Labour-Krise Brown auf Bewährung

Wahlpleiten, Rücktrittsforderungen, Nachfolgedebatte: Großbritanniens Premier Brown muss um sein Amt kämpfen. Ein Putsch scheint nur eine Frage der Zeit, die Rebellen sammeln sich bereits.
Von Sebastian Borger

London - Das Pfund ist gesunken, Grundnahrungsmittel und Benzin kosten unaufhörlich mehr, die Flugpreise steigen – die Briten müssen in diesem Sommer nicht lange nach Gründen suchen, um heimatliche Strände teuren Auslandsaufenthalten vorzuziehen.

Auch Premierminister Gordon Brown erholt sich in der Heimat: Kaum verschwand US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama am Samstag aus der Downing Street , machte sich der Schotte mit Frau und zwei kleinen Söhnen auf die Reise an den Nordseestrand von Southwold in der Grafschaft Suffolk. Es gehe ihm gut, behauptete der Regierungschef bei der Ankunft tapfer: "Wir haben alle unseren Urlaub verdient."

Der gestresste Workaholic hat Erholung nötig. Ob sie ihm aber auch gewährt wird?

Ein ums andere Mal haben die Briten dem 57-Jährigen und seiner Partei ihren Missmut signalisiert. Am Donnerstag eroberte die schottische Nationalpartei (SNP) mit knapper Mehrheit den Wahlkreis von Ost-Glasgow, der bisher zu Labours sichersten Hochburgen gehörte. Der neue Unterhaus-Abgeordnete John Mason sprach von einem "politischen Erdbeben jenseits der Richter-Skala".

Eine kaum verschlüsselte Rücktrittforderung

Und tatsächlich scheinen sich die tektonischen Platten der britischen Politik zu verschieben: Kaum ein Jahr nachdem Brown den langjährigen Premier Tony Blair aus dem Amt gedrängt hatte, reden Mitglieder, Funktionäre und Parteigranden bis hinauf ins Kabinett offen über die Ablösung ihres glücklosen Vorsitzenden.

Die meisten wollen anonym bleiben, nur wenige wagen sich bisher an die Öffentlichkeit. Man müsse in den nächsten Wochen "sehr genau" über die Zukunft der Partei nachdenken, sagt der Hinterbänkler George Howarth. "Dazu gehört natürlich auch die Parteiführung." Der einflussreiche Vorsitzende der GMB-Gewerkschaft, Paul Kenny, argumentiert, Brown solle sich "im Herbst der Wiederwahl als Parteichef" stellen. Das ist eine kaum verschlüsselte Rücktrittsforderung - und eine Sensation in der alten Arbeiterpartei, die bisher stets "instinktiv kollektive Solidarität mit ihrem Führungspersonal" geübt hat, wie der kluge Hinterbänkler Nick Palmer analysiert.

Aber der ideologische Klebstoff ist dünn geworden. Im Zeitalter personalisierter Politik zählt die Spitzenfigur mehr als es die frühere Klassenpartei gewohnt ist. Die Hürde für eine Neuwahl des Parteichefs liegt hoch: 20 Prozent der Parlamentsabgeordneten müssten schriftlich das Votum fordern. Doch Kenner wie BBC-Politikreporter Nick Robinson sind sich sicher: "Wenn eine Handvoll wichtiger Leute sich einig sind, spielen Regeln keine Rolle."

Kandidaten fürs Nachfolgerennen

Zu den entscheidenden Figuren zählen der erfahrene frühere Außen- und Innenminister Jack Straw, knapp 62 Jahre alt. Derzeit dient er als Justizminister. Öffentlich fordert die graue Eminenz des Kabinetts seine Parteifreunde dazu auf, sich zu beruhigen. Doch Straw wird immer wieder als Übergangs-Premier gehandelt, der Labour im Kampf gegen den populären Oppositionsführer David Cameron wenigstens in eine ehrenwerte Niederlage führen könnte.

Als Anwärter auf Browns Nachfolge werden auch der 42-jährige Außenminister David Miliband und der frühere Gewerkschaftsführer und jetzige Gesundheitsminister Alan Johnson, 58, gehandelt. Käme es zu einem offenen Nachfolgerennen, würde wohl auch Partei-Vize Harriet Harman, 58, ihren Hut in den Ring werfen. Wer auch immer am Ende den Sieg davontrüge, müsste wohl binnen weniger Wochen Neuwahlen ausrufen.

Genau dies aber könnte Brown retten. Denn solange die Parteikassen leer sind und die Wirtschaftsdaten sich nicht bessern, spricht wenig für einen vorzeitigen Urnengang. Der käme nach dem Debakel vom Donnerstag einem Himmelfahrtskommando gleich, glaubt ein Regierungsmitglied.

Fundus des Sonntagsredners

Seit Menschengedenken wählte Ost-Glasgow stets den Kandidaten der Arbeiterpartei, deren Gründungsvorsitzender Kier Hardie dem Glasgower Industrieproletariat entstammte; beim Wahlgang 2005 lag der Labour-Mann noch um 22 Prozent vor dem SNP-Vertreter. Hochgerechnet aufs ganze Land würde das Ergebnis von Glasgow im unbarmherzigen britischen Mehrheitswahlrecht nur 26 von derzeit 350 Labour-Abgeordneten den Wiedereinzug ins Parlament sichern - nicht einmal Browns eigener Sitz wäre sicher.

Die Reaktion des Schotten auf die Katastrophe von Glasgow entsprach seinem Vorgehen bei früheren Wahl-Pleiten. Er redet einerseits vom "Zuhören" und "Verstehen", andererseits vom "Weitermachen": Politische Führung bewähre sich "nicht in einer Erfolgsphase, sondern in schwierigen Zeiten".

Der schöne Satz aus dem Fundus des Sonntagsredners ist ebenso banal wie korrekt. Browns Problem ist aber, dass die Regierung genau jene Führungskraft vermissen lässt. Der Premierminister spricht von Entschlussfreude und Mut zu schwierigen Entscheidungen - zeigt sie aber nicht.

Die Rebellen tun es ihrem Parteichef nach: Ein zielstrebiger Putschversuch ist einstweilen nicht zu erkennen. Viel spricht dafür, dass sie den Sommer abwarten. Ende September wird sich Brown auf dem Parteitag mit neuen Ideen präsentieren, und wohl auch einem neuen Kabinett. Sollten die Umfragewerte dann immer noch im Keller verharren, wird die Führungsfrage erneut akut.

Wer auch immer Brown dann nachfolgt, hätte allerdings wenig Freude, glaubt Hinterbänkler Palmer mit Verweis auf die Wirtschaftslage: "Selbst wenn der Erzengel Gabriel unser Anführer wäre, hätten wir Schwierigkeiten."