Labour-Parteitag "Zur Basis zurückgekehrt"

Tony Blair errang für Labour einen der spektakulärsten Wahlsiege in der Parteigeschichte. Nicht einmal dreieinhalb Jahren später hat Großbritanniens Premierminister die satte Mehrheit verspielt, seine Partei liegt bei Umfragen erstmals hinter den Tories. Nun stellte er sich als gebeutelter Regierungschef den Delegierten, entschuldigte sich und ging in die Offensive.

Von John Jungclaussen


Angeschlagen: Tony Blair
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Angeschlagen: Tony Blair

Brighton - Grantige Rentner, aufgebrachte Lkw-Fahrer und wütende Bauern, einst alles loyale Labour-Wähler, begleiteten seit Sonntag mit viel Getöse Labours Parteitag auf den Straßen des englischen Seebads Brighton. Drinnen, am Versammlungsort stellte sich der Premier den Delegierten. Geliebt haben sie ihn nie, aber respektiert. Doch nach den Umfrageergebnissen der letzten Woche drohten auch sie mit einer Revolte. Labours Popularität ist auf 32 Prozent gesunken, drei Punkte hinter den Tories. Diese brauchten einst 16 Jahre um die Wählergunst zu verlieren, Blair verspielte seine kolossale Mehrheit in nur dreieinhalb Jahren.

Der "control freak" Blair hatte den Kontakt zur Parteibasis und zu seiner Wählerschaft in den wolkigen Sphären von Medienberatern und hohlem New-Labour-Gerede verloren. Am Dienstag setzte er zum Landeanflug an. Beobachter und Parteimitglieder waren sich einig: Blair lieferte die bisher wichtigste Rede seiner politischen Karriere. Eingeständnisse und Entschuldigungen standen am Beginn seiner Rückkehr zur Basis: "Wir haben unter meiner Führung einige Tiefschläge eingesteckt und ich übernehme dafür die Verantwortung." Den Rentnern, die sich durch eine Rentenerhöhung von mageren 75 Pence pro Woche von der Regierung verschaukelt fühlen, sagte er: "We get the message."

Allerdings zeigte Blair sich entschlossen, nicht allen Forderungen nachzugeben. Die Bauern und Lkw-Fahrer, die eine Senkung der Benzinpreise fordern, ermahnte er, dass es nicht richtig wäre, politische Entscheidungen unter dem Eindruck von Benzin-Blockaden zu treffen. "Was ist mit jenen, die nicht protestieren können, deren Stimme nicht von den Medien unterstützt wird?", appellierte er an seine sozial-demokratischen Genossen. Auch in der Rentendebatte versuchte Blair mit Argumenten zu überzeugen, die bisher in der eher emotional geführten Auseinandersetzung wenig Zuhörer gefunden hatten. Mit Nachdruck lehnte er die geforderte Wiedereinführung der Koppelung der Renten an das Einkommen ab. Experten haben errechnet, dass dann die Ausgaben der Rentenkassen von derzeit 32 Milliarden Pfund auf 116 Milliarden Pfund in zehn Jahren steigen würden. Blair: "Für die nächsten zwei oder drei Jahre können wir uns das leisten. Aber in 10 bis 15 Jahren würde es eine finanzielle Belastung der kommenden Generation darstellen, die nicht zumutbar wäre."

Leidenschaftlich und überzeugend fuhr Blair fort, seine Vision von einer zweiten Amtszeit darzulegen. Anders als in früheren Reden, gebrauchte er dabei "Sätze, die auch Verben enthielten und die jeder Mann im Land verstehen kann." So die Analyse der BBC. Die Regierung werde weiter in Schulen investieren, das Gesundheitssystem weiter sanieren und eine Milliarde Pfund für den sozialen Wohnungsbau bereitstellen.

Neil Kinnock, ehemaliger Labour-Vorsitzender und Mitglied des linken Parteiflügels, bescheinigte dem Premier, eine erstklassige Rede abgeliefert zu haben, mit der richtigen Mischung aus "gerechtfertigter Zuversicht und menschlicher Demut". Dafür bedachten die Delegierten ihren Parteivorsitzenden denn auch mit Gejohle und stehenden Ovationen. Der Labour-Abgeordnete Stephen Twigg sagte am Mittwochmorgen gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Blair ist zurückgekehrt zur Basis. Durch die klare Darlegung seiner politischen Ziele hat er der Partei ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit gegeben. Er hört jetzt auf uns." Das letzte Wort haben die Wähler.



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