Kurioses 2010 Unsere Welt leckt

Löcher und Lecks allerorten: in Islands Erde, im Golf von Mexiko, bei den US-Diplomaten, in den Kassen der Finanzminister. 2010 war das Jahr, in dem allerorten Unliebsames an die Oberfläche drängte. Erstaunlich, dass die Welt sich trotzdem weiterdreht, findet Alexander Smoltczyk.

Ausbruch des Eyjafjallajökull: Der Planet hat ein Loch, die Politik hatte ihre Leaks
dpa

Ausbruch des Eyjafjallajökull: Der Planet hat ein Loch, die Politik hatte ihre Leaks


Es führt kein Weg an der Einsicht vorbei: 2010 war das Jahr der Lecks. Das fing an mit dem Ölleck im Golf von Mexiko und wollte gar nicht mehr aufhören. Dann bekam der Boden unter dem Eyjafjallajökull in Island ein Loch, und für eine Woche sah es so aus, als würde Europa durch die Aschewolken eines subarktischen Vulkans wieder ins Eisenbahnzeitalter zurückversetzt. Deutschland war am Boden. Selbst die Kanzlerin musste die Alpen im Mietauto überqueren.

Es leckte die Erde, es leckte überall, ganz zu schweigen von den schmutzigen kleinen Geheimnissen der US-Diplomatie, die nun schon seit Wochen ungehindert durchs WikiLeak ausströmen und von keiner Supermacht gestopft werden können.

Die Welt ist inkontinent geworden. Die Systeme durchlässiger und offensichtlicher die allgemeine Flickschusterei.

Zum Signum des Jahres wurden die Szenen vor der Küste Louisianas, das Gestochere im Meeresgrund über Monate, diese desperaten Bemühungen der BP-Ingenieure, Tausende Meter unterhalb des Meeresbodens ein Loch zu stopfen, mit Tauchrobotern und wackeligen Auffangglocken. Das sah aus wie jene Spiele auf dem Jahrmarkt, wo man einen Greifarm über Plüschbären manövriert und doch nie gewinnt.

Die Botschaft war deutlich: Wir sind Bastlern und Löcherstopfern ausgeliefert.

"Entscheidend ist nicht die Botschaft, sondern das Leck selbst"

"Leck" wird zum Wort des Jahres 2010 werden, und sei es in der englischen Form als (Wiki-)Leak. Mag der Gründer der Internetplattform auch vorübergehend im Gefängnis sitzen, weil er seinen Triebhaushalt offenbar nicht dicht bekommt.

Die massenhafte Veröffentlichung der Geheimdokumente (Afghanistan- und Irak-Protokolle) und Botschaftsdepeschen) jedenfalls hat der amerikanischen Diplomatie eine Blöße gegeben. Es war wie im Märchen. Als wäre ihnen eine Wahrheitsdroge verabreicht worden, plauderten die sonst so Verschlossenen frisch von der Leber weg und plapperten aus, was alle ahnten und immer schon gern gewusst hätten.

Alle Könige waren nackt, und auch das Bundeskabinett hatte kaum mehr was am Leibe.

Dank eines Büroleiters sprudelten die Interna der schwarz-gelben Koalitionsgespräche schon aus den Verhandlungszimmern, bevor irgendetwas unterschrieben war. Auch die quälend lange Wahl des Bundespräsidenten wurde herausgetwittert, weil sich in der Bundesversammlung, dem Areopag bundesdeutscher Demokratie, niemand mehr an Fristen hält.

Dass die Erkenntnisse über den Zustand des politischen Personals nicht überraschend waren, spielt keine Rolle: "Entscheidend ist nicht die Botschaft, sondern das Leck selbst", wie der Blogger Mathias Bröckers schreibt. Er meint "die Verunmöglichung von Verschwörungen durch die Gefahr allgegenwärtiger Lecks".

Alles in Ordnung, Bürger - nur nichts anmerken lassen

Sogar uralte Systeme, sogar die Mauern der katholischen Kirche bekamen Risse. Während das Öl in den Golf strömte und die Asche aus dem Gletschervulkan, hatte der Papst mit seinen schwarzen Schäfchen zu tun. Enthüllungen (wenn man es denn so nennen will) überall, in orbi und in urbe, über Missbrauch und vergebliches Dichthalten. "Sprudelt auch eine Quelle aus demselben Loch zugleich Süßes und Bitteres hervor?", heißt es in der Bibel (Jakobus 3, Vers 11). Ganz zweifellos. Dieses Leck hatte etwas Reinigendes, und selbst Benedikt XVI. hat sich später bei den alles ausschnüffelnden Medien bedankt.

2010 war das Jahr, in dem viele Mythen löchrig wurden. Die Supermacht USA sei ein einziges "großes Leck", schreibt Thomas Friedman in der "New York Times". Die Weltmacht sei außenpolitisch gelähmt, durch ihre Abhängigkeit vom saudischen Öl und chinesischen Gläubigern könne sie keinen wirksamen Hebel mehr ansetzen.

Brüchig wurde auch der Brüsseler Ur-Mythos. Der Euro hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Dank Griechen- und später Irland ist eine Rückkehr der nationalen Währungen denkbar geworden. Die "Schuldenflut" (FAZ) stieg und steigt, alle reden von Löchern, die nicht mehr gestopft werden könnten, und die Finanzminister-Runde erinnert bei ihren Krisensitzungen an den holländischen Jungen, der seinen Finger im Deich stecken hat: Alles in Ordnung, Bürger. Hält schon. Nur nichts anmerken lassen.

2010 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem wir endgültig gemerkt haben, dass wir von Kunststopfern regiert werden. Es war das Jahr, in dem Politik großteils darin bestand, den Kahn auszuschöpfen, um ein Kentern zu vermeiden.



insgesamt 3 Beiträge
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koglan 31.12.2010
1. kleine Korrektur
Hallo, ich wollte nur mal auf einen kleinen Fehler aufmerksam machen. Im Artikel steht: "Dank eines Büroleiters sprudelten die Interna der schwarz-grünen Koalitionsgespräche schon aus den Verhandlungszimmern..." Der Link bezieht sich aber auf die Schwarz-Gelben Koalitionsverhandlungen
0817 31.12.2010
2. Alles wird Gut !
Erkenntnis und Abschluß des Artikels, Alles wird gut: "Kein Grund zur Panik also. Es gilt das Rätsel aus Kindertagen: Loch an Loch, und hält doch." Wenn auch im Westen die Löcher zu groß zum stopfen werden, to big to fail, also das in der Hand für den Mund nicht mehr reicht, spätes dann werden solche Artikel zum Jahreabschluß anders aus sehen. Wenn überhaupt dann noch in diesen Gefilden jemand in der Lage sein wird sein armseeliges dasein mit solch einer Verklärtheit zu veralbern.
Otoshi 31.12.2010
3. Leckt das Time Magazin auch?
Oder wurde hier einfach nur die Idee von Joel Steins Artikel ueber leakages abgekupfert? Getreu dem Motto: "Originalitaet? L... mich".
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