Lebensmittelkrise in Ägypten Jagd auf das tägliche Brot

Sie kriegen ihre Kinder nicht mehr satt, müssen sich jedes Stück Brot vom Munde absparen - und entladen ihre Wut in Massenprotesten: In Ägypten zeigt sich, was die weltweite Lebensmittelkrise in einem armen Land auslöst. Der Countdown für einen Aufstand der Armen läuft.

Aus Kairo und Mahalla berichtet


Mahrouz, der Metzger, steht gut im Futter. Sein blutbefleckter weißer Kittel spannt sich über einem prächtigen Wanst – der demnächst aber durch eine Zwangsdiät schrumpfen könnte. Zwei Kilogramm Fleisch hat Mahrouz sonst jeden Abend mit nach Hause genommen. Reichlich für ihn, seine Frau und die zwei Kinder. "Jetzt nehme ich nur noch ein Kilo mit", sagt der Schlachter: Fleisch ist zu teuer geworden, selbst für ihn, der es zum Einkaufspreis bekommt. Kunden habe er kaum noch, klagt Mahrouz hinter seinem Schlachtblock, der wenige Schritte von der lauten Hauptstraße entfernt im Freien steht. Über ihm schwingen leere Fleischerhaken im Wind, einige einsame Wurstketten schaukeln in der abgasgeschwängerten Brise. Nur drei in feuchte Leinentücher gewickelte Hammelbeine warten auf Käufer. "Korn und Mais ist Mangelware, der Preis für Tierfutter ist stark gestiegen, was soll ich sagen, das Geschäft geht schlecht." Mahrouz seufzt.

Früher Nachmittag auf dem Straßenmarkt des Kairoer Arme-Leute-Stadtteils Boulek al-Dakrur. Wer wissen will, was die weltweite Lebensmittelknappheit für die Betroffenen bedeutet, sollte sich aufmachen an einen Ort wie diesen.

Sicher, auf den Marktkarren türmen sich die Gurken und Tomaten. Auf den Blechen der Bäcker, die zum Auskühlen vor die Backstube geschoben wurden, stapelt sich das Fladenbrot. Genau das aber ist das Problem: Wo die verderblichen Waren gegen Nachmittag sonst so langsam ausverkauft sein sollten, bleiben die Händler nun auf ihnen sitzen.

Brot und Leben sind eins

Noch gibt es genug Nahrung für Ägypten, das mit knapp 80 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste arabische Land. Aber die Nahrung wird knapp, die Preise steigen. Die Menschen haben schlicht kein Geld, um zu kaufen, was sie zum Sattwerden bräuchten. 40 Prozent der Ägypter müssen täglich mit einem Dollar oder weniger auskommen – zu wenig, um das tägliche "Eesch" zu kaufen. "Eesch" steht im ägyptischen Arabisch für beides, für Brot und Leben.

Das "Monster" Hunger, vor dessen Auftreten auf der politischen Weltbühne Bundesfinanzminister Peer Steinbrück jüngst warnte – in Boulek al-Dakrur sitzt es längst mit am Tisch der Armen. Eine Mutter ist mit ihren drei kleinen Töchtern auf den schmuddeligen, lärmigen Markt neben den Eisenbahnschienen gekommen. "Wir können nicht mehr leben", sagt sie, ihre Hände sind leer. Die zierliche junge Frau trägt heute keine Einkaufstüten nach Hause, nur die Bürde, die sie niederzudrücken scheint. Die Miete sei von 100 auf 200 Pfund, von etwa 11 auf 22 Euro gestiegen, erzählt sie. Ihr Mann arbeite zwölf Stunden am Tag beim Sicherheitsdienst – ein Job, für den er nicht mehr als 33 Euro Lohn erhält. Nur 100 Pfund bleiben ihr, um die fünfköpfige Familie einen Monat lang zu ernähren. Davon kann sie 400 Fladenbrote kaufen, oder 30 Kilogramm Reis - oder aber drei Kilo Fleisch. "Es reicht einfach nicht." Zum Ende des Monats müsse sie sich bei den Nachbarn Geld leihen. "Wir essen nur noch alle vier Wochen Nudeln", sagt die Frau leise.

"Wir ersticken"

Ihr Unglück ist, dass die älteste Tochter einen Hörschaden hat: Da die Familien von der Hand in den Mund leben müssen, bricht ihnen eine Extra-Ausgabe wie die für das Hörgerät das finanzielle Rückgrat. "Meine ganze Hoffnung ist, dass die Preise wieder sinken", sagt die Mutter.

Es ist ein frommer Wunsch, den sie hegt – realistisch ist er nicht. Die nationale ägyptische Statistik-Behörde Ägyptens hat ermittelt, dass der Verbraucherpreisindex über das vergangene Jahr bis Januar 2008 um 11,5 Prozent gestiegen ist – die wahre Preisexplosion hat jedoch erst seitdem stattgefunden. Vor allem die Preise für Grundnahrungsmittel schießen unaufhaltsam in die Höhe: Die Kosten für Brot und Getreide haben sich in den vergangenen Monaten um 40 Prozent erhöht, da hilft es auch nichts, dass die Regierung das Brot subventioniert: Es gibt zu wenig Billig-Brot für alle, und die um 26 Prozent erhöhten Preise für Reis und Öl schlagen in jeder Haushaltskasse zu Buche. Käse, Milch und Joghurt sind um 17 Prozent teurer geworden. Den Armen Ägyptens schnüren die Preissteigerungen die Luft zum Atmen ab. "Wir ersticken", sagen viele auf dem Markt.

Die Preissteigerung ist für sie wie ein Erdbeben, das einfach so passiert ist, ohne Grund, ohne Warnung.



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