Taliban-Sturm auf Kunduz Flucht aus der Kampfzone

Die deutsche Entwicklungshelferin Sybille Schnehage floh in letzter Minute, als die Taliban Kunduz eroberten. Hier berichtet sie, wie sie den Einmarsch der Islamisten erlebte und es gerade noch aus der Stadt schaffte.

Ein Interview von


Zur Person
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    Sybille Schnehage, 65, ist studierte Diplom-Physikerin und Lehrerin, sie arbeitet aber seit mehr als 21 Jahren in Afghanistan als Entwicklungshelferin. Als eine der wenigen Westler erlebte sie dort auch die Zeit unter der Herrschaft der Taliban. In Kunduz gründete sie 1994 den Hilfs-Verein Katachel und hilft unabhängig von staatlichen Institutionen. Für ihre mutige Arbeit wurde sie mit vielen Preisen ausgezeichnet, unter anderem im Jahr 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2004 mit der Einsatzmedaille der Bundeswehr in Kunduz.
SPIEGEL ONLINE: Frau Schnehage, Sie haben am Montagmittag mit der letzten Maschine der Uno Kunduz verlassen. Was hat sich dort abgespielt?

Schnehage: Ab dem frühen Morgen wurde die Lage immer bedrohlicher. Bewaffnete Kämpfer mit weißen Kopfbinden, und Fahnen auf denen stand "Gott ist groß", fielen in die Stadt ein. Das waren nicht die lokalen Taliban aus Kunduz, erklärten mir meine Mitarbeiter. Dies waren bestens ausgerüstete junge Männer, fast militärisch gedrillt, mit großen Geschützen, die man erst mal bedienen können muss. Sie hatten sogar Raketen und andere schwere Geschütze dabei. Die lokalen Sicherheitskräfte hatten dem nichts entgegen zu setzen.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie die Taliban bei ihrem Angriff sehen?

Schnehage: Wir, meine Mitarbeiter und ich, haben die Lage zunächst von der Terrasse aus beobachtet. Per Telefon forderte mich die deutsche Botschaft ständig auf, die Stadt zu verlassen. Zuerst wollte ich nicht, ich arbeite ja seit mehr als 21 Jahren in Kunduz und mir ist nie etwas passiert. Doch als die ersten schweren Geschosse über mein Haus zischten und ein Panzer der Taliban auf einem nahegelegenen Friedhof in Position ging, bekam ich auch Angst.

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Nordafghanistan: Der Kampf um Kunduz
SPIEGEL ONLINE: Hatten die Taliban die Stadt da schon erobert?

Schnehage: Sie waren plötzlich überall, es müssen Hunderte Kämpfer gewesen sein. An der Hauptstraße fielen sie ins Hospital ein und posierten gleich für Fotos auf Facebook mit den dortigen Ärzten. Ganz in der Nähe von uns überfielen sie das Haus des Friedensrats und steckten es in Brand. Überall über der Stadt stand Rauch und es wurde geschossen.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie noch flüchten?

Schnehage: Ich habe mich um 14 Uhr in meinen rostigen Toyota Corolla gesetzt, drei meiner Wachleute mit Kalaschnikows haben mich begleitet. Auf Schleichwegen sind wir abseits der Hauptstraße durch die Felder und schließlich zum Flughafen gekurvt, da wurde in der Stadt schon gekämpft. Am Flughafen herrschte Chaos, viele Menschen waren da und wollten nach Kabul fliegen. Mit viel Glück habe ich noch einen Platz in der letzten Uno-Maschine bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Heute heißt es, es habe Warnungen gegeben.

Schnehage: Es gab ja immer Warnungen vor Attacken der Taliban, eigentlich fast jeden Tag in den letzten Wochen. Die Lage in Kunduz ist über den Sommer immer bedrohlicher geworden. Das liegt auch daran, dass gerade die jungen Männer dort ohne jede Perspektive groß werden. Es gibt keine Jobs, keine Zukunft für sie. Wer reiche Eltern hat, engagiert einen Schlepper, der einen nach Europa bringt. Wer arm ist, schließt sich den Taliban an, die zahlen wenigstens einen kargen Lohn pro Monat.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es ihren afghanischen Mitarbeitern in Kunduz?

Schnehage: Ich telefoniere regelmäßig mit meinen Leuten. Alle haben Riesenangst, dass die Taliban oder die jungen Männer, die sich nun so nennen, sie überfallen oder bestrafen, weil sie mit einer Ausländerin gearbeitet haben. Zum Telefonieren verstecken sich meine Leute meist im Keller, damit sie die Kämpfer auf der Straße nicht hören können. Es ist fürchterlich, dass ich meine besten Helfer zurücklassen musste.

SPIEGEL ONLINE: Die afghanische Armee scheint mit der Lage in Kunduz völlig überfordert zu sein. Hat die Bundeswehr Kunduz zu früh verlassen?

Schnehage: Das Problem ist nicht der Abzug der Bundeswehr, die konnten die Taliban ja auch nur in Schach halten, aber nicht vertreiben. Wir als internationale Gemeinschaft haben uns seit Beginn der Isaf-Mission zu stark auf das Militärische konzentriert und den zivilen Aufbau vernachlässigt. Afghanen, die einen Job, eine Perspektive haben, schließen sich nicht den Taliban an. Wir hätten nicht nur Straßen, sondern auch Fabriken bauen, die Landwirtschaft ankurbeln und so Arbeit schaffen müssen. Dann wäre die Lage nicht so dramatisch wie sie sich jetzt entwickelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie nach Kunduz zurückkehren?

Schnehage: Kunduz ist meine zweite Heimat, ich musste mich überwinden zu gehen, doch es ging nicht anders. Sobald es die Lage zulässt, werde ich zurückkehren und meine Arbeit dort fortsetzen.

insgesamt 35 Beiträge
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mego14 01.10.2015
1. Afghanen in die Fabrik?
Welche Fabriken sollten da aufgebaut werden damit die jungen Leute eine Perspektive bekommen?? Autofabriken, Chipfabriken oder andere technische Anlagen?? Wer soll dort investieren?? Ist die Entwicklungshelferin nach 21 Jahren in Afghanistan wirklich der Meinung, dass junge Afghanen vom Lande, größtenteils Analphabeten, bereit und fähig sind in Fabriken zu arbeiten? Die Übervölkerung, trotz Krieg, gibt doch für viele Menschen keine echten Lebenschancen. Das führt, wie beschrieben, auch zukünftig nur zum Gewehr um den Lebensunterhalt zu verdienen.Mego
schlipsmuffel 01.10.2015
2. Wieso
nur versucht uns die ganze Welt immer einzureden. wir müssten überall helfen, aufbauen und ankurbeln? Was wurde denn aus den Abermilliarden Entwicklungshilfen, die über Jahrzehnte weltweit verteilt wurden? Wir werden die Mentalität dort nicht ändern. Und wir können uns nicht für jedes Elend verantwortlich fühlen.
it--fachmann 01.10.2015
3. Eine mutige Frau ...
... und hinsichtlich iher Forderung nach einem wirtschaftlichen Aufbau Afghanistans hat sie völlig Recht. Klar, Bomben abwerfen ist leichter, als ein Land aufzubauen. Deshalb verdrängen Politiker, die grundsätzlich nur bis zum nächten Wahltermin denken, diese Tatsache gerne. Nachthaltige Politik wird nicht gemacht, das Militär, wird die Lage bis zur nächsten Wahl schon ruhig halten - denken sie. Das ist verantwortungslos. Deutschland ist nun schon seit fast 15 Jahren in Afghanistan engagiert und ausser eine paar Vozeigeprojekten ist nicht viel geschehen. Man hätte mehr Entwickungshelfer und Wirtschaftsfachleute schicken sollen, als Militärs. Aber das war unseren Politikern wohl zu teuer. Ihre kurzsichtige Politik, wird aber noch viel teuerer für uns werden.
testthewest 01.10.2015
4. Man kann das Pferd nur zum Wasser führen...
...trinken muss es alleine! "Wir hätten nicht nur Straßen sondern auch Fabriken bauen, die Landwirtschaft ankurbeln und so Arbeit schaffen müssen. Dann wäre die Lage nicht so dramatisch wie sie sich jetzt entwickelt hat. " Der Westen kann keine Wirtschaft aus dem Nichts aufbauen. Kapitalismus setzt die Geschäftstüchtigkeit der Bewohner vorraus. Die Leute müssen nicht nach einer Stelle suchen, sie müssen sich selbst eine Arbeit überlegen! Und so schwer kann das nicht sein. Die Leute dort haben genug Bedürfnisse, welche man bedienen kann und damit Geld verdienen. Das "der Westen" dort die Landwirtschaft "ankurbeln" müsse ist wohl der größte Witz. Die Menschen dort wissen seit Jahrtausenden wie man Landwirtschaft durchführt. Das Selbe gilt für Fabriken, zumal Fabriken auch im Westen nicht durch den Staat gebaut werden. Interessant wäre auch mal zu wissen, woher die Taliban eigentlich das Geld für den Sold haben. Zusammengefasst kann man sagen: Unsere Entwicklungshilfe ist gescheitert. Die Menschen sind dort nicht selbstständiger oder demokratisch gesinnter geworden. In 10 Jahren sind die Taliban dort wieder flächendeckend an der Macht und das Land wird weiter richtung Mittelalter sich entwickeln. So Leid es mir tut Frau Schnehage, Sie und ihr Lebenswerk sind gescheitert.
Spiegelleserin57 01.10.2015
5. Danke für diese Infos!
Nun wissen wir was verpasst wurde! Kein Militär sondern Aufbauhilfe, na da schau her. Anstatt das Land in Schutt und Asche zu legen wäre der Aufbau wohl die beste Abwehr. Das wohl auch für Syrien gelten, wie immer Brot statt Waffen. Es wäre doch einfach wenn man nicht auf die Waffenlobby hören würde. Also die Wirtschaft dort ankurbeln und die Soldaten nur zur Absicherung des Wiederaufbaus. Jetzt wissen wir auch weshalb die Flüchtlinge kommen, ganz genau! Darüber sollte im Bundestag gesprochen werden bevor man wieder Gesetze verabschiedet. Diese Dame sollte von Frau Merkel zur Schilderung der Zustände empfangen werden. Besonderen Dank an Frau Schnehage und den Spiegel für dieses offene Interview.
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