Völkermord an den Armeniern Lammert nimmt Erdogan in die Pflicht
Bundestagspräsident Lammert: Findet deutliche Worte zum Völkermord
Foto: Britta Pedersen/ dpaIm Ersten Weltkrieg waren Armenier im Osmanischen Reich als vermeintliche Kollaborateure systematisch vertrieben und umgebracht worden, nach Schätzungen wurden zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen getötet. Zu den Vorgängen hat Bundestagspräsident Norbert Lammert am Freitag überraschend deutliche Worte gefunden. "Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, war ein Völkermord", sagte Lammert am Morgen in der Gedenkstunde des Parlaments.
"Er ist nicht der letzte im 20. Jahrhundert geblieben. Umso größer ist unsere Verpflichtung, im Respekt vor den Opfern und in der Verantwortung für Ursachen und Wirkungen die damaligen Verbrechen weder zu verdrängen noch zu beschönigen", sagte er weiter. In der vergangenen Woche war die schwarz-rote Koalition unter Druck geraten, weil sie es zunächst vermieden hatte, den Völkermord klar als solchen zu benennen.
Lammert stellte zugleich die historische Mitverantwortung Deutschlands in den Mittelpunkt seiner Rede. "Obwohl die Reichsleitung (des Deutschen Reichs - d. Red.) umfassend darüber informiert war, nutzte sie ihre Einflussmöglichkeiten nicht. Diese Mitschuld einzuräumen, ist Voraussetzung unserer Glaubwürdigkeit gegenüber Armeniern wie der Türkei."
Der Parlamentspräsident äußerte sich damit ähnlich deutlich wie Bundespräsident Joachim Gauck. Dieser hatte am Donnerstagabend ebenfalls klar von Völkermord an den Armeniern gesprochen.
Zugleich betonte Lammert die Verbundenheit zur Türkei, die derzeit mit der Aufnahme von weit über einer Million Flüchtlingen "eine immense, zu selten gewürdigte und manchen in Europa beschämende humanitäre Hilfe" leiste. "Diese Bereitschaft, Verantwortung in der Gegenwart zu übernehmen, vergessen wir ausdrücklich nicht." Dennoch stehe Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Pflicht, forderte Lammert: "Die heutige Regierung in der Türkei ist nicht verantwortlich für das, was vor 100 Jahren geschah, aber dafür, was daraus wird."
Obama spricht nicht von "Völkermord"
US-Präsident Barack Obama hingegen entschied sich weiter gegen eine klare Wortwahl: "Die Armenier des Osmanischen Reichs wurden deportiert, massakriert und marschierten in den Tod, ihre Kultur und ihr Erbe in ihrer alten Heimat wurden ausgelöscht", erklärte er am Donnerstag. "Inmitten entsetzlicher Gewalt, die auf allen Seiten Leid verursachte, kamen eineinhalb Millionen Armenier ums Leben."
Im US-Kongress wurde im März eine Resolution vorgelegt, die Obama zur offiziellen Anerkennung eines Völkermords aufrief. Im Wahlkampf des Jahres 2008 hatte er den Begriff noch genutzt. Am Donnerstag erklärte er, sein Standpunkt habe sich "nicht geändert".
Armenien gedenkt am Freitag in der Hauptstadt Eriwan der Massaker der Jahre 1915 bis 1917. Präsident Sersch Sargsjan legte am Morgen Blumen am Mahnmal für die Opfer der Gräuel nieder. An der Zeremonie nahmen auch Frankreichs Präsident François Hollande und Russlands Staatschef Wladimir Putin teil.
Völkermord an den Armeniern
Millionen Armenier sind während des Ersten Weltkriegs aus dem Osmanischen Reich geflohen oder vertrieben worden. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in dem Vorläuferstaat der heutigen Türkei etwa 2,5 Millionen Armenier. Die osmanische Regierung sah in der christlichen Minderheit innere Feinde und zweifelte im Weltkrieg an deren Loyalität im Kampf gegen das christliche Russland.
Daher begann 1915 die systematische Vertreibung und Vernichtung der Armenier. Nach unterschiedlichen Schätzungen kamen bei den Deportationen 1915/16 zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Viele Armenier wurden gezwungen, zum Islam überzutreten.
Die Regierung im Südkaukasusstaat Armenien sieht in den Massakern einen "Genozid". Am 24. April gedenkt die Ex-Sowjetrepublik der Gräueltaten, die vor 100 Jahren begannen.
1987 stufte auch das Europaparlament die Tragödie als "Völkermord" ein und forderte die Regierung in Ankara auf, dies ebenfalls anzuerkennen. Zahlreiche Regierungen folgten. Am 12. April 2015 bezeichnete Papst Franziskus die Morde ebenfalls als Genozid.
Die Türkei, wo nur noch eine armenische Minderheit lebt, bestreitet einen Völkermord vehement. Die fast hundert Jahre zurückliegenden "tragischen Ereignisse" seien etwas für Historiker, heißt es in der Türkei. Die Armenier hätten sich ihrerseits in einem Bürgerkrieg erhoben - und das Osmanische Reich habe nur reagiert. Die hohen Todeszahlen seien durch die Wirren des Krieges, Hunger und Witterung zu erklären, so eine verbreitete Darstellung.