Syriens Kurden Streitmacht zwischen den Fronten

Lange standen sie zwischen den Fronten, hielten Assad und die Rebellen gleichermaßen auf Distanz: Die Kurden im bergigen Norden Syriens gebieten über eine militärische Streitmacht, die beiden Seiten Respekt einflößt - doch nun geraten auch sie in den Sog des Krieges.

Kurt Pelda

Aus Aleppo berichtet Kurt Pelda


Wenn Syriens sunnitische Rebellen von der Ebene nördlich von Aleppo in die benachbarte Provinz Idlib fahren, müssen sie das Simeon-Gebirge überqueren. Der Weg durch die Millionenstadt Aleppo wäre schneller, doch ist die Wirtschaftsmetropole geteilt in einen vom Widerstand kontrollierten Osten und einen vom Regime beherrschten Westen. Da nimmt man lieber den Umweg über die Simeon-Berge in Kauf. Und die Kurden, die die Verbindungsstraße über die Berge kontrollieren, lassen das zu.

Im Auto sitzt Fadi, ein islamistischer Rebell Anfang zwanzig. Sein Vater ist Kurde, seine Mutter sunnitische Araberin. Mit seinen Freunden fährt er langsam den Berg hinauf. Als Fadi bei einem Zwischenhalt aussteigt, machen sich seine Kampfgefährten lustig über seine kurdischen Wurzeln. Sie zweifeln an seiner Loyalität, weil die Kurden in der Regel geschickt zwischen dem Assad-Regime und der Rebellion lavieren.

Wie um das Gegenteil zu beweisen, sagt Fadi über seine kurdische Verwandtschaft: "Die werden wir schon noch lehren, wie sich echte Musliminnen zu benehmen haben." Er weiß, dass sich die meisten Kurdinnen in der Öffentlichkeit ohne Kopftuch bewegen. Und es sind genau solche Sprüche, vor denen sich die kurdische Minderheit im Land fürchtet: Sie wollen nicht zwischen dem Assad-Regime und islamistischen Hitzköpfen wie Fadi aufgerieben werden.

Seit Monaten sind die Enklaven von Rebellen eingeschlossen

Ein Kontrollposten der Aufständischen stellt sicher, dass keine Feinde die wichtige Verbindungsstraße nutzen. Für die Rebellen sitzt der Gegner nicht nur in West-Aleppo, sondern auch in den schiitischen Enklaven Nubbol und Zahraa, zwei Kleinstädten in den Simeon-Bergen. Seit Monaten sind die Enklaven mit ihren schätzungsweise 60.000 Zivilisten, Soldaten und Milizionären von Rebellen eingeschlossen. Glaubt man den Regierungsmedien, sind dort schon Kinder verhungert - als Folge der Belagerung.

Immer häufiger feuern die Rebellen jetzt Grad-Raketen und andere Geschosse auf die Enklaven und nehmen dabei in Kauf, dass auch Zivilisten getötet werden. Sie wollen sich für die Gräueltaten der Gegenseite rächen, zum Beispiel für die jüngsten Massaker an Sunniten im alawitisch dominierten Streifen an der Mittelmeerküste.

Syriens Bürgerkrieg - ein Religionskrieg

Die Alawiten, Präsident Assads Religionsgruppe, sehen sich selbst als eine Abspaltung des schiitischen Islam. Für die sunnitischen Rebellen stellen die schiitischen Enklaven damit Feindesland dar, und zwar nicht nur, weil dort Regierungstruppen mit Panzern und Artillerie stationiert sind. Umgekehrt müssen die Schiiten am östlichen Rand der Simeon-Berge das Schlimmste befürchten, falls ihre Städte von den Rebellen erobert werden. Ammar, einer von Fadis Kampfgefährten, droht den Soldaten in den beiden Enklaven, man werde sie nach der Gefangennahme durch den Fleischwolf drehen und den Hunden verfüttern.

Syriens Bürgerkrieg entwickelt sich immer mehr zum Religionskrieg. Und wenn es um Grausamkeit geht, werden die Rebellen ihren Gegnern immer ähnlicher. Eine gewöhnlich zuverlässige Quelle im Widerstand bestätigt die Authentizität eines im Internet kursierenden Fotos. Es zeigt zwei vermummte Rebellen, die soeben zwei Männern die Köpfe bei lebendigem Leib mit einem Fleischermesser abgeschnitten haben. Einer der Vermummten hält einen abgetrennten Kopf triumphierend am Schopf.

"Die Täter waren Tschetschenen, und bei den Getöteten handelte es sich um Milizionäre aus Nubbol", sagt der Informant, der seinen Namen nicht erwähnt sehen will - wegen absehbarer Repressalien von Seiten der Rebellen.

Die Regierungsmedien schreiben dagegen, dass es sich bei den Enthaupteten um Zivilisten gehandelt habe, die dem Blutrausch von Terroristen zum Opfer gefallen seien. Nachprüfen lässt sich das kaum noch, doch war die Bluttat so oder so ein schauerliches Kriegsverbrechen.

Symbole des Assad-Regimes? Fehlanzeige

Schon wenig später erreicht das Fahrzeug das erste kurdische Dorf oben in den Bergen. Fadi spricht einige Brocken Kurdisch und fragt Männer am Straßenrand nach dem Weg. Manchmal ist die rot-weiß-grüne Fahne des autonomen kurdischen Nordiraks zu sehen. Öfter aber prangt das gelb-rot-grüne Emblem der Partei der Demokratischen Union (PYD) an den Mauern. Sie ist die syrische Schwesterorganisation der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die seit rund 30 Jahren gegen den türkischen Staat kämpft. "Das sind Kommunisten, sie kennen keinen Gott", meint Fadi.

Vor wenigen Tagen begann die PKK allerdings ihren Rückzug aus der Türkei in den kurdischen Nordirak. Dieser Schritt ist wichtiger Teil des Waffenstillstands, den der in der Türkei inhaftierte Kurdenführer Abdullah Öcalan im März ausgerufen hat. Und weil die Türkei die wichtigste Versorgungsbasis des syrischen Widerstands ist, wird sich das kurdisch-türkische Stillhalteabkommen auch auf den Konflikt in Syrien auswirken.

Wir fahren weiter, an Hirten vorbei, die ihre Schafe durch die karstigen Hügel treiben. Kurze Zeit später erreichen wir einen Kontrollposten der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG). Am Wachhaus hängt eine dreieckige gelbe Fahne mit einem roten Stern und den Buchstaben YPG. Offiziell ist die YPG die Miliz des Hohen Kurdischen Komitees, einer Art Regierung für die syrischen Kurdengebiete. Dessen weiße Fahne hängt neben jener der YPG und der syrischen Unabhängigkeitsflagge, dem Emblem der aufständischen Freien Syrischen Armee (FSA). Alles in allem eine kunterbunte Mischung von Fahnen und Loyalitätsbekundungen.

Nur Symbole des Assad-Regimes fehlen.

Bei den kurdischen Milizen herrscht strikte Disziplin

Fadis Vater stammt aus Afrin, dem kurdischen Hauptort in den Bergen, aber aufgewachsen ist er unten in der Ebene, bei seiner Mutter. Sie und nicht sein Vater hat ihm eine Braut ausgesucht. Doch bevor er die junge Frau kennenlernt, will Fadi noch seine Schwester in Afrin um Rat bitten. Für das Treffen mit der Unbekannten hat er vorsorglich schon seinen buschigen Salafistenbart abrasiert.

"Die meisten syrischen Frauen mögen keine Bärte", sagt er zur Erklärung. Glattrasiert ist Fadi kaum von den Kämpfern der YPG zu unterscheiden, die höchstens Schnauzbärte tragen. Am Kontrollposten lassen sie uns problemlos nach Afrin weiterfahren. Anders als bei den arabischen Rebellen herrscht bei den kurdischen Milizen strikte Disziplin.

Vor Fadis Besuch bei der Schwester machen wir einen Abstecher zum Regierungsgebäude. Afrin platzt aus allen Nähten, weil so viele Flüchtlinge, vor allem aus Aleppo, hier Schutz suchen. Im vergangenen Juli haben die YPG den Soldaten Assads ein Ultimatum gestellt: Entweder ihr verlasst die Kurdengebiete, oder wir töten euch. Aus Afrin und vielen anderen Orten zogen sich die Regierungskräfte daraufhin zurück und hinterließen den Kurden sämtliche Waffen. Die Rebellen der FSA warfen den Kurden daraufhin vor, heimlich mit Assad zu kooperieren - ein Vorwurf, den die PYD entrüstet zurückweist.

Vor Assads Kampfjets haben die Kurden keine Angst

Niemand weiß genau, über wie viele Soldaten die YPG verfügen. Einzelne Schätzungen gehen von 10.000 Mann aus. Es könnten aber auch viel mehr sein, denn es gibt zwei bis drei Millionen syrische Kurden. Sie leben nicht nur in der Umgebung von Afrin, sondern auch entlang der Grenze zur Türkei und im nordöstlichsten Zipfel des Landes, im Dreiländereck zwischen Syrien, der Türkei und dem Irak.

Draußen vor der Stadt werden halbwüchsige Männer und Frauen an Holzgewehren ausgebildet. Als erstes lernen sie zu exerzieren und die hölzerne Kalaschnikow zu präsentieren. Ihre Beine stecken in grünbraunen Lodenhosen, darüber tragen sie ein gleichfarbiges Uniformhemd und einen breiten Stoffgürtel. Die Mädchen haben sich Tücher in den Farben der PYD wie einen Turban um den Kopf geschlungen.

Durch ihre lange Kriegserfahrung sind die Kurden militarisiert und bis an die Zähne bewaffnet. Angriffe islamistischer Rebellen haben sie in ihren Bergen bisher mit Leichtigkeit abgewiesen. Auch vor Assads Kampfjets haben die Kurden keine Angst. Imad, ein graumelierter YPG-Kämpfer, sagt lachend: "Wenn Flugzeuge kommen, werden wir sie abschießen, wir haben schließlich Flugabwehrraketen."

In einem spartanisch eingerichteten Büro des Regierungsgebäudes treffen wir Sinam Mohammed. Die resolute Frau ist Mitglied im Hohen Kurdischen Komitee, der Regierung von Westkurdistan, wie Mohammed die Siedlungsgebiete in Syrien nennt. "Wir zählen uns zur Opposition gegen Assad, versuchen im bewaffneten Konflikt aber neutral zu bleiben", sagt Mohammed. "Die Revolution werden wir nur unterstützen, wenn die Rebellen unsere Rechte in Syriens künftiger Verfassung garantieren. Dazu waren diese bisher aber nicht bereit."

Das größte Problem der Opposition - sie ist zersplittert

Natürlich sprächen die Kurden auch mit den FSA-Kommandanten, doch gebe es da keine einheitliche Kommandostruktur. "Da hat es von gemäßigten Einheiten alles bis hin zu fundamentalistischen Extremisten und al-Qaida", sagt Mohammed. Diese Zersplitterung sei das größte Problem der Revolution. Außerdem habe es Assad in einem schlauen Schachzug verstanden, die Revolution umzupolen in einen Religionskrieg zwischen Sunniten und Alawiten. "Wenn die Rebellen heute einen Alawiten gefangen nehmen, dann sagen sie, sie müssten ihn schlachten wie ein Tier."

Zumindest in Aleppo hat die YPG-Miliz ihre Neutralität aber aufgegeben. Kurz nach dem kurdisch-türkischen Waffenstillstand erlaubten Aleppos Kurden den arabischen Rebellen, kurdische Stadtviertel als Sprungbrett für Angriffe auf Assads Truppen zu nutzen. Vorangegangen waren dem immer wieder Artillerie- und Luftangriffe des Regimes auf die mehrheitlich kurdischen Viertel.

Zumindest in Aleppo machen die Kurden jetzt gemeinsame Sache mit der FSA. Mitte April beschuldigte die PYD das Regime, Giftgas gegen das Kurdenviertel Scheich Maqsud eingesetzt zu haben. Videobilder zeigten Verletzte mit Schaum vor dem Mund. Nur wenige Tage später beschuldigte die PYD Assads Luftwaffe, Dörfer außerhalb von Afrin bombardiert zu haben.

Auch wenn die Kurden das nicht wollen: Sie gebieten über eine militärische Streitmacht, die beiden Seiten Angst machen müsste. Doch nun scheinen sie immer mehr in den Sog des Bürgerkriegs gezogen zu werden.

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
HeisseLuft 27.05.2013
1. Viel Glück
Zitat von sysopKurt PeldaLange standen sie zwischen den Fronten, hielten Assad und die Rebellen gleichermaßen auf Distanz: Die Kurden im bergigen Norden Syriens gebieten über eine militärische Streitmacht, die beiden Seiten Respekt einflößt - doch nun geraten auch sie in den Sog des Kriegs. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kurden-geraten-in-den-sog-des-krieges-in-syrien-a-901091.html
Kann man nur viel Glück wünschen, sie werden es brauchen.
Sleeper_in_Metropolis 27.05.2013
2.
---Zitat--- Das sind Kommunisten, sie kennen keinen Gott", meint Fadi. ---Zitatende--- Das macht die Leute in Gegenden, wo unzählige Untergruppierungen des Islam gegeneinander Kämpfen sehr sympathisch. Die Kommunisten handeln nämlich üblicherweise rational für ihr Volk, und nicht für irgendeinen Gott, Propheten, dessen Bruder oder ähnlich unsinniges.
FRWBonn 27.05.2013
3. Danke, Herr Pelda, für diesen lesenswerten Bericht !
So sollte Journalismus (auch) sein: Unmittelbare Berichte, nah an den Menschen, und zugleich mit Übersicht. Mit gutem Verstehen, aber keinem falschen Verständnis. Der gute Reporter ist das Auge und Ohr des Lesers zu Hause.
shine31 27.05.2013
4. Re: Die Kommunisten handeln .. für ihr Volk
Zitat von Sleeper_in_MetropolisDas macht die Leute in Gegenden, wo unzählige Untergruppierungen des Islam gegeneinander Kämpfen sehr sympathisch. Die Kommunisten handeln nämlich üblicherweise rational für ihr Volk, und nicht für irgendeinen Gott, Propheten, dessen Bruder oder ähnlich unsinniges.
So so, Kommunisten sind also die wahren Menschenfreunde. Das sollte man aber mal den tausenden Menschen in den Gulags und die Millionen von Stalin getöteten Menschen fragen...
freiheitsglocke 27.05.2013
5. Üblicherweise?
Zitat von Sleeper_in_MetropolisDas macht die Leute in Gegenden, wo unzählige Untergruppierungen des Islam gegeneinander Kämpfen sehr sympathisch. Die Kommunisten handeln nämlich üblicherweise rational für ihr Volk, und nicht für irgendeinen Gott, Propheten, dessen Bruder oder ähnlich unsinniges.
Haben Sie dafür ein historisches Beispiel?
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