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20. März 2011, 19:28 Uhr

Laufzeitverkürzung von AKW

Umweltministerin rührt an Frankreichs Atompolitik

Kein Land setzt so stark auf Atomstrom wie Frankreich. Die Energie aus AKW macht 80 Prozent der Stromversorgung aus. Nun hat Umweltministerin Kosciusko-Morizet erstmals angedeutet, dass wegen der Katastrophe in Japan ein Verzicht auf die Laufzeitverlängerung vorstellbar sei.

Paris - Auch in Frankreich könnte es ein Umdenken bei der Atompolitik geben: Die französische Umweltministerin jedenfalls schließt nicht mehr aus, auf eine Laufzeitverlängerung bei älteren Atomkraftwerken zu verzichten. In Paris sowie am Standort der ältesten französischen Anlage in Fessenheim nahe der deutschen Grenze demonstrierten am Sonntag Atomgegner.

"Man darf nicht mitten in der Krise radikale Entscheidungen treffen", sagte Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet der Zeitung "Le Journal du Dimanche". Aber wenn die Ergebnisse von Untersuchungen es erfordern, könne sie sich vorstellen, "die Laufzeit von manchen Atomkraftwerken nicht zu verlängern".

Frankreich hat sich wie kein anderes Land von der Atomenergie abhängig gemacht und nutzt zu etwa 80 Prozent Atomstrom. Die Strompreise sind deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern.

Nach der Katastrophe in Japan hatte die Regierung angekündigt, alle 58 Atomkraftwerke zu überprüfen. Die Ministerin versprach Transparenz. Einen Volksentscheid über die Zukunft der Atomenergie, den die Grünen gefordert hatten, lehnte sie jedoch ab. "Ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen würde dies politisch instrumentalisiert werden", meinte sie.

"AKW sind sicher, und die Erde ist eine Scheibe"

Die britische Regierung setzt dagegen weiter voll auf Atomkraft: Die regierenden Tories von Premier David Cameron wollen sich durch den Unfall in Fukushima nicht von ihrer Linie abbringen lassen - und treiben die Planungen für zehn neue Reaktoren voran.

In Paris demonstrierten mehrere Hundert Menschen gegen Atomkraft, in Fessenheim kamen nach Angaben der deutschen Polizei sogar 10.000 Menschen zusammen. "Tschernobyl, Fukushima, Fessenheim?" war auf manchen Transparenten zu lesen. Fessenheim ist das mit 34 Jahren älteste Atomkraftwerk in Frankreich.

Auch in Deutschland haben Tausende Kernkraftgegner den sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft gefordert. In Köln gingen am Samstag nach Polizeiangaben 1500 Menschen auf die Straße, in Hamburg protestierten 1200 Kernkraftgegner. Auf Transparenten war zu lesen: "AKW sind sicher, und die Erde ist eine Scheibe."

Am Montag sollen die Proteste weitergehen. Für 18 Uhr haben Kernkraftgegner zu Mahnwachen in mehr als 670 Orten aufgerufen.

cte/dpa

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