Libanon Israel fliegt neue Luftangriffe

Es ist eine brüchige Feuerpause: Zwar haben die Israelis ihre Bombardements eingeschränkt, doch nach wie vor beschießt die Artillerie Hisbollah-Stellungen, fliegen Kampfjets vereinzelte Einsätze. Auch die Hisbollah feuerte wieder Raketen Richtung Israel.


Tyrus/Jerusalem - Die Feuerpause währte nur wenige Stunden: Am Morgen hatte ein isralischer Militärsprecher angekündigt, die 48-stündige Einstellung der Luftangriffe gelte ab 1.00 Uhr MESZ. Aber bereits heute stiegen wieder Kampfjets auf. Die Streitkräfte erklärten, mit diesen Luftangriffen sollten Bodentruppen in dem Gebiet geschützt werden, die nahe der südlibanesischen Städte Taibeh und Kila operierten. Israel hatte sich schon bei der Verkündung der Feuerpause das Recht vorbehalten, Stellungen ins Visier zu nehmen, von denen Angriffe auf Israel vorbereitet würden.

Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AP erfolgten die Luftangriffe, nachdem die radikal-islamische Hisbollah-Miliz einen israelischen Panzer beschossen und dabei drei Soldaten verletzt hatte. Die Hisbollah feuerte zudem Raketen in die Stadt Kirjat Schmona. Der israelische Rundfunk meldete, zwei Katjuscha-Raketen seien im Bereich der Grenzstadt eingeschlagen. Gestern hatte die Hisbollah etwa 140 Raketen auf Israel abgefeuert, mehr als hundert davon auf Kirjat Schmona.

Bei einem Angriff einer israelischen Drohne kam nahe Tyrus auch ein libanesischer Soldat ums Leben. Eine israelische Armeesprecherin teilte mit, es sei ein Fahrzeug angegriffen worden, in dem man ein ranghohes Mitglied der Hisbollah-Miliz vermutet habe. Erst später sei der Irrtum deutlich geworden. Die Armee bedauere den Vorfall, sagte die Sprecherin.

Kurz vor den neuen Luftangriffen hatte die israelische Regierung deutlich gemacht, dass die für den Süden Libanons ausgerufene Feuerpause kein Ende der Militäroffensive bedeute. Eine endgültige Waffenruhe mit sofortiger Wirkung werde es nicht geben, sagte der israelische Verteidigungsminister Amir Peretz heute in einer hitzigen Parlamentssitzung. Ein solcher Waffenstillstand werde die Extremisten nur wieder erstarken lassen. "In einigen Monaten fangen wir dann wieder von vorne an." Sein Land werde die Offensive gegen die Hisbollah "ausweiten und verstärken", sagte Peretz.

Israel hatte sich trotz der Feuerpause vorbehalten, weiter gegen die Hisbollah vorzugehen, sollte die Miliz das Land mit Raketen beschießen. Es gebe keine Waffenruhe, sagte ein Regierungsvertreter dem Online-Dienst der israelischen Zeitung "Haaretz". Das israelische Militär werde weiter gegen Ziele vorgehen, "die eine Bedrohung für Israel und seine Soldaten" bedeuten würden. Dazu würden Raketenstellungen und Waffenlager ebenso gehören wie Hisbollah-Kämpfer, berichtete "Haaretz".

Noch am frühen Morgen hatte US-Außenministerin Condoleezza Rice Hoffnungen auf eine dauerhafte Waffenruhe in Nahost genährt. Rice sagte heute in Jerusalem, es entstehe in Israel und im Libanon ein Konsens über die Bedingungen für eine "dringende Waffenruhe und eine langfristige Vereinbarung". Eine solche Vereinbarung müsse aus drei Teilen bestehen: Eine Waffenruhe, politische Grundlagen für eine längerfristige Lösung und eine internationale Interventionstruppe, die die libanesische Armee unterstützt. Der Libanon müsse die Souveränität über alle Landesteile übernehmen, betonte Rice.

Man werde den Weltsicherheitsrat aufrufen, noch in dieser Woche eine entsprechende Resolution zu verabschieden. "Bewaffnete Gruppen" müssten im Libanon verboten und neue Waffenlieferungen von einer internationalen Truppe verhindert werden. Israel werde im Gegenzug die internationale Grenzlinie zum Libanon nicht verletzen. Rice äußerte "tiefe Trauer über den tragischen Verlust von Menschenleben, besonders von Kindern" im Libanon und in Israel. Sie begrüßte die israelische Entscheidung über eine 48-stündige Aussetzung von Luftangriffen, um den Vorfall in Kana zu untersuchen.

Das libanesische Dorf war gestern Ziel eines israelischen Luftangriffs - mindestens 56 Zivilisten starben, unter den Opfern waren 37 Kinder. Der Angriff hatte weltweit für Entsetzen gesorgt. Aus Wut über den israelischen Luftangriff stürmten gestern aufgebrachte Libanesen ein Gebäude der Vereinten Nationen in Beirut. Mehrere Dutzend kletterten über einen zwei Meter hohen Zaun, zerschlugen Fenster im Erdgeschoss und verbrannten eine Uno-Flagge. Einige Demonstranten drangen in das Gebäude ein, in dem sich zu diesem Zeitpunkt nach Angaben der Vereinten Nationen rund 80 Mitarbeiter aufhielten. Sie randalierten in den Büros und demolierten das Inventar.

Die Hisbollah nannte heute Bedingungen für ein Ende der Raketenangriffe auf Israel: Die Miliz forderte Israels sofortigen Rückzug aus dem Libanon. Ein Aussetzen der Luftangriffe für 48 Stunden reiche nicht aus, sagte der Hisbollah-Abgeordnete im libanesischen Parlament, Hassan Fadlallah. "Der Krieg wird enden, wenn Israel seine Aggression umfassend und vollständig einstellt und sich aus den besetzten Stellungen im Südlibanon zurückzieht." Die Angriffe auf Ziele im Norden Israels seien die Reaktion der Hisbollah auf die israelischen Angriffe, sagte Fadlallah. "Wenn die Aggression beendet wird, endet der Raketenbeschuss auf Israel."

Seit Beginn des Krieges vor 20 Tagen sind 545 Libanesen - vornehmlich Zivilisten - und 51 Israelis getötet worden.

hen/Reuters/dpa/AP/AFP

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