun so nennen, sie überfallen oder bestrafen, weil sie mit einer Ausländerin gearbeitet haben. Zum Telefonieren verstecken sich meine Leute meist im Keller, damit sie die Kämpfer auf der Straße nicht hören können. Es ist fürchterlich, dass ich meine besten Helfer zurücklassen musste.

SPIEGEL ONLINE: Die afghanische Armee scheint mit der Lage in Kunduz völlig überfordert zu sein. Hat die Bundeswehr Kunduz zu früh verlassen?

Schnehage: Das Problem ist nicht der Abzug der Bundeswehr, die konnten die Taliban ja auch nur in Schach halten, aber nicht vertreiben. Wir als internationale Gemeinschaft haben uns seit Beginn der Isaf-Mission zu stark auf das Militärische konzentriert und den zivilen Aufbau vernachlässigt. Afghanen, die einen Job, eine Perspektive haben, schließen sich nicht den Taliban an. Wir hätten nicht nur Straßen, sondern auch Fabriken bauen, die Landwirtschaft ankurbeln und so Arbeit schaffen müssen. Dann wäre die Lage nicht so dramatisch wie sie sich jetzt entwickelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie nach Kunduz zurückkehren?

Schnehage: Kunduz ist meine zweite Heimat, ich musste mich überwinden zu gehen, doch es ging nicht anders. Sobald es die Lage zulässt, werde ich zurückkehren und meine Arbeit dort fortsetzen.

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