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Kurden in Syrien: Zwischen den Fronten

Foto: Daniel Etter

Kurden in Syrien Gegen das Regime - und gegen die Rebellen

Im Aufstand gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad geraten die Kurden zwischen die Fronten. Ein Teil von ihnen steht dem Regime schon lange ablehnend gegenüber. Doch auch den Rebellen trauen viele nicht über den Weg. Die Angst vor neuer Unterdrückung ist groß.
Von Daniel Etter

Mohammed Rabani hoffte, dass der Konflikt in Syrien an ihm vorüberzieht. Er hoffte, aus der Armee entlassen zu werden, bevor er in den Krieg gegen die Aufständischen muss. Doch man ließ ihn nicht gehen. Dann kam der Befehl: an die Front! Mohammed Rabani desertierte. Er floh.

Jetzt sitzt der 23-Jährige mit der Informatikerbrille und dem lichten Haar in einem Flüchtlingslager der Stadt Dohuk, in der Kurdenregion im benachbarten Irak. In Syrien zusammen mit den Aufständischen zu kämpfen, das kann er sich nicht vorstellen. "Ich bin Kurde", sagt Rabani. "Ich will nicht für die Opposition oder die Regierung kämpfen. Wenn ich kämpfe, dann für Kurdistan."

Seit März 2011 tobt in Syrien der Aufstand gegen Machthaber Baschar al-Assad. Es ist nicht Rabanis Aufstand, und so sehen es viele Kurden. Zwar wurden die Kurden vom Assad-Regime lange unterdrückt. Doch auch vor der Opposition haben viele Angst. Während die Welt versucht, die Konfliktparteien in Gut und Böse zu klassifizieren, stehen die Kurden zwischen den Fronten.

"Vielleicht sind sie schlimmer als Assad", sagt Rabani über die Aufständischen. Es ist nicht sein richtiger Name, den will er nicht preisgeben, weil er wieder nach Syrien zurückkehren möchte. Er äußert damit eine Befürchtung, die viele der syrischen Minderheiten - nicht nur Kurden, auch Drusen, Tscherkesen oder Christen - teilen. Dass momentan ein Kurde an der Spitze des Syrischen Nationalrates (SNC) steht, beruhigt Rabani nicht. Zu wenig ist der SNC, der einflussreichste Verband der Opposition im Ausland, den Kurden entgegengekommen. Forderungen nach mehr kurdischer Autonomie lehnt der SNC ab.

Die Lage in der kurdischen Region Syriens wird angespannter

Die kurdische Region im Nordosten Syriens blieb in den ersten Monaten des Aufstands von Gewalt weitgehend verschont. Doch seit Anfang 2012 wird die Lage auch dort angespannter. Die ersten kurdischen Flüchtlinge kamen laut Uno-Flüchtlingswerk im März in den relativ sicheren Norden des Iraks. Inzwischen geht das UNHCR von mehr als 6000 kurdischen Flüchtlingen aus.

Ein Drittel von ihnen lebt wie Rabani in dem staubig braunen Zeltlager bei Dohuk. Derzeit wird das Lager ausgebaut. Die Uno rechnet damit, dass hier bis Ende des Jahres rund 10.000 Flüchtlinge eintreffen. Wenn der Zustrom weiter so anhalte wie im Moment, werden es weit mehr, sagt eine Mitarbeiterin der Organisation.

Die Zustände in den Flüchtlingslagern im Irak sind weitaus schlechter als in den Camps in der Türkei. Die Zelte verwandeln sich unter der irakischen Sonne in Backöfen. Nur vereinzelt gibt es Entlüftungsanlagen. Die Sanitärbereiche sind verdreckt. Doch trotz der besseren Bedingungen ist die Türkei nur für diejenigen Kurden eine Option, die sich klar auf die Seite der syrischen Opposition stellen - und das tun die wenigsten. Wer sich nicht zu ihr bekennt, dem wird Misstrauen entgegengebracht.

Die Kurden werden vom Regime im Konflikt mit Ankara instrumentalisiert

Die Kurden geraten nicht nur zwischen die innersyrischen Fronten. Sie stehen schon lange zwischen allen Grenzen. Die Volksgruppe der Kurden ist auf mehrere benachbarte Regionen verstreut, sie leben im Südosten der Türkei, im Nordosten Syriens, im Nordwesten des Irak und in Iran. Und jedes Mal, wenn es zwischen Ankara und Damaskus Streit gibt, werden die Kurden hineingezogen.

Das syrische Assad-Regime unterstützt die militante Kurden-Organisation PKK. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges stachelten Damaskus und die befreundete Sowjetunion die PKK zu Gewalttaten in der Türkei auf. Als Nato-Staat ist sie mit dem Westen verbündet - ein potentieller Feind.

Nun, da die Spannungen zwischen Ankara und Damaskus steigen, scheint Assad die PKK wieder von der Leine zu lassen. Vergangenes Jahr hat er dem politischen Arm der PKK erlaubt, in Syrien Schulen zu eröffnen. Seit diesem Jahr ist die PKK auch in der syrisch-türkischen Grenzregion Hatay aktiv. Im März soll die PKK bis zu 2000 Kämpfer aus dem Irak nach Syrien verlegt haben. Der Konflikt zwischen der Türkei und der PKK droht zu einem Stellvertreterkrieg mit Syrien zu werden.

Gleichzeitig benutzt Damaskus die PKK auch, um jenen Teil der Kurden zu disziplinieren, der gegen das Regime aufbegehrt. Kurden gegen Kurden - so verhindert Assad, dass diese zu Einheit und Stärke finden. Anders als die PKK etwa ruft der seit den Aufständen aktive Kurdische Nationalrat (KNC) zu Protesten gegen Assad auf.

Assad warb um die Kurden, doch ihr altes Misstrauen blieb

Mit Zugeständnissen hat Syriens Präsident 2011 versucht, die Kurden auf seine Seite zu ziehen. Er erfüllte eine ihrer ältesten Forderungen und verlieh 300.000 vormals staatenlosen Kurden die syrische Staatsbürgerschaft. Yousef Ferhan, 46, in Syrien geboren und aufgewachsen, war einer von ihnen. Er durfte vor den Aufständen seinen Heimatbezirk nicht verlassen. Land zu kaufen, war für ihn fast unmöglich.

Doch Assads Entgegenkommen weckt bei Ferhan kein Vertrauen. "Es ist nur eine Taktik, um sich kurdische Loyalität zu sichern", sagt Ferhan. Mit seiner Frau und sieben Kindern lebt auch er im Flüchtlingslager von Dohuk. Er erinnert sich noch gut an das Jahr 2004. Damals kam es nach einem Fußballspiel zu Gewalt zwischen Kurden und Arabern. Am Ende stürzten die Kurden eine Statue von Hafis al-Assad, dem Vater des derzeitigen Präsidenten, vom Sockel. Damaskus reagierte hart und schickte Tausende Soldaten, Panzer und Hubschrauber. Innerhalb weniger Tage war das kurze Aufbegehren blutig niedergeschlagen.

Ferhan ist dem syrischen Regime kein Unbekannter. Er war in der kurdischen Opposition und bei den Peschmerga, den kurdischen Unabhängigkeitskämpfern im Irak. Sein Mitgliedsausweis zeigt ihn mit dem charakteristischen roten Kopftuch und dem olivgrünen Overall. In den neunziger Jahren saß er wegen seiner politischen Umtriebe vier Jahre in Syrien in Haft.

Seine Söhne haben sich während der Aufstände in den Irak abgesetzt. Das hat Ferhan in Syrien wieder verdächtig gemacht. Von einem Cousin mit Verbindungen zum Sicherheitsapparat kam die Botschaft: "In einer Woche bist du tot." Da entschied sich auch Ferhan zur Flucht ins Nachbarland.

Doch obwohl Ferhan vor Assads Schergen geflohen ist, empfindet er keinerlei Sympathie für die Aufständischen. "Schon jetzt, wo die Opposition noch nicht an der Macht ist, erkennt sie unsere Rechte nicht an", sagt er. "Ich habe Angst, was erst passiert, wenn sie die Macht ergreifen."

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