Kurdenmilizen in Nordsyrien "Die US-Kräfte haben uns gezeigt, dass sie Freundschaft nicht wertschätzen"

Der US-Truppenabzug aus Nordsyrien hat vor allem für die Verbündeten der USA gegen den IS Konsequenzen. Die Gegend werde bei einer türkischen Offensive zum "Kriegsgebiet", warnen die Kurden.

US-Militärfahrzeuge, die eine Hauptstraße im Nordosten Syriens entlangfahren
ANHA/ DPA

US-Militärfahrzeuge, die eine Hauptstraße im Nordosten Syriens entlangfahren


Vor einer geplanten türkischen Offensive gegen kurdische Milizen in Nordsyrien hatte US-Präsident Donald Trump entschieden, seine Soldaten aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet abzuziehen. Die US-Verbündeten vor Ort, Kurdenmilizen und die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), reagierten wütend auf die Ankündigung. "Die US-Kräfte vor Ort haben uns gezeigt, dass sie Freundschaft und Allianz nicht wertschätzen", schrieb SDF-Sprecher Mustafa Bali am Montag auf Twitter.

Bali wirft den US-Truppen vor, ihrer Verantwortung nicht nachgekommen zu sein - die Gegend werde mit ihrem Abzug zu einem "Kriegsgebiet", warnt er. Die Menschen verdienten wenigstens eine Erklärung. "Aber die SDF sind entschlossen, Nordostsyrien um jeden Preis zu verteidigen." Auf die Unterstützung der Amerikaner können sie dabei nicht mehr zählen.

Seit 2017 patrouillieren US-Soldaten im Norden des Bürgerkriegslandes mit Verbündeten der SDF, die von der Kurdenmiliz YPG dominiert werden. Ankara sieht in der YPG den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK - dem historischen Gegner.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will schon länger in den - von ihm so bezeichneten - "Terrorkorridor" unter SDF-Kontrolle in Nordsyrien einmarschieren. Er will nun dort eine "Sicherheitszone" unter alleiniger türkischer Kontrolle schaffen. Dort will Erdogan auch Millionen syrische Flüchtlinge unterbringen, die derzeit in der Türkei und Europa leben.

Nach dieser massiven Kritik an dem angekündigten Rückzug der US-Truppen aus der syrisch-türkischen Grenzregion sprach Trump am Montag eine Drohung an Ankara aus, die aber ebenfalls Fragen aufwarf. "Wenn die Türkei irgendetwas unternimmt, was ich in meiner großartigen und unvergleichlichen Weisheit für tabu halte, werde ich die türkische Wirtschaft vollständig zerstören und auslöschen", twitterte Trump - ohne deutlich zu machen, was er als Verstoß erachten würde.

Aus dem türkischen Außenministerium hieß es am frühen Dienstagmorgen, man sei für die angekündigte Militäroffensive in Nordsyrien bereit.

vks/dpa

insgesamt 59 Beiträge
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hans_habermoos 08.10.2019
1. Unverständlich
Wenn die USA bleiben sind sie Kriegstreiber. Wenn sie sich zurückziehen, sind sie ohne Wertschätzung. Irgendwie hat man das Gefühl als wenn die USA gerade SPON nichts recht machen können. Aber ich bin auch nur ein verblendeter Trump Fan, so wie alle die die Berichterstattung über die USA hinterfragen.
AndreasKurtz 08.10.2019
2.
Es gibt keine Freundschaft in Politik und Geschäft. Das müssten sie eigentlich spätestens jetzt wissen. Nicht mal eine unverbrüchliche.
motoko_kusanagi 08.10.2019
3. ... Freundschaft nicht wertschätzen
naja, die USA kennt keine "Freundschaft" und Trump schon mal gar nicht. Die behaupteten "Werte" sind verblasst und es zählen nur noch "Interessen". Das war schon früher so, nur jetzt wird dieses offen ungeschminkt brutalisiert gesagt. Die Kurden waren der nütztliche Idiot im Kampf gegen den IS - quasi das Material zum verheizen in der Geopolitik im Nahen Osten. Aber - das gehört auch dazu - dafür haben die Kurden jede Menge Waffen bekommen, die sie wohl nun erst recht gebrauchen werden. Nein - der springende Punkt ist weit tiefgreifender als der Abzug von ~ 100 US-Soldaten an der direkten Konfrontationslinie: 1) Weltweit offenbart sich erklärtermaßen die USA, dass sie nicht Willens ist ihre "Waffenbrüder" zu schützen und zu unterstützen, sondern nach getaner (?) Arbeit Verraten und fallen gelassen werden. Dieses Signal wirkt zumindest im Nahen Osten auch hin zu Irak, Saudi-Arabien und Israel! 2) Besonders Israel wird jetzt wissen dürfen, dass sie ihre aggressive Siedlungspolitik und de fakto Kriegsführung in Libanon, Golan-Höhen und Syrien nicht unbegrenz fortführen können, jedenfalls nicht materiell durch die USA gedeckt, sondern "auf eigene Kosten". Ebenso spiegelt es sich umgekehrt auf den Iran. Wenn Trump kein Interesse hat an "unendliche unnütze Kriege" (was ja so auch richtig ist), dann bleibt die - eigentlich sich schon seit jahren herauskristallisierte - Erkenntnis: Trump fährt immer und ewig die Maximalstrategie: Große Klappe bis zum Anschlag und brutale Wirtschaftsdruck, Nötigung und Erpressung; zerstörung aller diplomatischen Strukturen und Verträge - aber eben keine Kriege. Das scheint der einzige rote Faden zu sein. Und darauf können sich alle einstellen. Auch der Iran. 3) Alle Nationen können sich auf diese "Doktrin" einstellen: China - Nordkorea - Russland. Bahn frei für eine neue Runde geopolitischer Machtspiele und Neuordnung von Einflußsphären. Selbst Taiwan wäre in diesem Kontext nicht mehr "sicher". Also die Tragweite ist überhaupt noch nicht absehbar. 4) Die islamistischen Terrororganisationen können frohlocken. Ihre Rückzugsbasen sind quasi sicher und der IS kann sich reorganisieren. 5) Der trump´sche Isolationismus bedeutet quasi eine geopolitische Grenzziehung maximal bis zum Panama-Kanal - also Nord-und Mittelamerika. China - EU - Russland werden sich neu positionieren. Mal sehen was unser rückwärtsgewandtes "Empire" nach Brexit für sich auserkoren hat.
haitabu 08.10.2019
4.
Staaten, und somit auch viele Politiker, haben keine Freunde - nur Interessen. Auch wenn diese Interessen rein innenpolitisch sind. Diesen Interessen wird alles untergeordnet.
Deeds447 08.10.2019
5. Nachvollziehbar- für mich jedenfalls!
Ich könnte mich diesmal einfach auf's Bashing einlassen, tatsächlich sehe ich aber kaum Alternativen für Washington. Die beiden genannten Stützpunkte (Adjelhoc, Tall Abyad) liegen nicht in der Nähe der Grenze zur Türkei, sie liegen direkt am Grenzübergang in Sichtweite! Die wenigen Soldaten dort zu belassen, bedeutete, da die USA wohl kaum in einen Konflikt gegen den NATO-Partner Türkei eingreifen würden, dass sie wie damals in Srebrenica die niederländischen Blauhelme, dem Gemetzel einfach hilflos zuschauen müssten, im schlimmsten Fall sogar selbst Kollateralschaden würden. Das Erdogan sich von den kleinen Einheiten an gerade mal zwei Grenzposten abhalten lassen würden, ist kaum zu erwarten. Schon einmal ist unter internationelem Protest Erdogan mit deutschen Panznern da medienwirksam reingerollt, ohne tatsächlich etwas erreicht zu haben und letztlich war es die massive Präsenz der Russen, die nicht in der NATO sind und damit weit weniger deeskalierend im Vorgehen vorgehen müssen, die Erdogan davon abhielten weiter in Syrien vorzustoßen. Von daher verstehe ich den Medienbohei hier gerade nicht.... Trump hat wiedermal aufmerksamkeitsgeil alles nach draußen posaunt, es ist aber nicht so, dass er das Heft des Handelns gerade wirklich in der Hand hätte oder besonders viele Optionen auf dem Tisch lagen, es sei denn, man schickt gut 450.000 Soldaten in die Region, das würde sich das außenpolitische Gewicht natürlich über Nacht sofort ändern und damit auch die Außenpolitik der Türkei.... Wo ist eigentlich die EU? lol!
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