Libanon Israel will Offensive verstärken

Trotz einer Feuerpause schwinden die Chancen für eine dauerhafte Waffenruhe rasch: Israel will auch nach dem verheerenden Bombardement in Kana den Kampf gegen die Hisbollah fortsetzen. Sein Land werde den Militäreinsatz "ausweiten und verstärken", sagte Verteidigungsminister Peretz.


Jerusalem/Tyrus - 48 Stunden lang will Israel keine Luftangriffe auf den Südlibanon fliegen, die vorübergehende Feuerpause begann nach Angaben eines Militärsprechers heute um 1.00 Uhr MESZ. Doch die Pause bedeutet nach den Worten des israelischen Justizministers Haim Ramon noch nicht das Ende der Offensive. "Ich bin sicher, dass wir diesen Krieg nicht beenden werden, bis Klarheit besteht, dass die Hisbollah nicht mehr in der Lage ist, Israel vom südlichen Libanon aus anzugreifen. Das ist unser Ziel", sagte Ramon heute im israelischen Armeerundfunk.

Ramon hat in der vergangenen Woche internationale Entrüstung ausgelöst, als er erklärte, die Nahost-Konferenz in Rom habe wegen ihrer Uneinigkeit bezüglich eines sofortigen Waffenstillstands der israelischen Regierung grünes Licht für eine Fortsetzung der Libanon-Offensive gegeben.

Auch Verteidigungsminister Amir Peretz signalisierte Israels Entschlossenheit, den Kampf gegen die Hisbollah fortzusetzen. "Wir dürfen keiner sofortigen Waffenruhe zustimmen", sagte Peretz im Parlament. Im Falle einer sofortigen Waffenruhe würde sich die Hisbollah wieder aufbäumen. "Dann sind wir in wenigen Monaten wieder am selben Punkt wie vorher", sagte Peretz. Sein Land werde die Offensive gegen die Hisbollah "ausweiten und verstärken", sagte Peretz.

Auch behielt sich Israel trotz des vorübergehenden Stopps der Luftangriffe vor, weiter gegen mutmaßliche Hisbollah-Stellungen vorzugehen. Es gebe keine Waffenruhe, sagte ein Regierungsvertreter dem Online-Dienst der israelischen Zeitung "Haaretz". Das israelische Militär werde weiter gegen Ziele vorgehen, "die eine Bedrohung für Israel und seine Soldaten" bedeuten würden. Dazu würden Raketenstellungen und Waffenlager ebenso gehören wie Hisbollah-Kämpfer, berichtete "Haaretz".

Tatsächlich wurden am Vormittag neue Angriffe gemeldet. Die israelische Armee bestätigte, dass die Luftwaffe Ziele in der Nähe der südlibanesischen Stadt Taibeh bombardierte. Nach Armeeangaben sollten die Angriffe Bodentruppen unterstützen, die in der Region operierten.

Die Hisbollah setze israelischen Presseberichten zufolge ihre Angriffe auf den Norden Israels fort. Der israelische Rundfunk meldete, zwei Katjuscha-Raketen seien im Bereich der Grenzstadt Kirjat Schmona eingeschlagen. Die Armee konnte den Bericht zunächst nicht bestätigen.

US-Außenministerin Condoleezza Rice hatte zuvor Hoffnungen auf eine dauerhafte Waffenruhe in Nahost genährt. Rice sagte heute in Jerusalem, es entstehe in Israel und im Libanon ein Konsens über die Bedingungen für eine "dringende Waffenruhe und eine langfristige Vereinbarung". Eine solche Vereinbarung müsse aus drei Teilen bestehen: Eine Waffenruhe, politische Grundlagen für eine längerfristige Lösung und eine internationale Interventionstruppe, die die libanesische Armee unterstützt. Der Libanon müsse die Souveränität über alle Landesteile übernehmen, betonte Rice.

Man werde den Weltsicherheitsrat aufrufen, noch in dieser Woche eine entsprechende Resolution zu verabschieden. "Bewaffnete Gruppen" müssten im Libanon verboten und neue Waffenlieferungen von einer internationalen Truppe verhindert werden. Israel werde im Gegenzug die internationale Grenzlinie zum Libanon nicht verletzen. Rice äußerte "tiefe Trauer über den tragischen Verlust von Menschenleben, besonders von Kindern" im Libanon und in Israel. Sie begrüßte die israelische Entscheidung über eine 48-stündige Aussetzung von Luftangriffen, um den Vorfall in Kana zu untersuchen.

Kurz vor Beginn der Feuerpause wurde nach libanesischen Polizeiangaben in der Grenzstadt Deir Harfa ein Zivilist getötet. In Kana, wo gestern bei einem israelischen Luftangriff mindestens 56 Zivilisten ums Leben gekommen waren, suchten Helfer unterdessen immer noch nach möglicherweise unter den Trümmern liegenden weiteren Opfern, wie ein Vertreter der Katastrophenschutzbehörde mitteilte.

Der Angriff auf das südlibanesische Dorf hatte weltweit Entsetzen ausgelöst. Bei dem Luftangriff waren mindestens 56 Zivilisten ums Leben gekommen, darunter 37 Kinder. Die Hisbollah sprach von einem Massaker und kündigte Vergeltung an. Israels Uno-Botschafter Dan Gillerman erklärte, Kana sei eine Hisbollah-Hochburg gewesen. Israel hätte die Bewohner zuvor aufgefordert, das Dorf zu verlassen. Die Hisbollah missbrauche die libanesische Bevölkerung als menschliche Schutzschilde. "Jedes tote libanesische Kind ist ein schrecklicher Fehler und eine Tragödie", sagte Gillerman. "Für die Hisbollah ist jedes getötetes israelisches Kind ein Sieg und ein Grund zu feiern."

Aus Wut über den israelischen Luftangriff in Kana stürmten gestern aufgebrachte Libanesen ein Gebäude der Vereinten Nationen in Beirut.Rund 5000 Demonstranten versammelten sich vor dem Gebäude im Zentrum der libanesischen Hauptstadt. Einige trugen Hisbollah-Fahnen und skandierten anti-israelische und anti-amerikanische Slogans. Mehrere Dutzend kletterten über einen zwei Meter hohen Zaun, zerschlugen Fenster im Erdgeschoss und verbrannten eine Uno-Flagge.

Einige Demonstranten drangen in das Gebäude ein, in dem sich zu diesem Zeitpunkt nach Angaben der Vereinten Nationen rund 80 Mitarbeiter aufhielten. Sie randalierten in den Büros und demolierten das Inventar.

Unterdessen korrigierte Israel Angaben, wonach die Hisbollah heute weiter Raketen Richtung Israel feuerte. Bei den Detonationen am Morgen habe es sich vielmehr um "kontrollierte Explosionen" von Seiten der Polizei gehandelt, hieß es in einer Erklärung. Angriffe der Hisbollah seien seit Beginn der Feuerpause nicht mehr registriert worden. Zuvor hatte es geheißen, mehrere Geschosse der Milizionäre seien eingeschlagen, unter anderem in der Stadt Kirjat Schmona.

hen/phw/dpa/AP/AFP/Reuters

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