"Kursk"-Drama "Nahe an der Katastrophe"

Die russische Regierung glaubt offenbar nicht mehr ernsthaft an eine Rettung der "Kursk". Die Lage sei "nahe an einer Katastrophe", wird Ministerpräsident Kasjanow zitiert. Hilfe aus dem Westen wird nicht vor Freitag eintreffen.


Sucht im Ausland nach Hilfe: Wladimir Putin
DPA

Sucht im Ausland nach Hilfe: Wladimir Putin

Moskau/London/Oslo - Kasjanow sagte der Nachrichtenagentur Interfax außerdem, die Lage habe sich in der vergangenen Nacht weder verbessert noch verschlechtert. "Wir wollen hoffen, dass es Chancen zur Rettung der Besatzung gibt", sagte Kasjanow bei einem Treffen von Regierungsmitgliedern in Moskau.

Mehrfach misslang in der Nacht zum Donnerstag das Andocken der bemannten Tauchkapseln an der seit Samstag in 100 Meter Tiefe liegenden "Kursk". Das meldete die Nachrichtenagentur Itar-Tass. Schwere See behinderte den Einsatz.

Ein Abflauen des Sturms sowie bessere Sicht ließen die Rettungsmannschaften am Morgen wieder hoffen. Über Nacht wurde eine zusätzliche dritte Rettungskapsel eingesetzt. Mit jedem Tauchgang könnten bis zu 20 Menschen an die Wasseroberfläche geholt werden.

Die Schräglage des U-Bootes, schlechte Sicht im Schlamm und starke Unterwasser-Strömungen verhinderten zunächst ein Andocken. Experten befürchten, dass der Sauerstoff an Bord nur noch einen Tag reicht.

Nach tagelangem Zögern hatte Russlands Premier Wladimir Putin zuvor doch auf westliche Hilfe zurückgegriffen. Zwölf Tieftauch-Spezialisten aus dem angrenzenden Norwegen sollen das Havarie-Gebiet am Freitag erreichen. Ein britisches Rettungs-U-Boot vom Typ "LR5" wurde in Norwegen auf ein Transportschiff umgeladen. Das Spezial-U-Boot trifft frühestens am Samstag an der Unfallstelle im Nordpolarmeer ein.

Die "Kursk" sank an dieser Stelle in der Barentssee
SPIEGEL ONLINE

Die "Kursk" sank an dieser Stelle in der Barentssee

Nach einem Bericht des US-Nachrichtensenders CNN sollen die meisten der 118 Seeleute an Bord in den ersten Stunden der Havarie am vergangenen Samstag ums Leben gekommen sein. Seitdem gab es keine Lebenszeichen der Besatzung mehr, habe der Sender aus amerikanischen Geheimdienstkreisen erfahren. Russische Experten wollen dagegen noch am Mittwoch Klopfzeichen der Seeleute registriert haben.

Amerikanische U-Boote, die in der Barentssee angeblich die Manöver der russischen Flotte beobachteten, sollen zwei Explosionen im Umfeld der "Kursk" registriert haben. Dies meldete die Nachrichtenagentur Itar-Tass unter Berufung auf einen Informanten im US-Verteidigungsministerium.

In der "Kursk" sind 118 Seeleute unter Wasser gefangen
AP

In der "Kursk" sind 118 Seeleute unter Wasser gefangen

Der russische Flottenstab verweigerte auch am Donnerstagmorgen eine detaillierte Stellungnahme zu den möglichen Ursachen für die Katastrophe und die Situation an Bord des 150 Meter langen U-Boots. Auch das US-Verteidigungsministerium teilte mit, über keine entsprechenden Informationen zu verfügen.

Auf der Flottenbasis Seweromorsk bei Murmansk lag der Sanitätskreuzer "Swir" zur Versorgung Überlebender der Katastrophe bereit. Über Nacht trafen zahlreiche Verwandte der Besatzungsmitglieder in der Stadt ein, berichtete der russische Fernsehsender NTW.

© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.