Kurden-Konflikt "Wir sind alle Soldaten!"

Die Türkei setzt erst mal auf Diplomatie - und der Irak verspricht, gegen die PKK vorzugehen. Doch Ankaras Einmarschpläne sind damit keineswegs vom Tisch: Viele Türken fordern einen Militärschlag gegen die kurdischen Extremisten. Sofort.

Istanbul - Es ist ein Tag der Trauer und ein Tag der Wut. Zehntausende Türken verwandeln heute die Beisetzungen der zwölf von kurdischen Extremisten getöteten Soldaten in eine Massendemonstration gegen die Untergrundorganisation PKK. Ein Meer rot-weißer Nationalfahnen trägt die Särge der jungen Armeemitglieder zu ihren letzten Ruhestätten. "Die Märtyrer sind unsterblich, das Mutterland unteilbar", skandieren die Menschen in Keskin, hundert Kilometer südöstlich von Ankara, wo einer der jungen Männer zu Grabe getragen wird. Das türkische Fernsehen überträgt die Trauermärsche aus elf Provinzen live.

Die Wut, sie treibt die Menschen in der Türkei seit Tagen auf die Straßen der Städte im ganzen Land. Zu Tausenden ziehen sie durch die Istiklal Caddesi, die "Straße der Unabhängigkeit", Istanbuls größte Einkaufsmeile. Sie fordern Krieg.

Krieg den Kurden, Krieg der PKK, Krieg dem Irak.

"Wir haben lange genug gewartet", "Allah will diesen Krieg", steht auf den Plakaten. Vor allem junge Menschen machen ihrem Ärger Luft - Fahnen in der Hand, Pfeifen im Mund, Hass in den Augen. Sie rufen: "Hängt Apo!" - das ist der Spitzname des seit 1999 inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan.

"Wir haben lange genug gewartet. Es ist Zeit, dass wir zuschlagen", sagt Erkan, ein junger Kfz-Mechaniker aus Istanbul. Sein Gesicht ist blass, seine rechte Hand hat er zu einer Faust geballt. "Wir sind alle Türken, wir sind alle Soldaten!", ruft Erkan. Viele der Demonstranten sympathisieren mit der rechtsradikalen Jugendorganisation "Graue Wölfe". Ihre Botschaft an die Kurden ist klar: Entweder ihr bekennt euch zum Türkentum, oder ihr müsst sterben.

Die kurdische Terrororganisation PKK kämpft seit Jahrzehnten für ein unabhängiges Kurdistan. Doch die Angriffe der vergangenen Wochen waren die schwersten seit Langem. Das Parlament hatte daraufhin am vergangenen Mittwoch mit überwältigender Mehrheit die Erlaubnis für einen Vorstoß in den Nordirak gegeben. Viele PKK-Guerilleros halten sich dort in den Bergen versteckt.

Auch liberale Türken fordern einen Militärschlag

Noch zögert der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan, nicht zuletzt nach der persönlichen Intervention von US-Außenministerin Condoleezza Rice. Die internationale Diplomatie läuft noch einmal auf Hochtouren. Erdogan selbst weilt heute in London bei seinem Amtskollegen Gordon Brown. "Im Moment warten wir ab", beteuert er, dass ein Einmarsch nicht unmittelbar bevorsteht - um gleich zu ergänzen: "Aber der Irak sollte wissen, dass wir unser Mandat für einen grenzüberschreitenden Einsatz jederzeit benutzen können."

Seinen Außenminister hat der Ministerpräsident nach Bagdad geschickt. Die Türkei wolle ihre "historischen und freundschaftlichen Beziehungen zum Irak nicht wegen einer terroristischen Organisation ruinieren", bekräftigt Ali Babacan dort. Andererseits erwarte Ankara "Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft und unseren Nachbarn im Kampf gegen den Terrorismus".

Der Kurdenkonflikt

Von seinem irakischen Amtskollegen Hoschjar Sebari lässt sich Babacan versichern, dass die irakische Regierung die Bewegungsfreiheit der PKK-Kämpfer im Nordirak einschränken und ihre Finanzierung stoppen werde. Iraks Regierungschef Nuri al-Maliki will zudem die PKK-Büros in seinen Land dicht machen. Die Regierung werde den kurdischen Rebellen auch nicht erlauben, auf irakischem Territorium zu agieren, hieß es in einer vom Amt des Ministerpräsidenten veröffentlichten Erklärung. Und man werde alles tun, um die terroristischen Aktivitäten zu unterbinden, die sowohl den Irak als auch die Türkei bedrohen.

Eine "komplexe und schwere" Krise sieht Außenminister Sebari - selbst ein Kurde -, aber er hofft, dass die Diplomatie noch einen Einmarsch der Türkei verhindern könne.

Ungewiss jedoch, wie lange die türkische Regierung stillhalten wird. Premier Erdogan steht unter großem innenpolitischen Druck, zu handeln. Nicht nur die Tausenden Demonstranten fordern Krieg. Selbst unter liberalen Türken und Studenten an den Universitäten ist die Stimmung gereizt. Viele glauben, man habe sich von der PKK lange genug provozieren lassen. "Erdogan soll sich nicht länger drücken, wir müssen in den Irak einmarschieren", sagt die 23-jährige Politikstudentin Ayla. "Das Kurdenproblem ist mit Diplomatie allein nicht zu lösen."

Krieg als Preis für die Sicherheit? Die Stimmen der Vernunft warnen vor einem Einmarsch in den Nordirak

In der Mensa der Istanbul Bilgi University, einer der renommiertesten Universitäten des Landes, verteilen Studenten Türkei-Fahnen und schwarze Schleifen. "Wir wollen unser Mitgefühl mit den verstorbenen Soldaten ausdrücken", sagt Gözde, eine der Initiatoren. Sie schlägt mit der Faust auf den Tisch. "Ich frage mich, wie viele Türken noch sterben müssen, bis unsere Regierung endlich handelt?" Metin, ein Kommilitone, ergänzt: "Niemand will Krieg, aber wenn das der Preis für Sicherheit ist, haben wir keine andere Wahl."

Noch gibt es aber auch die Stimmen der Vernunft, die vor einem Militärschlag warnen. Der von Kurden bewohnte Norden des Irak ist das bislang einzige weitgehend friedliche Gebiet des geschundenen Landes. "Sollte die türkische Armee die Grenze überschreiten, gerät auch der Nordirak in einen Strudel der Gewalt", sagt Dursun Tüyloglu, Politik-Dozent an der Bilgi University.

Die türkische Regierung habe in den letzten Jahren damit begonnen, den wirtschaftlich schwachen Osten des Landes zu fördern, erklärt Tüyloglu. Das Ergebnis: Bei der jüngsten Parlamentswahl haben mehr als die Hälfte der Kurden für die Regierungspartei AKP gestimmt. "Der PKK läuft die türkische Basis davon und das wissen sie, deshalb bomben sie sich zurück ins Rampenlicht." Mit jedem neuen Soldatenbegräbnis würde der Druck auf die Regierung Erdogan zunehmen.

Der türkische Schauspieler Ozan Ayhan ist sich daher sicher: "Von einem Krieg gegen den Irak wird ausschließlich die PKK profitieren." Mit Waffen sei den Terroristen nicht beizukommen, so Ozan Ayhan. "Wir müssen um die gemäßigten Kurden werben."

"Der Krieg wird alles nur noch schlimmer machen"

Das Gegenteil ist derzeit der Fall. Die Stimmung in der Türkei ist aufgeheizt. Am Sonntagabend wollten gewaltbereite Demonstranten Talabasi, ein kurdisches Viertel in Istanbul, stürmen. Der Mob konnte gerade noch von der Polizei gestoppt werden.

Emrah, 26, ist in Diyarbakir aufgewachsen, einer Kurdenhochburg in Südanatolien. Er hat in Mersin Wirtschaft studiert und sucht nun in Istanbul Arbeit. "Ich habe Angst. Ich weiß nicht, was in diesem Land vor sich geht", sagt Emrah. Er würde in letzter Zeit immer häufiger angepöbelt. "Menschen, die vor wenigen Monaten noch meine Freunde waren, sprechen nicht mehr mit mir."

Vergangene Woche hatte Emrah ein Vorstellungsgespräch bei einer Bank. Als er erzählte, dass er aus Diyarbakir stamme und Kurde sei, habe er vernichtende Blicke geerntet. "Ich arbeite hart, aber ich bekomme keine Chance", sagt Emrah. Er zündet sich eine Zigarette an und raucht sie in hastigen Zügen. "Der Krieg wird alles nur noch schlimmer machen."

mit Material von AFP/Reuters

Der Kurdenkonflikt

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