Land in Alarmbereitschaft Indien fürchtet neue Terrorattacken

Das Militär zeigt überall massiv Präsenz, die Stimmung ist nervös - und kann jede Minute in Panik umschlagen: Indien fürchtet nach den Anschlägen von Mumbai neue Terrorattacken. Zudem nehmen im Land die Spannungen zwischen Hindus und Moslems zu.

Aus Neu-Delhi berichtet


Neu-Delhi - Die Ankunftshalle am internationalen Flughafen von Neu-Delhi wirkt gespenstisch leer. An den zwei Ausgängen stehen ein paar dickbäuchige, ältere Polizisten in olivgrünen Uniformen. Sie sehen nicht aus, als wüssten sie, wie man im Ernstfall mit den Maschinenpistolen umgeht, die sie an Lederriemen geschultert tragen. Und selbst wenn: Von den Waffen blättert der Lack ab, einen Terroristen könnte man damit wahrscheinlich bestenfalls stoppen, indem man ihm das Ding an den Kopf wirft.

"Wenn Sie jemanden abholen wollen, warten Sie draußen", bescheidet ein Polizist einem Mann, der seine Frau und seine Kinder erwartet. Die Ankunftshalle sei aus Sicherheitsgründen geschlossen. "Und vor welche der beiden Türen soll ich mich stellen, damit ich meine Familie nicht verpasse?", fragt der Mann zurück.

Der Polizist schüttelt den Kopf. "Das, mein Herr, ist Ihr Problem. Da kann ich Ihnen keinen Rat geben." Anstatt eine Tür zu schließen und alle ankommenden Passagiere nun durch einen Ausgang zu leiten, bleiben beide geöffnet.

Gut durchdacht ist das keineswegs: In Zeiten höchster Alarmstufen bricht Unruhe unter den Wartenden aus. Ihre Sorge ist vor allem, die ankommenden Angehörigen nicht zu finden. "Aber uns macht natürlich auch der Terror Angst", sagt der Mann.

Mögliche Ziele: die Flughäfen Neu-Delhi, Chennai, Bangalore

Eine Woche nach dem dramatischen Ende der Terrorserie von Mumbai rechnen indische Politiker mit neuen Anschlägen islamistischer Extremisten im Land. Mehrere Flughäfen werden derzeit besonders stark bewacht.

Wieder sind E-Mails aufgetaucht, wieder von dieser bislang unbekannten Terrororganisation Deccan Mudschahidin, die sich schon zu den Anschlägen von Mumbai bekannte, der aber die Behörden keinen Glauben schenkten, da die Hinweise für eine Täterschaft der Terrorgruppe Lashkar-i-Toiba zu deutlich waren.

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Jetzt glaubt man ihnen genug, um die Kontrollen drastisch zu verschärfen. Berichten zufolge heißt es in den Drohungen von Deccan Mudschahidin, man werde Flughäfen angreifen. Angeblich werden darin namentlich die Flughäfen von Neu-Delhi, Chennai und Bangalore erwähnt.

Die Terrordrohungen kommen zu einer Zeit, da Indien jedes Jahr mit Anschlägen rechnet: rund um den 6. Dezember.

1992 zerstörten Hindu-Nationalisten an diesem Tag die Babri-Moschee in Ayodhya im Bundesstaat Uttar Pradesh, etwa 700 Kilometer östlich von Neu-Delhi. Die Fanatiker beanspruchten den Ort der Moschee als ursprünglichen Standort eines Rama-Tempels. Die Zerstörung der Moschee hatte eine Welle der Gewalt mit mehreren Tausend Toten zur Folge. Im März 1993 rächten sich die Muslime, indem sie zehn RDX-Bomben in Mumbai explodieren ließen. Der Terrorismus in Indien hatte eine neue Dimension erreicht.

Soldaten richten ihre Gewehre auf die Straße

Diese Rache für Ayodhya dauert bis heute an, und vor dem Hintergrund der Anschläge in Mumbai vergangene Woche ist die Angst davor jetzt besonders groß.

Hinzu kommt, dass kürzlich hochrangige US-Politiker wie Außenministerin Condoleezza Rice sowie die Senatoren John McCain und Joe Lieberman Neu-Delhi besucht haben. Derzeit hält sich der russische Präsident Dmitrij Medwedew in der Stadt auf - Terrorangst und Politikerbesuche haben aus Neu-Delhi eine Festung gemacht.

Die Zufahrtstraßen zum Flughafen sind seit Donnerstag abgeriegelt, schwerbewaffnete Soldaten hocken hinter Sandsäcken und richten ihre Gewehre auf die Straße. Polizisten winken gelegentlich ein Auto an den Straßenrand und durchsuchen es gründlich und lassen sich auch das Gepäck zeigen.

Wer von Neu-Delhi oder einem der anderen Flughäfen abreisen will, muss mehrere Stunden Anfahrt und strengere Sicherheitskontrollen als üblich in Kauf nehmen. Madhavan Nambiar, der für den zivilen Flugverkehr zuständige Staatssekretär, erklärte, die Kontrollen seien an "allen internationalen Flughäfen im Land und an einigen der nationalen Flughäfen" verstärkt worden. Auch die indische Luftwaffe ist in Alarmbereitschaft, um eventuelle Attacken aus der Luft abzuwehren.



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