Social Media So kämpfen junge Libanesen gegen Fake News

Die Massenproteste im Libanon finden nicht nur auf der Straße statt: Junge Aktivisten kämpfen im Internet gegen Fehlinformationen - mit modernsten Methoden und einer eigens programmierten App.

Revolution mit dem Smartphone: Junge Demonstrierende in Beirut
Thore Schröder

Revolution mit dem Smartphone: Junge Demonstrierende in Beirut

Aus Beirut berichtet Thore Schröder


Ist Jennifer Lopez eine glühende Unterstützerin der neuen Zedern-Revolution im Libanon? Zu Beginn derseit Wochen andauernden Massenproteste im ganzen Land gingen Fotos des US-Popstars in sozialen Netzwerken viral, die Lopez angeblich bei einem aktuellen Auftritt mit einer libanesischen Landesflagge zeigten. Tatsächlich waren die Aufnahmen aber schon vor sieben Jahren entstanden. Damals trat die Sängerin und Schauspielerin zufällig am libanesischen Nationalfeiertag in Dubai auf - und schwenkte ein Banner, das ihr ein libanesischer Fan aus der Masse zugeworfen hatte.

"Die Geschichte klingt erst mal harmlos, schädlich ist sie aber trotzdem", sagt Christel Ghandour, "denn diejenigen, die so etwas verbreiten, bekommen den Eindruck, sie kämen noch mit ganz anderen Lügen durch." Die 29-Jährige wurde in den Niederlanden geboren, lebt als Sicherheitsanalystin in London und ist während der Proteste nun wieder in Beirut. Von hier stammt ihre Familie, hier hat sie studiert. Wie viele Diaspora-Libanesen will sie bei der Thawra (Arabisch für Revolution) vor Ort sein.

Die Massendemonstrationen, die vor allem von den Jüngeren getragen werden, richten sich gegen Vetternwirtschaft und das korrupte Konfessionssystem, das jeder der 18 anerkannten Religionen im Libanon bestimmte Rechte und politische Vertretungen zusichert. Doch die Auseinandersetzung über einen moderneren, demokratischeren Libanon wird längst nicht mehr nur auf der Straße ausgefochten, sondern längst auch im Internet und in den Medien.

Aktivistin Ghandour: Die 29-Jährige engagiert sich seit Beginn der Proteste gegen Fake News
Thore Schröder

Aktivistin Ghandour: Die 29-Jährige engagiert sich seit Beginn der Proteste gegen Fake News

Ghandour sei so wütend über "den ganzen Nonsens" gewesen, der in den vergangenen Wochen über den Protest verbreitet wurde, dass sie spontan entschied, sich in ihrem Heimatland gegen Fake News zu engagieren. Nach dem Beginn der Proteste war gezielt Furcht vor einer Eskalation der Lage geschürt worden, angefacht durch immer neue falsche Informationen, die über WhatsApp, Instagram oder Twitter geteilt wurden. "Unsere Eltern, die den Bürgerkrieg hier erlebt haben, warnten uns ständig vor bewaffneten Gruppen und Kämpfen, von denen sie irgendwie gehört hatten", erzählt Ghandour. Die Quellen blieben unklar, doch die Folgen waren spürbar. Im Libanon ist Angst ein sehr wirksames Mittel zur Demobilisierung.

Bei einem sogenannten Hackathon im "Ei" - einem unvollendeten Kino in der Innenstadt von Beirut, das zu einem der zentralen Orte des Protests geworden ist, baut Ghandor zusammen mit einigen Gleichgesinnten eine Organisation auf, die Fake News sucht und bekämpft. T'akad (etwa: "Sei dir sicher") heißt die NGO, deren App in drei Wochen live gehen soll.

Verifizierungs-Guerilla vom Schreibtisch

Doch T'akad ist bereits jetzt aktiv. Als verbreitet wurde, dass in Krankenhäusern, die der schiitischen Hisbollah-Miliz nahe stehen, die obersten Stockwerke für Verwundete freigeräumt würden, die angeblich bei den Protesten verletzt wurden, konnten die Aktivisten schnell feststellen: Fake News.

Nicht immer müssen die Aktivisten vor Ort sein, um Falschmeldungen zu entlarven. Mahmud Ghezayel leistet Aufklärungsarbeit von seinem Schreibtisch in Abu Dhabi aus. Der 31-jährige Journalist, der vor fünf Jahren aus dem Libanon in die Emirate gezogen ist, nennt sich Verificationista, als sei er eine Ein-Mann-Verifizierungs-Guerilla. "Ich stehe morgens auf, scanne die Netzwerke und sehe mir an, welche Themen gerade im Trend liegen", erklärt er. Stößt er auf Fake News, schreibt er die ermittelbaren Quellen direkt an. "Entweder sie löschen die Nachricht dann oder ich veröffentliche eine Korrektur auf meinen eigenen -Social Media-Kanälen."

Software-Programmierer Rayess: "Der Graben zwischen den Leuten wird sonst immer tiefer"
Thore Schröder

Software-Programmierer Rayess: "Der Graben zwischen den Leuten wird sonst immer tiefer"

Viele Ursprünge falscher Nachrichten sind jedoch nicht so einfach zu finden. Sie werden nur halb öffentlich geteilt, in geschlossenen WhatsApp-Gruppen mit zum Teil mehreren Hundert Mitgliedern. Im Libanon nutzen 84 Prozent der Bevölkerung den Messenger-Dienst, es ist das mit Abstand beliebteste soziale Netzwerk. Wie wichtig den Libanesen die App ist, zeigte sich vor fünf Wochen: die Ankündigung einer neuen Steuer auf WhatsApp-Anrufe war der Auslöser für die aktuellen Massenproteste.

"Viele Leute sind in mehreren großen WhatsApp-Gruppen aktiv", sagt Ghezayel. "Wenn sie eine Nachricht empfangen, die Aufsehen erregt, verbreiten sie diese ungeprüft weiter." Ein Schneeballsystem, bei dem oft auch die etablierten Medien mitspielen, so Ghezayel: "Es gibt Fernsehsender, die etwas von Twitter übernehmen und dann sofort als Eilmeldung rausschießen. Als Quelle heißt es dann einfach: 'Diese Nachricht wurde online verbreitet.'" Im Libanon gebe es keine allgemeingültigen Standards für die Berichterstattung, sagt Ghezayel, das sei ein großes Problem.

"Es braucht vor allem neutrale Stimmen"

T'akad geht es daher auch um Aufklärung über mehr Achtsamkeit im Umgang mit Medien. Im zehnten Stock eines Beiruter Büroturms tippen vier Entwickler unterschiedlicher Revolutionsinitiativen in ihre Laptops. Einer von ihnen ist der 26-jährige Georges Rayess. Als Jugendlicher hat er sich selbst das Programmieren beigebracht. Seit seinem Uniabschluss hat er als Softwareentwickler und Marketingberater gearbeitet.

Gerade programmiert Rayess einen "Scraper", das ist ein Tool, das online eine große Zahl verschiedener Berichte zu einem bestimmten Thema sucht und in eine Datenbank einspeist. Ein Algorithmus identifiziert die falschen Passagen auffälliger Nachrichten, Berichtigungen sollen dann über die T'akad-App veröffentlicht werden. Im Libanon, der seit 50 Jahren von multiethnischen Konflikten geprägt ist, brauche es vor allem neutrale Stimmen, davon ist der Aktivist überzeugt: "Der Graben zwischen den Leuten wird sonst immer tiefer."

Demonstrantin in Awkar, Libanon am 24. November: Protest gegen ein korruptes System
Andres Martinez Casares/ REUTERS

Demonstrantin in Awkar, Libanon am 24. November: Protest gegen ein korruptes System

Es sind diese Gräben, aus denen Politiker Kapital schlagen. Durch die Betonung religiöser Unterschiede und potenzieller Bedrohungen konnten sie lange ihre Macht sichern. Dabei ging es zuletzt auch um einen angeblichen Konflikt zwischen den Libanesen und den etwa 1,5 Millionen syrischen Flüchtlingen im Land. Politiker der Freien Patriotischen Bewegung von Staatspräsident Michel Aoun hetzten gegen die Syrer und riefen zu Massendeportationen ins Nachbarland auf. Auf Flyern verbreiteten sie in diesem Sommer die Parole: "Syrien ist sicher für die Rückkehr. Libanon erträgt es nicht länger."



insgesamt 2 Beiträge
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treime 27.11.2019
1. Drücke die Daumen...
... das dort alles friedlich bleibt. Ich war schon dort. Die Menschen sind sowas von gastfreundlich - und das unabhängig von ihrer Religion. Manche Blau-/Schwarz-/Braunwähler in DE wollen ja nicht wahrhaben, das wir eben keinerlei Problem mit Flüchtlingen haben. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber das gilt für die Gewalt aus deren Ecke genauso. Die genauen Zahlen der Flüchtlinge die im Libanon sind, kennt man ja gar nicht. Es schwankt zwischen 1.5 und 3 Millionen. Der Libanon war schon vorher ein armes Land und die Krise macht es sicherlich nicht leichter. Umso erstaunlicher, mit welcher Selbstverständlichkeit dort geholfen wird. Wenn die Libanesen die alten, anerzogenen Hürden überspringen können, dann kann eine neue Art der Politik Einzug halten.
k.os11 27.11.2019
2. Es sind die jungen Menschen,
die mir immer wieder die Hoffnung auf eine bessere Welt zurückgeben. Was in Ländern wie z.B. dem Libanon oder Afghanistan trotz der dortigen Zustände an Zuversicht, Wissen um vieles, Widerstand, Mut und vielem mehr bei den Jüngeren zu finden ist, beschämt mich in meinem Wohlstandsgejammerstatus.
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