Libanon Ermittlungskrimi in Beirut

Wurde der libanesische Ministerpräsident Rafik Hariri wirklich Opfer eines Selbstmordanschlags? Die internationalen Ermittlen glauben nicht mehr an diese Version. Vor dem Anschlag wurde der Handy-Funkverkehr erheblich gestört. Der angebliche Attentäter soll erst später ermordet worden sein.


 Nach dem Anschlag auf die Wagenkolonne Hariris: Wurde per Handy gezündet?
AP

Nach dem Anschlag auf die Wagenkolonne Hariris: Wurde per Handy gezündet?

Beirut - Der 14. Februar 2005 schien ein Tag wie jeder andere zu sein. Der Konvoi mit dem Ministerpräsidenten Rafik Hariri fuhr wie immer an der Uferstraße in Beirut entlang. Doch genau zwei Minuten, bevor eine gewaltige Explosion die libanesische Hauptstadt erschütterte, wurde in der Nähe der Attentatsstelle ein Auto geparkt - beladen mit Sprengstoff. Kurz darauf verließ ein Mann die Straße, dann wurde der Sprengsatz per Fernbedienung gezünde. Zumindest diese neueste Version des Anschlags auf den libanesischen Premier findet sich in der heutigen Ausgabe der arabischen Zeitung "Al-Hayat".

Der Bericht stützt sich offenbar auf internationale Ermittlerkreise. Die von den alten pro-syrischen libanesischen Sicherheitskräften zunächst propagierte Selbstmordattentäter-Theorie sei von dem Ermittlerteam, das der Berliner Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis leitet, verworfen worden, schreibt das Blatt. Die Uno-Ermittler gingen inzwischen davon aus, dass die Hintermänner des Anschlags das Bekenner-Video, das damals dem arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira zugespielt worden war, selbst aufgenommen haben. Der darin als islamistischer Selbstmordattentäter präsentierter Palästinenser Abu Addas soll von ihnen später umgebracht worden sein. Abu Addas, der in Libanon lebte, ist seit dem Anschlag verschwunden.

Libanesische Sicherheitskräfte hatten diese Woche zwei Mobilfunk-Firmen durchsucht und insgesamt 25 Angestellte zum Verhör abgeführt. Aus Sicherheitskreisen hieß es dazu, es bestehe der Verdacht, dass Anrufe am Tag des Mordanschlages manipuliert gewesen seien. "Al-Hayat" schreibt nun, sowohl im Telefon-Festnetz als im Mobilfunknetz habe es zur Tatzeit in der Umgebung der Uferstraße für zwei Stunden verdächtige Störungen gegeben. Diese hätten das in Hariris Wagen installierte Gerät, das ihn vor ferngezündeten Bomben warnen sollte, außer Betrieb gesetzt.

Außerdem hätten die Telefonfirmen den Sicherheitskräften später keine vollständige Liste der Anrufe zur Tatzeit in dem Gebiet übergeben. Mehlis soll Uno-Generalsekretär Kofi Annan Mitte des Monats einen Bericht über den Stand der Ermittlungen übergeben.

 Deutscher Ermittler Mehlis: Harte Puzzlearbeit
AP

Deutscher Ermittler Mehlis: Harte Puzzlearbeit

Bisher wurden im Zusammenhang mit dem Hariri-Mordfall acht Menschen verhaftet, darunter vier ehemalige libanesische Sicherheitschefs. Auch nach dem Anschlag auf Hariri, bei dem noch 20 weitere Menschen starben, reißt die Terrorserie in Libanon nicht ab.

Das jüngste Opfer war eine bekannte libanesische TV-Journalistin, die am vergangenen Sonntag bei einem Anschlag auf ihr Auto ein Bein und eine Hand verlor. Die der christlichen Minderheit angehörende Frau gilt als vehemente Kritikerin des syrischen Einflusses im Libanon.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.