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Leichenschändung in Afghanistan Die würdelosen "Bastarde"

Sie nennen sich selbst stolz "Bastarde", feiern ihre militärische Vergangenheit und sind nun in einen Skandal um Leichenschändung in Afghanistan verwickelt: Mehrere US-Soldaten einer traditionsreichen Einheit sind offenbar beim Urinieren auf tote Taliban gefilmt worden. Ihnen droht das Kriegsgericht.

Hamburg - "Strength and Honor" lautet ein Motto des dritten Bataillons, zweite Marineinfanteriedivision der US-Streitkräfte. "Kraft und Ehre". Die Einheit ist stolz auf ihre lange Tradition. Seit dem Zweiten Weltkrieg wird die Truppe in Schlachten auf der ganzen Welt eingesetzt, im Südpazifik, in Somalia oder im Irak. Ab März 2011 unterstützte die Einheit auch die Operation "Enduring Freedom" in Afghanistan. Nun sorgt ein Vorfall dort für einen handfesten Skandal, der bis in höchste Pentagon-Instanzen für Entsetzen sorgt. Und das dritte Bataillon scheint dabei eine tragende und unrühmliche Rolle zu spielen.

Auf einem Video-Clip, der durch das Internet geistert, sind Soldaten zu sehen, die mutmaßlich auf die Körper getöteter Taliban-Kämpfer urinieren. Das Verteidigungsministerium hält die Aufnahmen der Leichenschändung für echt. Vertreter des Marine-Corps bestätigten der BBC und der Nachrichtenagentur Reuters, dass zwei der Männer identifiziert wurden. Sie sollen dem dritten Bataillon, zweite Marineinfanteriedivision angehören.

Noch ist unklar, wann die Aufnahmen entstanden sind und wer die Kamera bedient hat. Vom Pentagon gibt es bisher keine offizielle Bestätigung, zu welcher Einheit die Männer auf dem Skandalvideo gehören. Der Fall wurde der Strafverfolgungsbehörde der Navy und der US-Marines (NCIS) übergeben, die auch für die möglicherweise betroffene Infanterieeinheit zuständig ist.

Verteidigungsminister Leon Panetta bezeichnete den Vorfall als "unbeschreiblich kläglich" und kündigte ausführliche Ermittlungen sowie "harte Strafen" für die Verantwortlichen an. Den Männern droht nicht nur die Strafverfolgung durch die Militärbehörden, sondern sogar eine mögliche Anklage wegen Kriegsverbrechen. In den Genfer Konventionen wird die Entweihung sterblicher Überreste explizit geächtet.

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Marines in Afghanistan: Die Hölle in Helmand

Foto: David Goldman/ ASSOCIATED PRESS

Der 39 Sekunden lange Clip aus Afghanistan kursierte am Mittwochmorgen erstmals im Internet, unter anderem auf der Videoplattform YouTube. Einer der Soldaten spottet laut CNN auf dem Band in Richtung eines der getöteten Männer: "Hab noch einen schönen Tag, Kumpel." Ein weiterer Uniformierter fragt, ob die Szene auf Film gebannt sei. "Yeah", tönt es darauf aus dem Off, die Antwort stammt offenbar vom Kameramann.

Ungeklärt sind bisher nicht nur die Identität aller Soldaten auf dem Film, sondern auch der Ausgang des Clips, der bei YouTube abrupt endete. Auch die Frage, wer den Streifen ins Netz gestellt hat, bleibt offen. Laut dem britischen "Telegraph", wurde das Video von einem YouTube-Nutzer unter dem Pseudonym "semperfiLoneVoice" veröffentlicht. Dahinter verbirgt sich die Losung des Marines-Corps "semper fidelis" ("immer treu"). Als Kommentar war der Satz beigefügt: "Ich dachte Marines sollten auch dann das Richtige tun, wenn niemand zuschaut:" Video und Nutzer-Account wurden inzwischen von der YouTube-Seite entfernt.

Soldaten feiern sich als "Bastarde"

Bestätigen sich die bisherigen Vermutungen, wäre es ein schwerer Schlag für das Bataillon, das seinen Spitznamen bisher stolz im Wappen trägt: "Betio Bastards". Betio steht für eine Stadt und Insel im Kiribati-Atoll, mitten in der Südsee. Im Jahr 1943 tobte dort die "Schlacht von Tarawa", Tausende Marines und noch mehr japanische Gegner ließen binnen weniger Tage ihr Leben. Mittendrin: die junge Einheit aus Camp Lejeune, im Bundesstaat North Carolina. Seitdem nennen sich die Soldaten selbst "Bastarde von Betio" - nicht als Schimpfwort, sondern als martialischer Verweis auf Kraft, Ausdauer und Härte. "Zähe Mistkerle" wäre wohl eine angemessene deutsche Übersetzung.

Rund 800 "Bastarde" waren bis September 2011 auch in zahlreiche Gefechte in der Helmand-Provinz im Süden Afghanistans verwickelt. Die Region gilt als eines der Widerstandsnester der Taliban, wichtiges Drogen-Anbaugebiet und besonders hart umkämpft. Wie viele Soldaten die Einheit während ihres Einsatzes verloren hat, ist offiziell nicht bekannt.

Der Fall weckt in US-Militärkreisen dunkle Erinnerungen. Zu sehr ähneln die neuen Bilder aus Afghanistan den erschütternden Aufnahmen aus dem Abu-Ghuraib-Gefängnis in Bagdad. Auch dort hatten US-Soldaten neben den Leichen posiert, die Fotos von Folter und Leichenschändung sorgten damals für einen der aufsehenerregendsten Skandale der jüngeren Militärgeschichte. Der als Rädelsführer ausgemachte Soldat Charles Graner wurde später vor einem Militärgericht zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Verfahren gegen höhere Offizielle verliefen dagegen oft im Sande.

Bisher haben die "Batio-Bastards" durchaus positive Erfahrungen mit viralen YouTube-Clips gemacht. Im Juli 2011 bat Scott Moore, Sergeant des dritten Bataillons, zweite Marineinfanteriedivision, auf der Videoplattform um ein Date mit Mila Kunis - und der Hollywoodstar sagte prompt zu. Beide vergnügten sich im November 2011 auf dem Ball des Marine Corps in Greenville, North Carolina. Millionenfach wurde der Clip mit Moores Einladung im Netz angeklickt, kostenlose PR für die US-Streitkräfte.

Das positive Image nach diesem Publicity-Stunt dürfte durch die Vorwürfe rund um das skandalöse Web-Video aus Afghanistan erheblich leiden. Bestätigen sich die bisherigen Vermutungen, stehen der Einheit unruhige Zeiten bevor. Neben "Strength and Honor" haben die "Bastarde" noch ein weiteres Motto: "We quell the Storm" zu deutsch "Wir bezwingen den Sturm". Das können sie nun unter Beweis stellen.