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Prozess: Kein Scahdenersatz für Kunduz-Angriff vor Gericht

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Kunduz-Prozess "Es fühlt sich nicht richtig an"

Es war der schlimmste Angriff deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg: Die Bomben auf zwei Tanklaster im afghanischen Kunduz töteten Dutzende Menschen. In einem Zivilprozess vor dem Landgericht Bonn geht es nun um die Frage der Schuld - und um Sühne.

Bonn - "Bestätigen Sie ein letztes Mal, dass diese Leute eine unmittelbare Bedrohung darstellen!", funkte der amerikanische Kampfjet-Pilot Dude 15 dem deutschen Fliegerleitoffizier. Seit einer guten halben Stunde kreisten zwei Düsenjäger vom Typ F-15 in dieser Vollmondnacht des 4. September 2009 über einer Sandbank im Kunduz-Fluss in Afghanistan. Da sprach der Oberfeldwebel W. die entscheidenden Worte: "Ja, diese Leute stellen eine unmittelbare Bedrohung dar."

Zwei Minuten später klinkten die beiden Waffensystemoffiziere der Jets zwei 500-Pfund-Bomben vom Typ GBU-38 aus. Um 1.50 Uhr Ortszeit detonierten die Lenkwaffen am Boden. Sie trafen die beiden Tanklaster, von denen der Oberst Georg Klein fürchtete, sie könnten seinen Außenposten angreifen, und rissen viele Menschen in den Tod - wie viele ist bis heute nicht genau geklärt.

Die Bundeswehr geht von 91 Toten aus, die Nato kam in einem Bericht auf mindestens 142 Tote oder Verletzte. Nach Recherchen der Opferanwälte starben 137 Menschen. Unzweifelhaft ist: Es war der verheerendste Angriff in der Verantwortung deutscher Soldaten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs (die Rekonstruktion der Attacke im SPIEGEL lesen Sie hier ).

Tödliche Attacke

Die 1. Zivilkammer des Landgerichts Bonn verhandelt nun seit März über die tödliche Militäraktion. Die Bremer Anwälte Karim Popal und Peter Derleder haben die Bundesrepublik Deutschland verklagt (Aktenzeichen 1 O 460/11) und fordern für die Hinterbliebenen der Opfer des Luftangriffs insgesamt etwa 90.000 Euro Schadensersatz- und Schmerzensgeld. Die Bundeswehr hat bislang etwa eine halbe Million Euro an freiwilligen Wiedergutmachungsleistungen gezahlt.

Laut Klage verloren Popals Mandanten Angehörige bei dem Angriff: Zwei Söhne des Bauern Abdul Hannan starben, sie waren acht und zwölf Jahre alt. Auch Guldin Rauf, ein Lohnarbeiter aus dem Dörfchen Omar Khel, überlebte das Bombardement nicht. Er hinterließ seine Frau Qureisha und sechs Kinder: 15, 13, zehn, acht, fünf und drei Jahre alt. Mit diesen Schicksalen muss sich nun das Gericht befassen und auch damit, was sich eigentlich genau in Kunduz ereignet hat.

Dazu wird sich die Kammer am Mittwoch die Videos aus den F-15-Flugzeugen ansehen sowie den Funkverkehr zwischen den Piloten und dem Bundeswehrsoldaten W. anhören. SPIEGEL ONLINE liegen die entsprechenden Dokumente bereits vor.

"Ich will ja abwerfen"

Ersichtlich könnte der Kammer dabei werden, wie schwer sich der aus Kalifornien stammende Flieger Dude 15 mit dem Bombenabwurf tat. Nachdem er bereits einige Zeit mit dem deutschen Fliegerleitoffizier, Codename Red Baron 20, diskutiert hatte, funkte er seinem Kameraden im anderen Jet: "Ich will ja abwerfen, aber irgendetwas, irgendetwas fühlt sich einfach nicht richtig an."

Dude 15 versuchte, eine übergeordnete Stelle einzuschalten, aber der Luftwaffensoldat widersprach: Die Freigabe sei durch den Kommandeur des deutschen Postens erfolgt, "der neben mir sitzt". Zum nunmehr fünften Mal bat der Pilot darum, im Tiefflug über die Sandbank donnern zu dürfen, damit sich Zivilisten in Sicherheit bringen könnten. Doch Red Baron verweigerte die sogenannte "Show of Force", er blieb hart: "Negativ. Ich will, dass sie direkt angreifen."

Oberst Klein hatte am Abend des 3. Septembers 2009 erfahren, dass Aufständische ganz in der Nähe zwei Tankzüge entführt hatten. Der Offizier nahm an, dass sie als fahrende Bomben gegen die Deutschen eingesetzt werden könnten. Er rief daher US-Kampfflugzeuge herbei und ließ von seinem Fliegerleitoffizier behaupten, deutsche Soldaten hielten sich in der Nähe des Geschehens auf ("troops in contact"). Der Grund: Die Einsatzregeln erlaubten für diesen Fall eine Attacke.

Strafverfahren gegen Oberst Klein eingestellt

Die Kammer unter Vorsitz des Richters Heinz Sonnenberger will nun herausfinden, ob sich ein schuldhafter Verstoß Kleins gegen Amtsverpflichtungen zum Schutz der Zivilbevölkerung feststellen lässt. Bislang ist unklar, ob der Offizier selbst als Zeuge gehört wird. Die Klägerseite, der die Beweislast obliegt, hat ihn bisher nicht benannt.

Das Strafverfahren gegen Klein hatte die Bundesanwaltschaft indes eingestellt. In dem als Geheimsache eingestuften Abschlussbericht entlastete die Behörde den Offizier von dem Vorwurf des Mordes an Zivilisten vor allem mit dem Argument, für ihn sei "angesichts der ihm bekannten Umstände" und der Angaben eines Informanten "die Anwesenheit geschützter Zivilisten fernliegend" gewesen. Daher hätte er die Menschen in der Umgebung der Tanklaster nicht warnen müssen.

Der Pilot Dude 15 sagte bei seiner Vernehmung durch Isaf-Ermittler, er und seine Kameraden hätten nicht gewusst, dass am Boden auch die entführten Lastwagenfahrer und damit eben Zivilisten gewesen seien. Ansonsten hätten sie ihre "Waffen nicht eingesetzt".

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