Kurdenverfolgung in der Türkei "Wir mordeten nachts, während der Überstunden"

Von , Istanbul

2. Teil: Jitem: Die bestialischen Verhörmethoden der Schergen


Für die Armeespitze ist das Thema Jitem noch immer tabu. Seine Existenz wird in Ankara bis heute dementiert. Allenfalls eine "Konterguerilla" gegen die PKK habe es gegeben, lautet die halboffizielle Version; jene habe allerdings längst ihren Dienst erfüllt und sei aufgelöst worden. Ähnlich klingt das aus dem Mund eines früheren Ministerpräsidenten, Mesut Yilmaz, der in einem Fernsehinterview behauptet hatte, Jitem existiere "nicht mehr".

Die wohl umfassendsten Berichte finden sich in den Memoiren ehemaliger Jitem-Agenten. Einer von ihnen heißt Abdülkadir Aygan und lebt heute in Schweden. Das Brisante: Aygan war zunächst PKK-Mitglied und wurde später für Jitem rekrutiert. Wie sein letzter Arbeitgeber vorging, beschreibt der Überläufer so: "Wir mordeten nachts, während der Überstunden, wenn die regulären Soldaten nicht mehr anwesend waren." Und weiter: "Viele unserer Gefangenen wurden vom Gericht oder der Gendarmen angezeigt, viele aber auch von ganz normalen Mitbürgern denunziert. Eine Befragung durch die Jitem-Leute hat niemand überlebt."

Das Schicksal des Hasan Ergül

Auch andere ehemalige Handlanger im Dienste des Staates erinnern sich nun an den Krieg gegen die PKK. Leute wie Tuncay Güney oder Yildirim Begler. Aus ihrem sicheren Exil in Kanada, Schweden oder Norwegen nennen sie Namen von Opfern und Orten, an denen Massengräber zu finden sind. Sie beschreiben die bestialischen Verhörmethoden, die Mordbefehle, die stets "von ganz oben" kamen. Sie erzählen, wie die Gendarmen die Getöteten in Säurebäder tauchten und in Schächten verschwinden ließen. Immer wieder erwähnen sie auch die damals typischen Jitem-Dienstfahrzeuge: weiße Renaults vom Typ Toros. Wenn die Todesengel in ihren weißen Autos auftauchten, wussten die Bewohner, dass bald ein Freund oder Nachbar verschwinden würde.

Wie real die Enthüllungen der Jitem-Veteranen sind, zeigt der Fall des verschwundenen Kurden Hasan Ergül. Am 23. Mai 1993 hatte sich der Bauer aus dem Dorf Cukurca mit seinem dreijährigen Sohn in einen Traktor gesetzt und war zu einem Krankenhausbesuch in die Stadt gefahren. Doch er kam nicht weit. Schon an der nächstgelegenen Tankstelle schnitten ihm drei Wagen den Weg ab, Männer in Zivil stiegen aus und drängten Hasan aus dem Fahrzeug, zwangen ihn auf die Rückbank eines Autos. Seinen weinenden Sohn ließen sie zurück.

Dass sie ihn später erwürgen sollten, in einen Sack stecken und in einem weit entfernten See entsorgen würden, erfuhren Hasans Angehörige erst nach vielen Jahren - als sie von den Geständnissen des Jitem-Manns Abdülkadir Aygan hörten. Denn alle eigenen Nachforschungen, die Hasans Brüder bis dahin angestellt hatten, blieben fruchtlos.

"Dann haben wir endlich Gewissheit"

Nach der Lektüre von Aygans Berichten konnten die Brüder nachvollziehen, wo Hasan versenkt wurde; wo ihn später Fischer geborgen hatten und wo er als nicht identifizierte Leiche in einem anonymen Grab nahe des Sees bestattet wurde. "Wir warten jetzt auf die Ergebnisse eines DNA-Tests", sagt Hasans Bruder Ata Ergül. "Dann haben wir endlich Gewissheit."

Es ist ein Fortschritt erkennbar - dennoch sind die Signale, die derzeit aus der Türkei dringen, widersprüchlich: Erstmals scheint das Land bereit, sich mit seiner jüngeren Vergangenheit auseinanderzusetzen. Doch während der schmutzige Krieg von damals aufgeklärt wird, geht zur selben Zeit der andere - der Krieg zwischen der Armee und der PKK - weiter. Die Separatistenbewegung wurde zwar militärisch stark geschwächt, ihr Anführer Abdullah Öcalan sitzt seit Jahren im Gefängnis. Doch ist sie noch immer zu fatalen Bombenanschlägen im Stande: Erst Ende April starben neun türkische Soldaten, als ihr Fahrzeug, ferngezündet, in die Luft flog.

Der Staat geht einem Dialog mit der größten Kurdenpartei, der DTP, die Gesprächskanäle zur PKK hat, aus dem Weg. Und antwortet lieber mit der Ordnungsmacht: Mehr als 200 DTP-Politiker wurden in den vergangenen Wochen verhaftet.



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