Anschläge in Tripoli Syrischer Krieg, Schauplatz Libanon

Sie hatten gerade ihre Gebete beendet, als die Sprengsätze detonierten: Mehr als 40 Menschen sind bei Anschlägen in zwei Moscheen in Tripoli getötet worden. Die Hoffnung, der Libanon könne sich aus dem Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien heraushalten, ist endgültig zerstört.
Tripoli: Anwohner vor einem der Krater, der durch die Explosion entstand

Tripoli: Anwohner vor einem der Krater, der durch die Explosion entstand

Foto: MOHAMED AZAKIR/ REUTERS

Bei zwei Terroranschlägen vor sunnitischen Moscheen in der libanesischen Stadt Tripoli wurden mindestens 43 Menschen getötet. Sie starben durch zwei Bomben, die am Mittag kurz hintereinander detonierten, als die Gläubigen das Freitagsgebet beendeten. Der Leiter des Roten Kreuzes im Libanon, George Kettane, sagte, zudem seien mehr als 500 Menschen verletzt worden.

Nach Angaben aus libanesischen Sicherheitskreisen war am Abend damit zu rechnen, dass es noch mehr Todesopfer geben würde, da viele Verwundete schwerste Verletzungen davongetragen hätten. Das Fernsehen zeigte am Nachmittag entsetzliche Bilder von blutüberströmten Menschen, die aus den verwüsteten Moscheen stolperten und Leichen, die unter Schutt begraben liegen. Beide Gotteshäuser liegen im belebten Zentrum der Hafenstadt, in der viele Straßencafés zum Verweilen einladen.

Die Anschläge sind die blutigsten seit dem Ende des Bürgerkriegs, der den einst blühenden Mittelmeer-Staat von 1975 bis 1990 erschütterte. Sie markieren eine dramatische Eskalation der Lage im Libanon, der zunehmend in den Bürgerkrieg in seinem Nachbarland Syrien hineingezogen wird. Die Hoffnung, dass die kriegsmüden Libanesen das Übergreifen der Kämpfe auf den Zedernstaat verhindern würden, scheint endgültig zerschlagen.

Unter dem Eindruck des syrischen Krieges ist der lange schwelende Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten nun auch im Libanon aufgelodert. Jetzt droht eine Spirale aus politischer und religiös motivierter Gewalt. In welchem Ausmaß diese Gewalt von heimischen Akteuren verursacht wird oder aber von ausländischen, zum Beispiel syrischen, ins Land getragen wird, wird sich noch erweisen.

Schuldzuweisung an Hisbollah

Tripoli, mit 500.000 Einwohnern Libanons zweitgrößte Stadt, wird mehrheitlich von Sunniten bewohnt. Deren Wortführer bezichtigten umgehend die mit Damaskus verbündete Schiitenmiliz Hisbollah, die Anschläge im Auftrag Syriens verübt zu haben. Der sunnitische Parlamentsabgeordnete Khaled al-Daher brachte die Attentate dabei mit dem mutmaßlichen Giftgasangriff östlich von Damaskus in Zusammenhang: "Ich will nicht ausschließen, dass das syrische Regime an diesem Verbrechen beteiligt ist, in der Absicht, dass damit die Massaker in Syrien nicht mehr so stark im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen."

Aufgebrachte Demonstranten, die sich am Nachmittag schwer bewaffnet auf den Straßen Tripolis versammelten, bezichtigen die Hisbollah, mit den Anschlägen Rache für den jüngsten Angriff auf die mehrheitlich von Schiiten bewohnten südlichen Vororte von Beirut üben wollten. Vor genau einer Woche waren dort bei einer Explosion 30 Menschen ums Leben gekommen, auch dort wurden Hunderte verletzt. Die Hisbollah hatte nach dem Anschlag Rache geschworen. In einer ersten Reaktion dementierte die Organisation am Freitag jedoch, hinter den Bombenanschlägen in Tripoli zu stecken.

In den angegriffenen Moscheen hatten zwei sunnitische Geistliche die Freitagspredigt gehalten, die erklärte Gegner des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und der mit ihm Verbündeten Hisbollah sind. Beide Prediger, Salem al-Rafei und Bilal Barudi, haben in der Vergangenheit ihre Anhänger aufgefordert, nach Syrien zu gehen und das dortige Regime zu bekämpfen. Bei den meisten Toten dürfte es sich mehrheitlich um Anhänger der radikalen Prediger handeln. Die Bomben detonierten just, als die Gläubigen ihre Gebete beendeten und die Moscheen verließen.

"Dieser Sturm birgt riesige Gefahren"

Verteidigungsminister Fajes Ghosn warnte davor, dass dem Libanon eine Terror-Serie mit Autobombe drohe. Der Bürgerkrieg im benachbarten Syrien hat die Spannungen zwischen den Parteien der Sunniten und der Hisbollah in den vergangenen Monaten verschärft. Die Hisbollah kämpft in Syrien auf der Seite des Assad-Regimes. Die meisten libanesischen Sunniten sympathisieren dagegen mit den Rebellen, die sich zum Teil auch mit Waffen und humanitärer Hilfe unterstützen.

Präsident Michel Suleiman erklärte, das Blutbad in Tripoli diene nur denjenigen, die Spannungen schüren wollten. Er rief die Libanesen auf, sich gemeinsam gegen die "Verschwörungen der Feinde von Frieden und Stabilität" zu stellen. Eine der Bomben explodierte unweit der Wohnung des ehemaligen Geheimdienstchefs Aschraf Rifi. Vor dem beschädigten Gebäude gab Rifi, der als Hisbollah-Gegner gilt, libanesischen Sendern ein Interview, in dem er davor warnte, dass der Libanon von einem Sturm der Gewalt ergriffen worden sei. "Dieser Sturm birgt riesige Gefahren."

Der Libanon stand nach dem Bürgerkrieg faktisch unter syrischer Oberherrschaft, starke Truppenkontingente aus Syrien waren hier stationiert. Die Entwicklungen in Syrien schlugen immer wieder auf die libanesische Politik durch. Zu den Anschlägen, die den Libanon besonders schwer erschütterten, zählt auch der Mordanschlag auf den ehemaligen Regierungschef Rafik Hariri vom Februar 2005, bei dem 23 Menschen getötet wurden.

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