Leben in Nairobi St.-Pauli-Totenkopf soll Plünderer abhalten

Morde, Einbrüche, Plünderungen - Nairobi gilt als die gewalttätigste Stadt Afrikas. SPIEGEL-Korrespondent Thilo Thielke schützte sich und seine Familie mit doppeltem Elektrozaun, zwei Wachleuten, sechs Hunden, einer Alarmanlage - und zwei Totenkopffahnen vom FC St. Pauli.


Unsere indische Möbelhändlerin wurde vor ihrer Haustür ermordet. Den Freund und Kollegen Marc Engelhardt sperrten Gangster mitsamt seiner Tochter auf der Toilette ein, um ungestört das Haus leerzuräumen, alles in seinem Auto zu verstauen und dann mit dem Diebesgut davonzufahren. Einmal, als ich mit unseren Freunden Michael und Claudia Bitala und Julia und Stefan Ehlert beim Japaner Sushi aß, wurde Ehlerts Haus von einem Haufen Bewaffneter heimgesucht, die zuvor ein Auto gekapert und eine Frau als Geisel genommen hatten, und nun wild in die Luft schossen und die Angestellte krankenhausreif prügelten.

So geht das nun schon seit Jahren. Als meine Frau Bianca vor zwei Monaten abends um sieben Uhr einen Knall hörte, erschossen sie gerade den Guard unserer italienischen Nachbarin Laura. In der vergangenen Nacht, um drei Uhr früh, standen nun ein paar Plünderer vor unserer Tür. Die Nachtwächter sahen sie und gingen in Deckung, statt den Alarm auszulösen. Zum Glück verscheuchte das Gebell der sechs Hunde die Eindringlinge. Sicher fühlt man sich in dieser Stadt, die nach einer neuen Studie die gewalttätigste Afrikas sein soll, dennoch nicht.

Wir leben hinter einem doppelten Elektrozaun, haben tags und nachts einen unbewaffneten Wachmann am Tor stehen und nachts zusätzlich einen mit Pfeil und Bogen bewehrten Samburu, der das Grundstück patrouilliert.

Das Haus ist mit einer Alarmanlage gesichert. In jedem zweiten Zimmer befindet sich ein sogenannter roter Panic-Button, der, wenn er gedrückt wird, sofort die Sicherheitsfirma alarmiert. Zur Abschreckung habe ich zusätzlich zwei Totenkopffahnen vom FC St. Pauli aufgehängt. Sie sehen aus, als würden sie vor einem Minenfeld warnen. Man weiß ja nie. Sie merken: In dieser Stadt wird man leicht paranoid.

Nun also noch diese politischen und ethnischen Gewaltexzesse. Unmittelbar, nachdem Anfang des Jahres der Betrug bei den Präsidentschaftswahlen ruchbar wurde, brannten die Slums.

"Unser" Slum heißt Kangemi, er liegt vielleicht fünfhundert Meter Luftlinie entfernt. Zwischen unserem Haus und Kangemi liegt eine Kaffeeplantage, die an Tania Blixens Leben jenseits von Afrika erinnert. Leider ist es nach sechs Uhr abends dunkel dort und menschenleer. Wenn nachts die Schüsse aus Kangemi herüberhallen, schlafen wir schlecht. Im Moment schlafen wir selten durch. Nicht nur wegen der Kinder.

2000 Euro für ein Menschenleben

Einkaufen macht dieser Tage auch keinen Spaß mehr. Die noch ängstlicheren Leute von der Uno hamstern immer noch, was das Zeug hält. Unser Supermarkt im Spring Valley führte vor einigen Tagen nur noch Tomatenmark und Nudeln. Vor den Geldautomaten musste man schlangestehen wie früher in der DDR vorm Konsum. Und Benzin war knapp und plötzlich doppelt so teuer wie noch vor ein paar Wochen. Der Weg zur Arbeit hingegen ist kurz geworden. Weil die Straßen leer sind, kommt man gut voran.

Ein paar Minuten nur, dann ist man in der Innenstadt, die im Moment von Hunderten von Bereitschaftspolizisten belagert wird. Ein paar weitere Minuten, dann hat man Kibera erreicht, von wo derzeit die meisten Unruhen ausgehen. In der Nähe hat das Orange Democratic Movement seinen Sitz, nicht viel weiter entfernt residiert Präsident Kibaki.

Die meisten Sorgen machen wir uns um die Leute, die uns schon seit Jahren dabei helfen, in diesem Irrsinn zurechtzukommen. Judy, die saubermacht, wurde neulich mitten in der Nacht von prügelnden Polizisten aus ihrer Hütte gezerrt, weil sie dem falschen Stamm (Luhya) angehört. Und Betty, die uns im Haushalt hilft, musste spätabends mit schweren Krämpfen ins Krankenhaus gebracht werden. Wir wussten nicht, was es war. Doch die indische Krankenschwester tröstete uns und starrte gelangweilt auf die Glotze, wo gerade Krawallbilder liefen. Das sei alles nicht so schlimm, "wahrscheinlich eine Infektion".

Erst als Bianca Krach schlug und ihre Kreditkarte zückte, kam Bewegung in die müde Truppe. Zum Glück. Die vermeintliche Infektion stellte sich nämlich als Eileiter-Schwangerschaft heraus, und hätten wir nicht die Rechnung bezahlen können, wäre Betty wohl gestorben.

2000 Euro kann kaum ein Kenianer aufbringen. Soviel kann heute ein Leben kosten.



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