"Kursk"-Drama Russen suchen Rat bei der Nato

Die Chance, dass es Überlebende an Bord des gesunkenen russischen U-Bootes gibt, nimmt stetig weiter ab. Sämtliche Rettungs- und Andockversuche sind bislang gescheitert. Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf dem Mini-U-Boot, das die Briten zur Unglücksstelle geschickt haben. Inzwischen redet das russische Militär auch mit der Nato.


Der Bug und der Turm der "Kursk" sollen schwer beschädigt sein

Der Bug und der Turm der "Kursk" sollen schwer beschädigt sein

Moskau - Eine Delegation hochrangiger russischer Militärs traf am Donnerstag bei der Nato in Brüssel ein. Die Gruppe unter Führung des stellvertretenden Stabschefs der russischen Marine, Vizeadmiral Alexander Poboschi, sprach - inoffiziell - mit Experten für Seerettungsoperationen der westlichen Allianz.

Wie es von Nato-Seite hieß, wurde darüber gesprochen, welche Hilfe an Gerät und an Fachleuten bereitgestellt werden könnte. Die Nato betonte den informellen Charakter der Gespräche. Die Russen hätten noch kein offizielles Hilfeersuchen gestellt, sagte eine Sprecherin in Brüssel. Es ginge bisher um Informationen, was lieferbar wäre.

Das Nato-Mitglied Großbritannien hatte in einer bilateralen Aktion bereits am Mittwoch das Spezialtauchboot "LR5" auf den Weg gebracht, das allerdings erst am Samstag am Unglücksort eintreffen wird. Die Nato hatte am Montag ihre Hilfe angeboten und präzise technische Fragen gestellt. Die Russen hatten aber wertvolle Zeit verstreichen lassen, bevor sie nach Brüssel kamen.

In der "Kursk" sind 118 Seeleute unter Wasser gefangen
AP

In der "Kursk" sind 118 Seeleute unter Wasser gefangen

Nach der Auswertung von Filmaufnahmen glauben Vertreter der Marine, dass eine gewaltige Explosion im vorderen Teil des Bootes am Samstag das Unglück auslöste. Der Kontrollraum sei dabei völlig zerstört worden, hieß es. Möglicherweise explodierte zunächst ein Torpedo, das dann den anderen Sprengstoff an Bord entzündete. Einige Offiziere erklärten, die Generatoren könnten bei der Explosion zerstört worden sein. Die Detonation beschädigte nach Angaben eines Marinesprechers auch die Rettungskapsel im Inneren der "Kursk", so dass sich die Soldaten nicht selbst befreien konnten. Es gibt widersprüchliche Angaben darüber, wie lange der Sauerstoff an Bord noch ausreicht. Marinesprecher sagten, es gebe zwar keine Lebenszeichen mehr an Bord, das bedeute aber nicht, dass alle Soldaten tot seien. Die Marine gibt die Zahl der Eingeschlossenen mit 118 an.

Drei Tauchkapseln, die am Donnerstag zu der "Kursk" herabgelassen wurden, konnten wegen starker Strömungen nicht an das U-Boot andocken. Der russische Ministerpräsident Michail Kassjanow sprach laut Presseberichten von einer fast katastrophalen Lage.

Die "Kursk" sank an dieser Stelle in der Barentssee
SPIEGEL ONLINE

Die "Kursk" sank an dieser Stelle in der Barentssee

Ein britisches Mini-U-Boot verließ am Donnerstagmorgen an Bord eines norwegischen Schiffes den Hafen von Trondheim. Ein weiteres norwegisches Versorgungsschiff mit zwölf bis 15 Tauchern an Bord war bereits auf dem Weg zum Unglücksort, um dem havarierten U-Boot zu Hilfe zu eilen. Beide Schiffe werden voraussichtlich erst am Samstag in der Barentssee eintreffen. Das Mini-U-Boot soll in einem ersten Tauchgang Sauerstoff, Strom und Nahrungsmittel zu den möglichen Überlebenden in die Tiefe bringen. Der norwegische Marinekommandant Alan Hoskins sagte, das Mini-U-Boot vom Typ LR5 sei noch nie bei einer Rettung zum Einsatz gekommen. Er zeigte sich zuversichtlich, dass aus der "Kursk" noch Überlebende geborgen werden können.

Der Erfolg der Rettungsaktion wird jedoch nicht nur davon abhängen, dass die Tauchkapseln an die "Kursk" andocken können. Überlebende müssen die Luken von innen öffnen, da dies von außen nicht möglich ist.

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