Kurden-Konflikt Kauder kritisiert türkisches PKK-Bombardement 

Unionsfraktionschef Volker Kauder rügt die jüngsten türkischen Bombardements von Pkk-Stellungen: "Das kann man so nicht laufen lassen", sagte der CDU-Politiker in einer Fraktionssitzung - und forderte eine Nato-Debatte über das Bündnismitglied Türkei.

PKK-Anhänger in der Türkei: Schwappt der Kurden-Konflikt nach Deutschland?
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PKK-Anhänger in der Türkei: Schwappt der Kurden-Konflikt nach Deutschland?


Berlin/Ankara - Der CDU-Politiker Volker Kauder hat gefordert, das Agieren der Türkei im Konflikt um die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zum Thema in der Nato zu machen. "Das kann man so nicht laufen lassen", sagte der Chef der Unions-Bundestagsfraktion nach Teilnehmerangaben am Dienstag in einer Sitzung der Abgeordneten von CDU und CSU.

Das Verhalten der Regierung in Ankara müsse angesichts von Medienberichten über einen türkischen Beschuss von Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK im Südosten des Landes im Bündnis angesprochen werden, sagte Kauder demnach. Das Agieren der Türkei in dem Konflikt habe auch Rückwirkungen nach Deutschland, machte Kauder den Angaben zufolge mit Blick auf hierzulande lebende Türken und Kurden deutlich.

Angeheizt durch den Vormarsch der Dschihadistengruppe IS in der nordsyrischen Kurdenmetropole Kobane droht der Kurdenkonflikt innerhalb der Türkei zu eskalieren: Die türkische Luftwaffe griff am späten Montagabend erstmals seit Ausrufung einer Waffenruhe vor anderthalb Jahren Stellungen kurdischer Rebellen im Südosten an, wie Sicherheitskreise der Nachrichtenagentur AFP bestätigten. Die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sprach von einem Bruch des Waffenstillstandsabkommens.

Nach Angaben der Sicherheitskreise warfen F-16-Kampfjets Bomben auf PKK-Stellungen im Dorf Daglica unweit der irakischen Grenze. Türkischen Medienberichten zufolge feuerten Militärhubschrauber zudem auf mehrere PKK-Einheiten in der Nähe des Dorfs Geyiksuyu. Zuvor hätten PKK-Rebellen drei Tage lang eine Polizeiwache in Daglica beschossen, hieß es. Die PKK bestätigte am Dienstag die türkischen Luftangriffe. Dabei sei niemand zu Schaden gekommen.

Die PKK hatte im März 2013 eine Waffenruhe ausgerufen, zudem wurden Friedensverhandlungen mit der Regierung in Ankara gestartet. Der inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan hatte unlängst mit einem Abbruch des Friedensprozesses gedroht, sollte das nordsyrische Kobane direkt an der türkischen Grenze vom IS erobert werden. Er gab der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan bis Mittwoch Zeit, um auf die Kurden zuzugehen.

Dutzende Tote bei Kurden-Protesten bereits in der Türkei

In den vergangenen Tagen gab es in der Türkei teils gewaltsame Demonstrationen von Kurden, die von Ankara Hilfe für die syrischen Kurden bei der Verteidigung Kobanes verlangen. Dabei wurden Dutzende Menschen getötet. Zudem nahmen türkische Behörden hunderte Kämpfer der syrischen Kurdenpartei PYD fest, die zur medizinischen Versorgung in die Türkei gekommen waren. Rund 160 von ihnen traten nach Angaben eines türkischen Kurden-Abgeordneten inzwischen in einen Hungerstreik.

Ankara weigert sich bislang auch, trotz massiven internationalen Drucks seine Luftwaffenstützpunkte für Angriffe der internationalen Koalition auf den IS in Syrien zu öffnen. Seit Wochen bombardiert eine US-geführte Allianz IS-Stellungen, zunächst im Irak, inzwischen aber auch in Syrien. Das US-Militär berichtete am Dienstag von 21 Luftangriffen binnen zwei Tagen auf IS-Stellungen vor Kobane. Diese scheinen den Vormarsch der Islamisten verlangsamt zu haben.

Dennoch eroberten die Extremisten am Montag ein Schlüsselgebäude in der Stadtmitte von Kobane und trieben die kurdischen Verteidiger in die Nordhälfte der Stadt, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Die IS-Milizionäre hätten sich vom Osten vorgekämpft und kontrollierten nun die Hälfte der einstigen Kurdenmetropole, sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman.

Ein AFP-Reporter berichtete am Dienstagmorgen von heftigen Kämpfen in den nördlichen Vororten, die zum türkischen Grenzübergang Mursitpinar führen. Sollte der IS den letzten Fluchtweg aus Kobane nach Mursitpinar erobern, wäre die Stadt vollständig eingekesselt.

US-Präsident Barack Obama wollte am Nachmittag (Ortszeit) auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews in der Nähe von Washington mit ranghohen Militärs der 21 anderen Allianz-Länder über den Kampf gegen den IS beraten - zum ersten Mal seit dem Start der Angriffe gegen die Dschihadistengruppe. Viele Länder schickten ihre Generalstabschefs zu dem Treffen, auch Deutschland ist vertreten. Trotz der Luftangriffe konnten die Extremisten auch im Irak bislang nicht erfolgreich bekämpft werden. Dort starben bei einem Selbstmordanschlag auf ein schiitisches Viertel von Bagdad erneut mindestens 15 Menschen, darunter ein Mitglied des irakischen Parlaments.

Kurden
Kurdische Ethnie
Weltweit gibt es etwa 30 Millionen Kurden. Ihr Hauptsiedlungsgebiet, das in der Türkei, im Irak, in Syrien und in Iran liegt, bezeichnen sie als Kurdistan. Einen eigenen Staat haben sie nicht. Kurden bilden eine Ethnie. Die meisten von ihnen sind sunnitische Muslime, es gibt aber auch Schiiten, Aleviten, Jesiden, Christen und Juden unter den Kurden.
Kurden in Deutschland
Allein in Deutschland leben etwa eine Million Kurden. Wegen ihrer Staatenlosigkeit werden sie hier meist als Türken, Iraker, Syrer oder Iraner wahrgenommen. Dabei bilden sie die drittgrößte Migrantengruppe in der Bundesrepublik.
Sprachen
Es gibt mehrere kurdische Sprachen, die wiederum jeweils ein Dutzend Dialekte haben. Am weitesten verbreitet ist die Sprache Kurmandschi. Interessanterweise sind es also weder Sprache noch Religion, die die Kurden als Volk zusammenhält, sondern "ihr Miteinander, verwurzelt in einer gemeinsamen Vergangenheit, die mehr oder weniger mythisch ist", wie die Ethnologen Jean-Loup Amselle und Guy Nicolas schreiben.
Autonome kurdische Region
Bis in das 20. Jahrhundert hinein lebten Kurden in Stammesgesellschaften. Heute leben sie in sehr unterschiedlichen Umfeldern. Die autonome kurdische Region im Irak gilt als die stabilste und sicherste im Land. Durch Zugang zu Erdöl ist sie wohlhabend.
Kurden in der Türkei
Kurden in der Türkei sind in allen Gesellschaftsschichten zu finden. Überproportional viele sind jedoch arm, weil ihnen Bildung erschwert wurde. Unterricht auf Kurdisch war jahrzehntelang verboten. Viele Kurden kamen erstmals mit ihrer Einschulung mit Türkisch in Berührung.
Kurden im Irak
Das kurdische Autonomiegebiet liegt im Nordirak und wird von den Kurden Südkurdistan genannt. Im Irak wurden die Kurden lange Zeit verfolgt. Tragischer Höhepunkt war der Giftgasangriff des sunnitischen Diktators Saddam Hussein am 16. März 1988 auf den kurdischen Ort Halabdscha, bei dem etwa 5000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.

flo/dpa/AFP

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Lea S. 14.10.2014
1.
Herr Kauder, wollen Sie die Türkei aus der Nato herausdrängen, weil sie gegen die PKK die international als Terrororganisation gelistet ist, vorgeht? Bevor Sie das versuchen, nehmen sie die PKK doch zumindest in Deutschland von der Terrorliste.
spon-facebook-10000820218 14.10.2014
2. Ich befürworte
Herr Kauder was gedenken Sie zu tun? Soll die Türkei den Beschuss des Militärposten einfach so hinnehmen, damit die Friedensgespräche nicht scheitern? Es gehört schon bischen mehr als nur drohgebärden auszusprechen. Wenn der Wille nicht da ist um überhaupt Friedensgespräche zu führen, dann sollten die Terroristen auch dazu stehen. Und was suchen die Terroristen eigentlich in der Türkei, ich dachte die brauchen jeden Mann in Kobani?
etna 14.10.2014
3. Denkzettel für die Türkei
Die aktive und passive Solidarität der Türkei mit deren sunnitischen "IS"-Brüdern geht gar nicht! Das Argument, daß der Türkei Terroranschäge des IS drohten, zieht auch nicht, da sich jeder Staat der Allianz der Gefahr aussetzt! Aber deswegen kann man die IS-Terroristen ja nicht tatenlos morden und plündern lassen, auch wenn es den Türken gerade strategisch gut in den Kram passt! Es muß ein Hilfskorridor, auch für militärisches Gerät für die Kurden aus Kobane geschaffen werden, und eine Aussetzung der politischen Strafverfolgung, solange sie sich , außer der Tatsache daß sie PKK/YPG-Anhänger sind, nichts Zuschulde kommen lassen! Ansonsten sollte der Terror-Status der PKK von der EU aufgehoben, und die Nato-Mitgliedschaft der Türkei überdacht werden! Wir dürfen uns nicht der dreckigen Politik der Türken, den Kurden gegenüber, unterwerfen! Es gibt keine Zeit mehr, da tatenlos zuzusehen!!! Jeder Tag kostet Menschenleben, der einzigen Kämpfer, die sich dem IS mutig stellen, und die kein anderes Land sonst zu stellen bereit ist!!!
namik-kemal 14.10.2014
4. Warheit und Lüge
Es wird viel gedacht , geredet und vor allem geschrieben.Unter dessen sterben Menschen , nicht nur in Kobane. Und das einzige was Herr Kauder zum Thema zu sagen hat ist , Türkei und die Nato. Das ist ein Witz Herr Kauder weiter so.
nofreemen 14.10.2014
5. Nato Strategie null plus ultra
Die Deutschen liefern Waffen an die PKK und was machen die Türken? Die vernichten diese umgehend. Das darf doch nicht sein, oder?
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