Libanon Hisbollah-Chef bedauert Entführung israelischer Soldaten

Hätte er die Folgen der Aktion voraussehen können, dann hätte er die zwei israelischen Soldaten nicht entführen lassen, sagte Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. Laut einem Zeitungsbericht könnten die Geiseln bald freikommen - durch deutsche Vermittlung.


Beirut/Kairo - In die Bemühungen um die Freilassung der beiden von der Hisbollah in den Libanon verschleppten israelischen Soldaten ist Bewegung gekommen. Über Mittelsmänner hätten Israel und die Hisbollah Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch aufgenommen, sagte Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah am Sonntagabend im libanesischen Fernsehen.

Nasrallah im TV-Interview: Austausch der Gefangenen wird diskutiert
AFP

Nasrallah im TV-Interview: Austausch der Gefangenen wird diskutiert

Er bedauerte die Entführung der israelischen Soldaten am 12. Juli, auf die Israel mit einem einmonatigen Krieg gegen Ziele im Libanon reagiert hatte. "Hätten wir gewusst, dass die Gefangennahme der Soldaten all dies nach sich ziehen würde, hätten wir es nicht getan", sagte Nasrallah. Nach Informationen der amtlichen ägytischen Zeitung "al-Ahram" sind deutsche Vermittler an den Gesprächen beteiligt.

Hisbollah-Chef Nasrallah sagte im libanesischen Sender NTV, dass die Verhandlungen mit Israel über einen Gefangenenaustausch "vor kurzem begonnen" hätten. Als Vermittler für die Hisbollah trete Parlamentspräsident Nabih Berri auf. Der Schiit Berri ist zwar nicht Mitglied der Hisbollah, hatte in den vergangenen Monaten aber wiederholt als Mittelsmann zwischen der Miliz und ausländischen Gesprächspartnern gedient.

Nasrallah sagte weiter, dass Italien und die Vereinten Nationen an den Verhandlungen teilnehmen wollten. "Das Thema Gefangenenaustausch steht zur Diskussion, und Italien möchte sich daran beteiligen." An weiteren Kämpfen mit Israel sei die Hisbollah nicht interessiert. Nach Angaben des israelischen Onlinediensts "Ynet" dagegen verhandelt Israel nicht mit der radikalislamischen Hisbollah über einen Gefangenenaustausch. Die israelische Regierung rede derzeit nicht mit der Hisbollah, wurden am Sonntag regierungsnahe Kreise zitiert. Israel sei mit der libanesischen Regierung in Kontakt.

Wie das ägyptische Regierungsblatt "al-Ahram" am Sonntag berichtete, werden die beiden von der Hisbollah entführten israelischen Soldaten spätestens in zwei bis drei Wochen gegen libanesische Häftlinge in Israel ausgetauscht. Deutsche Vermittler versuchten derzeit, die "Modalitäten des Austausches" festzuzurren. In einem möglichen Szenario könne der Austausch zeitgleich stattfinden. Möglich sei auch, dass die Hisbollah die Soldaten zuerst freilasse. Die radikalislamische Miliz solle dafür eine von den deutschen Vermittlern garantierte Zusage erhalten, dass die libanesischen Häftlinge am Folgetag freikommen.

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte in Berlin: "Wir dementieren solche Spekulationen nicht, wir bestätigen sie auch nicht." Deutschland war schon einmal erfolgreich als Vermittler zwischen der Hisbollah und Israel aufgetreten. Im Jahr 2004 hatte Israel rund 400 libanesische Häftlinge freigelassen. Im Gegenzug übergab die Miliz an Israel die Leichen von drei getöteten Soldaten und ließ einen entführten israelischen Geschäftsmann frei.

In der syrischen Hauptstadt Damaskus führte am Sonntag der US-Menschenrechtler Jesse Jackson Gespräche über einen Austausch von Gefangenen zwischen Israel, der Hisbollah und Syrien. Bei einem Treffen mit Syriens Präsident Baschar al-Assad habe er dessen Unterstützung für seine "humanitäre Mission" bekommen, sagte Jackson.

Nasrallah: Kein Widerstand gegen UNIFIL-Soldaten

Vor dem Besuch von Uno-Generalsekretär Kofi Annan in Beirut sicherte Nasrallah den Vereinten Nationen zu, keinen Widerstand gegen die Stationierung der erweiterten Friedenstruppe UNIFIL zu leisten. Bedingung sei allerdings, dass die Uno-Soldaten auf eine Entwaffnung der Hisbollah-Milizionäre verzichten, sagte Nasrallah am Sonntagabend in einem Interview mit dem libanesischen Fernsehen. "Wir haben kein Problem mit der UNIFIL, solange ihre Mission nicht die Entwaffnung der Hisbollah ist."

Zugleich sprach Nasrallah der libanesischen Armee das Recht zur Entwaffnung von Kämpfern zu. "Wenn die Armee damit anfängt, ihr Volk zu beschützen, wird dies nicht mehr unsere Aufgabe sein", sagte der Hisbollah-Chef. Wenn Armeesoldaten im Südlibanon auf Bewaffnete träfen, "dann haben sie das Recht, deren Waffen zu beschlagnahmen".

Annan wird am Montag in Beirut erwartet, wo er mit der Regierung über die Einzelheiten der geplanten Truppenstationierung sprechen soll. Grundlage für die Mission ist eine Entschließung des Uno-Sicherheitsrats, in der auch die Entwaffnung der Hisbollah gefordert wird. Das Dokument lässt aber offen, wer für diese Aufgabe zuständig sein soll.

hda/AFP/dpa



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