Libanon Im Griff des syrischen Kraken

Wie viel Syrien steckt im neuen Libanon? Die Libanesen haben zwar den Abzug der Besatzerarmee erreicht, doch schon verdichten sich die Indizien, dass Damaskus nun die Spionage verstärken will. Der Libanon ist zu wichtig für das Beton-Regime, um ihn aufzugeben.

Von Yassin Musharbash, Beirut


Hotel-Manager Harmouche: Schlechte Werbung
SPIEGEL ONLINE

Hotel-Manager Harmouche: Schlechte Werbung

Das Hotel "Beau Rivage", nur 200 Meter von Beiruts Mittelmeerküste entfernt, war einmal eines der ersten Häuser der libanesischen Hauptstadt. Hans-Jürgen Wischnewski, der deutsche SPD-Nahostexperte, hat sich hier ebenso im Goldenen Buch verewigt wie der brasilianische Fußballer Pelé. Doch seit einigen Monaten hat der Betreiber Khalid Harmouche ein Problem: Die Gästezahlen sinken. Sein Hotel wurde in mehreren Artikeln der arabischen und internationalen Presse als Zentrale des syrischen Geheimdienstes im Libanon geoutet.

Natürlich stimmt das alles nicht, sagt Harmouche seufzend, während er eine dicke Zigarre in einer Glasschale ausdrückt. Gerade hat er eine Gegendarstellung bei der Zeitung "al-Scharq al-Awsat" durchgesetzt. Kürzlich wurde gar behauptet, er plane die Eröffnung eines Restaurants mit Namen "Mukhabarat", dem arabischen Wort für Geheimdienst. "Die Syrer waren bloß in verschiedenen Häusern hier in der Nähe angesiedelt", erklärt Harmouche und zeigt auf ein Hochhaus am Ende der Straße. Aber irgendwie sei das Gerücht entstanden, sie lebten in seinem Hotel.

Reste der syrischen Steinflagge: Abzug vor einer Woche
SPIEGEL ONLINE

Reste der syrischen Steinflagge: Abzug vor einer Woche

Dass die Gäste schon aufgrund eines Gerüchts ausbleiben, ist nachvollziehbar. Der syrische Geheimdienst gilt als skrupellos. Jahrzehntelang halfen die Agenten in manchmal gar nicht geheimer Art dem syrischen Regime, den Libanon unter Kontrolle zu halten. "Und das heißt: Unter Kontrolle", sagt ein weiterer Beiruter Geschäftsmann, der nicht genannt werden will. Die Syrer, sagt der Mann, seien wie ein Kraken, der seine Arme überall habe: In der Politik, in der Wirtschaft, in den Behörden.

Die Lunge Syriens

Hotelbetreiber Harmouche wird nun aufatmen können: Seine Gegend haben die Nachrichtendienstler verlassen. Das Hochhaus, in dem sie residierten, steht seit einer Woche leer. Vor dem Eingang liegen Scherben in den Farben der syrischen Flagge: Teile des abgerissenen Portals. Ebenso ist der Checkpoint verschwunden. Doch kann auch der Libanon insgesamt freier atmen, weil der Griff des Kraken sich gelockert hat? Es gibt gute Gründe, es anzuzweifeln.

Denn wie die libanesische Zeitung "Daily Star" gestern berichtete, plant Syrien als Ersatz die Ausweitung der Geheimdienstarbeit außerhalb der Hauptstadt. Das Blatt führt als Quellen Oppositionspolitiker, aber auch Uno-Mitarbeiter an. Der oppositionelle Abgeordnete Ghattas Khoury sagte SPIEGEL ONLINE: "Natürlich wird Syrien nicht mit der Geheimdienstarbeit aufhören". Das kleine Nachbarland sei für die Syrer "wie eine Lunge".

Das Damaszener Regime nutze den kapitalistischen Libanon als heimliche Handelsbasis, so Khoury. Von Milliarden Dollar Schwarzgewinn sprechen Geschäftsleute. Zu wertvoll, um es einfach aufzugeben.

Beileid für Hariri: "Mr. Libanon"
SPIEGEL ONLINE

Beileid für Hariri: "Mr. Libanon"

Die syrische Staatsideologie der Baath-Partei betrachtet den Libanon ohnehin als Kolonie. Die Libanesen dagegen, die genug mit ihrer eigenen Diversität zu tun haben, sehen sich lieber als Nachfahren der Phönizier, deren Ahnen seit Jahrtausenden freien Handel treiben und den Duft der großen, weiten Welt atmen. Mit der nach Ostblock müffelnden Diktatur Syriens wollen sie nichts zu tun haben.

Syrisches Lohndumping

Doch es ist nicht nur die eigene Weltläufigkeit und der Wunsch nach Demokratie und Unabhängigkeit, der die Libanesen antreibt. So geht es auch um Materielles: Hunderttausende syrische Gastarbeiter verdingen sich im Libanon zu Dumpinglöhnen. Der Libanon aber hat selbst genug Arbeitslose. Es ist nicht zu übersehen, dass ein Teil des Oppositionslagers von solcherlei Motiven angetrieben wird. Herablassend werden die syrischen Arbeiter behandelt, und natürlich fürchten sie jetzt um ihre Zukunft.

Ort des Anschlags: Gerüchte und Geheimnisse
SPIEGEL ONLINE

Ort des Anschlags: Gerüchte und Geheimnisse

Ahmad, ein 31-Jähriger, der in Beirut auf dem Bau arbeitet, ist einer von ihnen. "Die Libanesen sind alle sehr nett", sagt er. Aber in seinen Augen, die sich ängstlich umsehen, steht etwas anderes. Zur Revolte will er sich ebenso wenig äußern: "Ich verstehe nichts von Politik." Fragt man ihn direkt, ob er sich Sorgen macht, nickt Ahmad dann doch. Die Gastarbeiter sind in einer schwierigen Lage: Keiner mag sie, weil sie Syrer sind; dabei hat niemand weniger Macht und Geld als sie.

Auch, dass Syrien den Libanon jahrzehntelang wie eine tributpflichtige Provinz behandelt hat, ließ eine tiefe Kluft entstehen. Mindestmengen syrischer Waren mussten abgenommen werden, Geheimdienstler hatten die Macht, Menschen verschwinden oder wieder auftauchen zu lassen. Libanesische Politiker - inklusive des Präsidenten Emile Lahoud - wurden und werden von Damaskus aus ferngesteuert. Lahoud, sagt der 45-jährige Lehrer Wa'il, der sich dem Oppositionslager zurechnet, sei "doch nichts weiter als ein syrisches Projekt".

Was wusste der Präsident?

Ex-Geheimdienstzentrale der Syrer: Gefängnis gegenüber
SPIEGEL ONLINE

Ex-Geheimdienstzentrale der Syrer: Gefängnis gegenüber

Es war der Überdruss über diese Bevormundung, der zu der Revolte führte. Dass die Proteste mit der Ermordung des Ex-Premiers Rafiq Hariri am 14. Februar begannen, ist dabei kein Zufall: Hariri hatte angefangen, sich gegen die Syrer zu stellen. Im Herbst 2004, als er noch Premier war, wurde er nach Damaskus einbestellt, um sich eine "Inspiration abzuholen", wie der libanesische Euphemismus für einen syrischen Befehl lautet. Es ging um eine Amtszeitverlängerung für Lahoud.

Syriens Präsident Baschar al-Assad soll Hariri offen gedroht haben, sicher ist, er kam mit einer weißen Armschlinge zurück. Die Libanesen verstanden das als Symbol: Hariri war gedemütigt worden. Er trat zurück, behielt so seine Würde und wurde zur Ikone der Opposition. Seine baldige Ermordung schrieben die Oppositionellen schnell dem Nachbarland zu. Die folgenden Proteste führten zu einem Umsturz: Die pro-syrische Regierung trat zurück, Assad kündigte den Rückzug der Armee an.

Mittlerweile sagen viele Libanesen, sie fürchten die Syrer nicht mehr. Vorgestern, so behaupten Bewohner einer von Oppositionellen errichteten Zeltstadt im Zentrum Beiruts, hätten sie zwei syrische Geheimdienstler gar verprügelt, die sie ausspionieren wollten. Doch zugleich treibt die Oppositionellen die Sorge um, der Geheimdienst könnte zurückschlagen oder in veränderter Gestalt die Geschicke des Libanon weiterhin bestimmen.

Die Opposition wirft ihnen jetzt vor, die Wahlen zu verschleppen. Anlass hätten sie genug: Unappetitliches könnte nach dem Machtwechsel zu Tage gefördert werden. Wusste Präsident Lahoud im Voraus von den Plänen zur Beseitigung Hariris? Kaum ein Oppositioneller bezweifelt das.

Der Libanon - ein Ameisenhaufen

Und dann gibt es diese Gerüchte: Neue Büros der syrischen Baath-Partei würden jetzt fast täglich eröffnet, heißt es in den Cafés von Beirut. Geheimdienstler erhielten libanesische Pässe, um das Land nicht verlassen zu müssen. Und plötzlich will Syrien doch eine Botschaft und Konsulate eröffnen. Um die Nachrichtendienstler unterzubringen, fragen sich viele Libanesen?

Syrischer Gastarbeiter in Beirut: "Politik interessiert mich nicht"
SPIEGEL ONLINE

Syrischer Gastarbeiter in Beirut: "Politik interessiert mich nicht"

Und schließlich: Wer steckte hinter den drei kleineren Bombenanschläge der vergangenen zwei Wochen? Die Opposition glaubt an die Täterschaft libanesischer Kollaborateure im Auftrag Syriens.

Viele Fragen müssen noch geklärt werden. Schon jetzt zeichnet sich ab: Den Libanesen wird nach dem Ende der syrischen Ära eine schmerzhafte Selbsterforschung ins Haus stehen. Nur die nachdenklicheren Teile der Opposition sind sich dessen schon jetzt bewusst und bremsen ihre Euphorie.

Hotelbetreiber Khalid Harmouche, ein "Optimist aus bitterer Erfahrung", der miterlebte, wie sein Hotel im Bürgerkrieg zerstört und anschließend wieder aufgebaut wurde, will den Glauben trotzdem nicht aufgeben, dass am Ende alles gut wird. "Der Libanon", sagt er, und steckt seine Zigarre wieder an, "ist wie ein Ameisenhaufen: Du trittst rein - und zehn Minuten später ist er wieder heile".



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.