Kurdenkonflikt PKK und Ankara streiten über Geiselbefreiung

Was passierte wirklich am Berg Ararat? Die entführten deutschen Bergsteiger sind frei - jetzt streiten die Regierung in Ankara und die PKK darüber, wer den Erfolg verbuchen darf. Türkische Zeitungen feiern die Taktik des Militärs, kurdische Medien preisen die Großzügigkeit der Rebellen.

Hamburg - Über das unblutige Ende der Geiselnahme am Berg Ararat kursieren derzeit zwei Versionen. Zwei Erfolgsgeschichten - je nachdem, welcher Seite man glaubt. In türkischen Medien wird die Freilassung der deutschen Bergsteiger, die zwölf Tage lang in der Gewalt der PKK-Eingreiftruppe waren, als Folge der türkischen Militäroperationen gesehen. Der Gouverneur der Provinz Agri erklärte der Presse, der intensive Einsatz der Streitkräfte habe die PKK in die Enge gedrängt. Die Kurdenorganisation sei gezwungen gewesen, die drei Deutschen freizulassen.

Die der PKK nahestehende Nachrichtenagentur Firat schildert freilich einen anderen Ablauf der Ereignisse. Der sogenannte "Leiter der Provinz Serhat" wird dort mit den Worten zitiert: "Es ist den Bemühungen einer demokratischen Organisation wie der KCK zu verdanken, dass die drei Deutschen, die sich in unserer Obhut und in gesundem Zustand befanden, heute um 12 Uhr freigelassen wurden." Die KCK ist der organisatorische Arm der PKK, der die Ziele ihres Führer Abdullah Öcalan planen soll.

Die Befreiung sei "allein auf die Zusammenarbeit mit Gruppen zurückzuführen, die auf unsere Initiative hin entstanden sind", hieß es. Ahmed Danas, ein Sprecher der Kommandoebene, hatte sich am Sonntag per Telefon bei SPIEGEL ONLINE gemeldet und dies so geschildert. "Wir haben entschieden, dass die Geiseln gehen dürfen", sagte Danas. "Die Verhandlungen dazu haben zwei kurdische Organisationen aus der Türkei geführt". Laut Firat soll die Öffentlichkeit am heutigen Montag detailliert Auskunft über die Befreiung erhalten.

Zu Fuß zur nächsten Polizeistation

Das Statement passt zu der Einschätzung des deutschen Krisenstabs, wonach die Führung der PKK von Beginn an ein Interesse an einer gewaltfreien Lösung hatte, um ihr Gesicht zu wahren. Die Kommandoebene habe beweisen wollen, dass sie volle Kontrolle über die weitverzweigten bewaffneten Gruppen innerhalb der PKK hat.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ließ die verbotene kurdische Arbeiterpartei die Deutschen am Ende des knapp zweiwöchigen Geiseldramas einfach laufen. Die deutschen Behörden, so Beamte zu SPIEGEL ONLINE, waren nicht darüber im Bilde, dass die drei bayerischen Sportler am Sonntag freikommen würden. Bis zuletzt hatte der Krisenstab des Auswärtigen Amtes angenommen, dass die Miliz die Freilassung für eine politische Demonstration ausschlachten würde. Jetzt kamen die bayerischen Bergsteiger ohne PR-Spektakel frei.

Türkische Medien geben bislang kaum Informationen über den Ablauf der Geiselbefreiung. Außenminister Ali Babacan habe laut Erklärung des türkischen Außenministeriums seinen deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier telefonisch über die gute Nachricht informiert, hieß es. Gouverneur Mehmet Cetin erklärte, die drei Touristen seien bereits eine halbe Stunde nach ihrer Freilassung von türkischen Sicherheitsleuten "in dem Gebiet" abgeholt worden.

Laut türkischen Zeitungen wurden die Geiseln 500 Meter entfernt von dem Camp freigelassen, aus dem sie gekidnappt worden waren. Die türkische Zeitung "Sabah" zeigt eine Skizze, wonach die Männer zu Fuß ins Eli-Tal gelaufen seien und von dort zur nächsten Polizeistation.

"Die Milizen haben erkannt, dass es kein Entkommen gibt"

Die auflagenstarke türkische Zeitung "Hürriyet" lobt in ihrer Montagsausgabe die Arbeit des türkischen Militärs: "In Absprache mit der sechsköpfigen Kommission aus Deutschland haben die Sicherheitskräfte ihre Operationen sehr vorsichtig und gut koordiniert durchgeführt, um die deutschen Geiseln nicht zu gefährden", so das Blatt in einem ausführlichen Artikel.

"Wegen der intensiven Sicherheitsbemühungen konnten die Terroristen den Berg Ararat nicht verlassen. Vor allem in den letzten beiden Tagen wurden sie durch die Aktionen dermaßen bedrängt, dass sie keinen Ausweg gesehen haben."

Weiter hieß es: "Die PKK-Milizen haben erkannt, dass sie immer enger eingekreist wurden." Die kemalistische Zeitung ist dem türkischen Militär traditionell verbunden. Ihre Version entspricht der der türkischen Behörden.

Auch die deutsche Regierung nennt keine Details zur Freilassung. Weder Steinmeier noch Kanzlerin Angela Merkel haben sich bislang offiziell dazu geäußert. Zur Frage, ob ein Lösegeld gezahlt oder Zugeständnisse an die PKK gemacht wurden, sagte Merkel: "Sie wissen, dass wir alles tun, um die Geiseln freizubekommen. Das ist in diesem Fall gelungen, und mehr gibt es aus meiner Sicht jetzt dazu nicht zu sagen."

Mehr lesen über