Libanesische Grenze Hisbollah-Feuer über dem Beduinendorf

Das arabisch-israelische Dorf Aramsha liegt im Kreuzfeuer von Hisbollah und Israels Armee. Im Minutentakt schlagen hier zeitweise die Katjuschas ein. Ein Geschoss zerriss eine muslimische Frau und ihre Töchter. In der vierten Kriegswoche liegen die Nerven der Bewohner blank.

Aus Arab Aramsha berichtet Alexander Schwabe


Arab Aramsha - Es muss schnell gehen bei diesem Begräbnis. In hohem Tempo fährt die Wagenkolonne aus dem Dorf Aramsha hinaus auf den Friedhof. Angeführt wird der Leichenzug von drei Krankenwagen des Magen David Adom ("Roter Schild Davids"), dem Roten Kreuz in Israel. Darin die Särge mit den Leichen von Fadiya Juma, 60, und ihren beiden Töchter Samira, 33, und Sultana, 31.

Aramsha liegt auf einem sich schroff erhebenden Plateau, enge Serpentinen winden sich hinauf. Die Straße zum Friedhof führt einen Bergrücken entlang parallel zur libanesischen Grenze, die in Sichtweite ist. Von dort feuern die Gotteskrieger der Hisbollah ihre Raketen nach Israel - und kaum ein Ziel dürfte für sie leichter zu treffen sein als dieser exponierte Trauerkonvoi und der Friedhof des arabisch-israelischen Beduinendorfes.

Die offenen Särge stehen unter einem Blechdach in der Hitze. Es sind nur Männer zur Beerdigung gekommen, der Brauch verbietet es muslimischen Frauen, Friedhöfe zu betreten. Wehklagen ist zu hören, Gebete werden gesprochen, "Allah hu akbar" ("Allah ist groß") antwortet die Versammlung. Die Särge werden hochgehoben und über den Köpfen der Menge zum Grab getragen. Verschlossen sind sie nicht, die Deckel wackeln. "Die Särge braucht man nur, weil die Leichen schlimm verstümmelt sind", sagt ein Trauernder, sonst trage man die Toten in Tüchern zu Grabe. Sie werden aus den Kisten genommen und in das staubige Erdreich gelegt. Keine 24 Stunden zuvor waren die drei Frauen von einer Katjuscha zerfetzt worden. Sie hatten nur für kurze Zeit das Haus verlassen und saßen im Garten, um Luft zu schnappen. Die Rakete schlug drei Meter neben ihnen ein.

Es folgt ein Gebet - eine längere Ansprache des Imams gibt es nicht. Das israelische Militär hält die Lage für zu gefährlich, als dass sich eine solche Menschenansammlung unter freiem Himmel lange aufhalten sollte. So löst sich die Trauergemeinde schnell auf, kurze Umarmungen, ein schneller Kuss auf die Stirn der Hinterbliebenen, dann macht man sich auf, zurück ins Dorf.

Aramsha im Kreuzfeuer

Seit fast vier Wochen können die 1500 Bewohner Aramshas nicht mehr ruhig schlafen - wegen der ständigen Katjuscha-Einschläge in Nordisrael, der Bomben, die über die Dörfer des Südlibanon niedergehen und der Panzersalven, die die Israelis aus den nahe gelegenen Stellungen abgeben. Doch bisher spielte sich der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah über ihren Köpfen ab. "Die Katjuschas flogen über uns hinweg", sagt Mofied Mazal, 44, "doch jetzt hat die Armee die Hisbollah zurückgedrängt, und deren Raketen fliegen nur noch knapp über die Grenze und landen bei uns." Seine Einschätzung stimmt nicht ganz, denn nach wie vor gelingt es der Guerilla-Miliz, Raketen bis nach Haifa zu feuern, wo am Abend dieses Tages sechs Geschosse einschlagen. Mindestens drei Menschen werden getötet und rund hundert verletzt.

Doch mit einem hat Mofied Recht: Aramsha liegt im Kreuzfeuer der Hisbollah und der israelischen Armee. Rund um den Ort wird geschossen. Am Nachmittag, kurz nach der Beerdigung schlagen die Katjuschas im Minutentakt ein. Auf den Hügeln um das Dorf steigen Rauchsäulen auf. Mofied Mazal sitzt mit seiner Frau, den drei Söhnen und der Tochter in seinem geräumigen Haus und wartet. Er wartet eigentlich nur auf eines: dass die Kämpfe endlich aufhören.

Plötzlich ein Höllenlärm. Alle werfen sich auf den steinernen Boden des Wohnzimmers. Ein Moment der Panik. Was ist passiert? Dann geht ein Aufatmen durch die Familie: Es war ein israelisches Kampfflugzeug, das im Tiefflug über das Haus donnerte. "So geht es nun schon seit Wochen", klagt Mofied, "es geht extrem an die Nerven, daran gewöhnt man sich nicht."

Angst vor dem Weg zur Arbeit

Die Söhne vertreiben sich den Tag am Computer oder vor dem Fernseher. Freunde treffen sie nicht mehr, es ist zu gefährlich, sich im Freien aufzuhalten. Abed, der mit 19 Jahren älteste, erzählt, er habe vor seinem PC gesessen, als er eine Katjuscha tags zuvor durch die Luft sirren hörte. Er lief zum Fenster und sah die Detonation im Garten der Nachbarn. Nun zeigt er handgroße Metallteile aus dem Sprengkopf der tödlichen Waffe, die er nach der Detonation gefunden hat.

Vater Mofied fährt jeden Morgen um sechs Uhr zur Arbeit, immer an der Grenze, der Sykes-Picot-Linie, entlang. Es sind 45 lebensgefährliche Minuten, bis er in seiner Fabrik ankommt, in der Metallröhren hergestellt werden. Mofied kommt durch ein Dorf, das zur Hälfte auf israelischer, zur Hälfte auf libanesischer Seite liegt. Er fährt vorbei an der Stelle, an der die beiden israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev vor vier Wochen von der Hisbollah entführt wurden. Offiziell wird dieser Feldzug um ihrer Befreiung Willen geführt. "Ich habe jeden Tag Angst vor dem Weg zur Arbeit", sagt er. Morgens sei es meist okay, doch auf der Rückfahrt zwischen fünf und sechs, da sei ihm flau im Magen. "Am Donnerstagmittag hat es auf der gesamten Strecke gekracht."

Doch die Angst wohnt auch in den eigenen vier Wänden. Besonders Tochter Rowan, 14, leidet unter der Situation. Sie ist sehr furchtsam. "Sie ist das kleine Problem im Haus", sagt der Vater durchaus liebevoll, sie weine oft. Um sich und seine Familie vor der Gefahr und dem permanenten Stress zu schützen, hatte Mofied gleich nach Beginn der Angriffe das Dorf verlassen. Die Mazals hatten zwei Zimmer in einem Hotel in Jerusalem gemietet. Dort blieben sie eine Woche, dann wurde es zu teuer, und sie mussten zurückkehren.

Die Preise in den sicheren Gebieten Israels hätten sich verdoppelt, sagt Mofied. Habe man vor dem Krieg für ein Hotelzimmer in Tel Aviv 300 bis 350 Schekel bezahlt (60 bis 70 Euro), zahle man dafür jetzt 550 bis 600 (110 bis 120 Euro). "Ich verstehe das nicht. In einer Krise wie dieser, sollten sie den Menschen helfen, und sie nicht schröpfen", meint Mofied.

Immerhin, die Regierung tut ein bisschen was. Rowan und ihr Bruder Louy, 18, haben die Rucksäcke gepackt. Mit einer Gruppe von rund 40 Jugendlichen werden sie im Bus zu einem Camp bei Beerscheba weit im Süden Israels fahren. Die Regierung habe den einwöchigen Aufenthalt organisiert, sagt der Vater, die Kinder müssten sich erholen. Rowan pflichtet bei: "Ich möchte endlich mal wieder durchschlafen - ohne Angst, ohne Lärm."

Der Bus müsste gleich kommen. Die Abfahrtszeit ist für 16 Uhr geplant - die Zeit, als gestern die Katjuscha die drei Nachbarinnen tötete.



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