Abschiebung von Flüchtlingen Ahnungslos auf Lesbos

Am Montag beginnt die Abschiebung von Flüchtlingen aus Griechenland in die Türkei. Die Menschen haben Angst, die Behörden wirken nicht vorbereitet.

Aus Lesbos berichten , und  (Video)


Stunden bevor die ersten von den griechischen Inseln in die Türkei zurückgebracht werden, herrscht bei den Beamten auf Lesbos Ratlosigkeit. Lesbos trägt in der Flüchtlingskrise die Hauptlast, die Insel hat so viele Menschen aufgenommen wie Chios, Samos, Rhodos und Kastelorizo zusammen. Und trotzdem wissen sie hier nicht, wer wie wann wohin gebracht werden soll.

"Wir haben immer noch keine Ahnung wie das morgen genau ablaufen soll", sagt ein Behördenmitarbeiter am Sonntagnachmittag. Er sitzt vor dem Internierungslager in Moria, das nur wenige Kilometer nördlich der Hauptstadt liegt. "Wir wissen nicht, wann die Busse kommen werden oder wie viele Flüchtlinge an Bord gehen."

SPIEGEL-ONLINE-Videoreporterin Sandra Sperber versucht, das Lager zu filmen, wird aber bald von einem Polizisten zum Weitergehen aufgefordert. Man wolle die Flüchtlinge nicht beunruhigen, sagt er. Klicken Sie hier auf das Video, um Sperbers Erfahrungen zu hören:

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Die Ahnungslosigkeit der Einsatzkräfte vor Ort zeigt, wie chaotisch die Umsetzung des Flüchtlingspakts läuft, mit dem die EU die Zahl der Flüchtlinge eindämmen will. Zwei Faktoren entscheiden über den Erfolg des Abkommens: Erstens müssen Wirtschaftsflüchtlinge schnell in die Türkei zurückgeschickt werden. Zweitens müssen Asylanträge schnell bearbeitet werden.

Am Montag um zehn Uhr sollen die ersten 250 Flüchtlinge von Lesbos in die türkische Hafenstadt Dikili überführt werden. Sie werden begleitet von Frontex-Grenzschützern aus Deutschland, Frankreich, Estland, Lettland und Litauen. Von Chios sollen ebenfalls 250 Menschen ablegen.

"Es geht vor allem um einen symbolischen Schritt. Wir wollen zeigen, dass der Deal funktioniert", sagt ein griechischer Regierungsmitarbeiter.

In Moria leben mehrere Tausend Flüchtlinge hinter Zäunen und Stacheldraht. Am Sonntagabend haben sich einem Lagermitarbeiter zufolge erst drei Syrer gefunden, die keinen Asylantrag stellen wollten, sondern bereit waren, in die Türkei zurückzukehren. Es sei noch unklar, wie viele Syrer in der ersten Gruppe sein würden, es gebe noch eine Menge Papierkram zu erledigen, sagt der Mitarbeiter.

Die mehr als 50.000 Flüchtlinge, die derzeit in Griechenland festsitzen, sind in zwei Gruppen unterteilt: Jene, die vor dem EU-Deal ins Land kamen und größtenteils im Landesinneren leben. Sie harren in Idomeni, Piräus und anderen Lagern ihres Schicksals.

Und dann sind da noch die 5000 Flüchtlinge, die gerade erst auf den griechischen Inseln angekommen sind und denen nun die Abschiebung droht.

Vor dem Lagereingang in Moria wartet eine syrische Kurdin geduldig darauf, dass sie ihre Tochter sehen kann. Ihr Mann und ihre zweite Tochter haben es vor drei Wochen geschafft, nach Deutschland durchzukommen. Die Mutter wollte hinterherreisen, scheiterte aber an der griechisch-mazedonischen Grenze. Sie kam zurück nach Lesbos, wo sie nun ihre andere Tochter besuchen will, die nach dem EU-Flüchtlingspakt auf der Insel eintraf und seitdem in Moria festsitzt. "Sie hat Angst, dass sie in die Türkei zurückgeschickt wird, wo es unsicher für uns ist", sagt die Mutter. "Wir haben Angst, dass wir sie nie wieder sehen."

Einem Beamten in Moria zufolge hat der Flüchtlingspakt zumindest ein handfestes Ergebnis: Jeder würde nun in Griechenland Asyl beantragen. "Von 3000 Leuten in Moria haben 2700 Asyl beantragt." Bis vor Kurzem sei das noch anders gewesen, niemand habe in Griechenland Asyl beantragen wollen. Denn damals bestand noch die Chance, weiter nach Mittel- und Nordeuropa reisen zu können. Nun versuchten alle, das Unvermeidliche aufzuschieben.

Griechenland wartet nun auf 2500 EU-Sachbearbeiter, die bei der Bearbeitung der Asylanträge helfen sollen. In spätestens einem Monat soll über die Anträge entschieden sein. Die Arbeit der Sachbearbeiter ist entscheidend, wenn der Pakt funktionieren soll. Doch wenige EU-Beamte haben den Weg nach Griechenland bislang geschafft.

Dafür wimmelt es auf Lesbos vor griechischen und ausländischen Journalisten, die über den Beginn der Abschiebung berichten. Auch 350 Frontex-Beamte sind auf der Insel. Die Hotels sind in einem Umkreis von mehreren Kilometern ausgebucht. "Der Tourismus ist tot", kommentiert ein Taxifahrer trocken. "Aber wenigstens kommen nun EU-Beamte, Journalisten und Flüchtlingshelfer."

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