Lech Kaczynskis Tod Polen und Russland trauern gemeinsam

Die Katastrophe von Smolensk eint Polen und Russland: Nach dem Absturz der Präsidentenmaschine und dem Tod des polnischen Staatschefs Lech Kaczynski trauert Wladimir Putin mit seinem Amtskollegen Donald Tusk vor Ort. "Dies ist auch unsere Tragödie", sagte der russische Premier.

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Moskau/Warschau - Blumen für die 97 Toten von Smolensk: Nach dem tragischen Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski und anderer Führungsmitglieder des Landes haben die Regierungschefs von Polen und Russland, Donald Tusk und Wladimir Putin, der Opfer gedacht. Gemeinsam legten sie am Samstagabend am Ort der Katastrophe Blumen nieder. "Dies ist zuerst und vor allem Polens Tragödie und die des polnischen Volkes", sagte Putin. "Aber dies ist auch unsere Tragödie, und wir trauern und leiden mit Euch."

Die polnische Präsidentenmaschine war am Samstagvormittag in dichtem Nebel im Landeanflug auf den Militärflughafen von Smolensk abgestürzt; niemand überlebte das Unglück. An Bord waren Kaczynski und seine Frau Maria, der polnische Generalstabschef Franciszek Gagor, Nationalbankchef Slawomir Skrzypek, Vize-Außenminister Andrzej Kremer sowie zahlreiche Parlamentarier und nahezu die gesamte Führung der polnischen Armee. Die Delegation wollte an einer Gedenkfeier in Katyn teilnehmen, wo sowjetische Einheiten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs etwa 22.000 Polen ermordet hatten.

Jaroslaw Kaczynski, der am Samstag auch nach Smolensk gereist war, identifizierte noch am Unglücksort den Leichnam seines Zwillingsbruders sowie seiner Schwägerin Maria, wie die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti berichtete. Alle Opfer seien mittlerweile geborgen worden, sagte Zivilschutzminister Sergej Schoigu. Inzwischen wurden sie nach Moskau überführt, wo sie identifiziert werden sollen.

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Unklar ist weiter, was die Ursache des Unglücks war. Putin versicherte Tusk nach Angaben der Agentur Interfax, dass russische und polnische Spezialisten bei der raschen Aufklärung zusammenarbeiten würden. "Wir müssen alles tun, um den Familien, um den Angehörigen der Opfer zu helfen", sagte Putin.

Russische Behörden und Politiker machen den Piloten der polnischen Präsidentenmaschine für die Katastrophe verantwortlich. Transportminister Igor Lewitin warf dem Flugzeugführer vor, "eigenmächtig" gehandelt zu haben. Die Sichtweite zum Unglückszeitpunkt habe nur 400 Meter betragen. Vorgeschrieben sei aber eine Sichteweite von mindestens 1000 Metern, sagte Lewitin. Inzwischen wurden zwei Flugschreiber gefunden, die Aufschluss über die Unglücksursache geben sollen. Die Geräte sollen nach Moskau gebracht und dort von russischen und polnischen Spezialisten gemeinsam ausgewertet werden.

Ein Nachfolger Kaczynskis soll bis Mitte Juni gewählt werden

In Polen erwiesen Tausende Menschen dem verunglückten Staatsoberhaupt die letzte Ehre. Sie versammelten sich spontan vor dessen Amtssitz in Warschau. Sie beteten und sangen bis in die Nacht hinein patriotische sowie religiöse Lieder. Vor dem Präsidentenpalast leuchteten Tausende Grablichter, Blumen wurden abgelegt. In zahlreichen Kirchen in Warschau, Krakau und vielen anderen Städten wurden Trauermessen abgehalten. Im Warschauer Dom sagte Erzbischof Kazimierz Nycz, der tragische Flugzeugabsturz habe ganz Polen verletzt. Die Tragödie solle aber zur Einheit der Nation beitragen.

Auch im Ausland hat das Unglück von Smolensk große Bestürzung ausgelöst. Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schickten Beileidsschreiben. Die Europäische Union will der Katastrophe am Montag mit zwei Schweigeminuten gedenken und in Brüssel alle Fahnen auf Halbmast setzen.

Ein Nachfolger Kaczynskis soll bis spätestens 20. Juni gewählt werden. Ursprünglich sollten die Präsidentenwahlen im Herbst stattfinden. Der polnische Parlamentschef Bronislaw Komorowski, der gemäß der Verfassung bis zur Neuwahl die Geschäfte des tödlich verunglückten Staatsoberhaupts übernommen hat, kündigte am Samstagabend an, er werde innerhalb von 14 Tagen über den Wahltermin entscheiden. Der Urnengang muss dann an einem Sonntag innerhalb von 60 Tagen nach dieser Entscheidung stattfinden.

Komorowski wird nach derzeitigem Stand selbst bei der Präsidentenwahl antreten. Er war bereits Ende März von der liberalen Regierungspartei Bürgerplattform PO zu ihrem Kandidaten ernannt worden.

yes/AFP/dpa

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Berto v. Klick 10.04.2010
1. große Chance für Polen
Zitat von sysopDer plötzliche Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski bedeutet für das Land eine Zäsur. Ende des Jahres 2010 stehen die Wahlen zum nächsten Präsidenten an. Wie wird das Unglück Polens politische Landschaft verändern?
An sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Smartone 10.04.2010
2. Herzliches Beileid
Zitat von Berto v. KlickAn sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Wie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
AlexN, 10.04.2010
3. schlimmer Verdacht
Der Pilot hat eindringliche Nebelwarnungen sowie Vorschläge für Ersatzflughäfen bekommen. Er hat trotzdem vier (!) Landeversuche unternommen. Bei mir drängt sich ein Verdacht auf. Ich glaube, Kaczynski sperrte sich, in Minsk oder in Moskau zu landen, um Lukaschenko oder Putin aus dem Weg zu gehen. Er hat wohl den Piloten angewiesen trotz allem in Smolensk zu landen. Der ganzen Reise ist ohnhein schon ein politisches Hickhack sondergleichen vorausgegangen, da Putin nur Tusk nach Katyn eingeladen hatte, während Kaczynski sich selbst einlud. Vermutlich sind die 130 Opfer der Sturheit dieses Mannes zu verdanken...
Klaschfr 10.04.2010
4. Nachruf
Viele werden es nicht sein, die ihm eine Träne nachweinen - allen internationalen Trauerbekundungen zum Trotz.
Berto v. Klick 10.04.2010
5. politische Bedeutung dieses Flugzeugabsturzes
Zitat von SmartoneWie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
Macht Merkel auch, wenn sie den traurigen und sinnlosen Tod von bedauernswerten Bundeswehrsoldaten nutzt, um die fragwürdige Kriegspolitik in Afghanistan politisch zu rechtfertigen.
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