Proteste im Libanon Ein Land wacht auf

Libanons Junge und Reiche galten als unpolitisch. Plötzlich gehen sie zu Tausenden gegen die Regierung auf die Straße. Ein Klubbetreiber, ein Student und eine Influencerin beschreiben, was sie antreibt.

Aus Beirut berichtet Thore Schröder


The Grand Factory ist ein Nachtklub in Beirut, von dem aus man auf den Hafen und das Meer blickt. DJs wie Sven Väth legen hier auf, in diesem Jahr wurde der Klub von einem Szene-Magazin zu den 100 besten der Welt gewählt.

Seit einigen Wochen ist The Grand Factory jedoch zugleich ein Ort, an dem man auch politische Statements hört. Gäste tanzen zu Electro, werfen ihre Hände in die Luft und skandieren: "Thawra, Thawra". Das ist arabisch für "Revolution" - und seit dem 17. Oktober die Losung von Tausenden, die sich an den Massenprotesten gegen die politische Führung beteiligen.

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Vielen Demonstranten geht es um das Ende des Konfessionssystems im Libanon. Die alte Ordnung garantierte bislang allen 18 anerkannten Glaubensrichtungen in dem Land Rechte und politische Mitsprache, begünstigte jedoch auch Korruption. Sie anzutasten, war ein Tabu.

Klubbetreiber Wassim Bou Malham

Klubbetreiber Wassim Bou Malham

"Wir hatten früher ein Schild an unserer Tür, auf dem stand: "Hier drinnen keine politischen Diskussionen!", erzählt Wassim Bou Malham, einer der Partner des The Grand Factory. Der Klub sei immer "ein Rückzugsort" gewesen.

Malham, 33, betont, dass sein Unternehmen noch immer "auf keiner Seite" stehe. Gleichzeitig ist er begeistert von dem Aufstand. "Wir haben zum ersten Mal als Volk eine gemeinsame Sprache gefunden", sagt er. Malham und seine Geschäftspartner, das DJ-Paar Jade und Tala, unterstützen die Proteste: "Wir versuchen auch dann die Gehälter zu bezahlen, wenn der Klub wegen der Demonstrationen geschlossen bleiben muss. Wir wollen die freie Meinungsäußerung unterstützen."

Wegen der Wirtschaftskrise und dem möglichen Kollaps des Finanzsystems können die Klubbetreiber "nur noch von Woche zu Woche" planen. Trotz dieser existenziellen Sorgen protestiert Malham auch selbst, sprach zum Beispiel bei einer Kundgebung vor dem Gebäude des Stromversorgers über die revolutionäre Kraft von Kunst und Kultur.

"Wir haben uns nicht bemüht, wir waren zynisch"

Zuletzt hatte er sich vor 15 Jahren bei einer politischen Stiftung engagiert, sich dann aber "aus Frust über die Verlogenheit des Systems" zurückgezogen und danach mehrere Jahre in der Werbebranche gearbeitet. "Wir hatten vergessen, wie wichtig es ist, mit Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft zusammen zu sein", sagt er jetzt über das kollektive Erwachen der nach dem Bürgerkrieg erwachsen gewordenen Generation.

Demonstrant Mouin Jaber: Plötzlich politisch
Thore Schröder

Demonstrant Mouin Jaber: Plötzlich politisch

Zu ihr gehört Mouin Jaber. Der 29-Jährige ist der Sohn des berühmten Musikmanagers Ali Jaber. Er bereitete sich gerade auf die Examen für US-Colleges vor, als die Proteste in Beirut begannen. Wie viele andere auch wurde er im Schnelldurchlauf politisiert. "Ich war bei einem Vortrag, der mich wahnsinnig wütend gemacht hat auf das System, in dem wir leben", erzählt er. Natürlich hätte man vieles auch viel früher erfahren können. "Aber wir haben uns nicht bemüht, wir waren zynisch."

Influencerin Hiba Dandaschli: Live-Videos von großen Demonstrationen
Thore Schröder

Influencerin Hiba Dandaschli: Live-Videos von großen Demonstrationen

Auch die Influencerin Hiba Dandaschli - als @whatworksforhiba mit über 23.000 Followern bei Instagram - gehört zu den privilegierten Protestierenden. Sie hatte sich bereits in der Vergangenheit für Frauenrechte eingesetzt. Ihr großes politisches Erwachen vollzog sich aber erst im Oktober. Seit Beginn der Rebellion ist Hiba Dandaschli bei großen Demonstrationen und Parlamentsblockaden dabei, sie ist zudem fast pausenlos online, manchmal bis zu 14 Stunden täglich. Bei Instagram berichtet Hiba Dandaschli in Live-Videos von der Straße oder beantwortet Fragen von Followern. "So kann ich die Libanesen, die nicht im Land sind, motivieren."

Die Jugend im Libanon habe drei Möglichkeiten, analysierte Aya Schamseddine, Fellow bei dem libanesischen Thinktank Synaps, bereits 2018: das Land verlassen, einer Partei beitreten oder sich in einer persönlichen Blase von der Realität abkapseln.

Die Blase ist für viele junge Libanesen geplatzt. Zu diesem Prozess gehört offenbar auch, dass einige von ihnen nun im Nachtklub "Thawra" Parolen skandieren. Wassim Bou Malham findet: "So zeigen die Leute doch bloß, dass sie das Schicksal ihrer Heimat berührt."



insgesamt 23 Beiträge
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stephan.huber1 01.12.2019
1. Etwas fehlt
Bei der Berichterstattung über die politischen Unruhen im Libanon der letzten Zeit wird etwas immer ausgelassen: Der zerstörerische Einfluss der Hizbollah und anderer islamistischer, vom Iran gesteuerter Terrorgruppen insbesondere im Süden des Landes. Ohne die Elimination dieser Elemente aus dem politischen und gesellschaftlichen Gefüge des Libanon (mit anderen Worten, deren Rauswurf) steht eine Wiedergeburt einer friedlichen und zukunftsorientieren Nation auf wackeligen Füssen.
Marvin__ 01.12.2019
2. Hat ja lange genug gedauert
Nachdem wir in Tunesien/Ägypten/Syrien/Lybien einen "arabischen Frühling" angezettelt und vor die Wand gefahren haben, war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis die USA, Israel und ihre Vasallen sich auf den Libanon einschießen und dort Chaos und Verwüstung anrichten, um die Hisbollah und den Iran zu schädigen. Zur Erinnerung: Aus einem halben Dutzend Länder gab es in den vergangenen zehn Jahre ähnliche Berichte von einer "Mittelschicht", die "ihre Fesseln" abwerfen wollte. Früher oder später stellte sich heraus, dass Strippenzieher von der anderen Seite des Atlantiks ihre Finger im Spiel hatten: Es kleine Wellen im Internet, dann Demonstrationen, dann "Rebellen" (mit Waffen von CIA und Pentagon), dann "Militärberater" und schließlich Weisshelme, die Vorwände liefern für Rakteten- und Drohenangriffe. Dann verbrannte Erde und dasselbe Spiel in einem anderen Land. Jetzt offenbar im Libanon. Man darf gespannt, ob sich der Iran, Russland und ihre Verbündeten es weiterhin gefallen lassen, wenn der Westen im Mittleren Osten Bürgerkriege anzettelt.
megamekerer 01.12.2019
3. Sucht den Teufeln im Iran!
Die Wahrheit ist, dass große Teile der Staatshaushalt in Libanon seit über 30 Jahren bisher durch Iran finanziert worden ist. Iran investierte massiv Gelder nicht nur bei Hisbollah, sondern in staatliche Projekte und soziale Ausgaben der Libanon. Jetzt bleiben dieser Gelder weg, weil Iran selber kein Geld mehr hat, auch die Proteste in Irak stammen alle aus soziale Elend und Arbeitslosigkeit, was Iran bisher mit Geld an verschiedene irakische Organisationen gemildert hat. Der Hariri hat versucht Iran durch Saudi Arabien zu ersetzen, aber die Saudis wollen nicht ohne politische Zugeständnisse und Auflösung der Hisbollah bzw. weniger Einfluss der Schiiten Libanon zu helfen! Libanon wird unweigerlich in eine neue Bürgerkrieg fallen, denn des iranischen Regimes die letzte Stunden schlagen. Die Sanktionen USA haben ihre Wirkung entfaltet und Iran kann nicht wie bisher Terroristen in alle Länder der Region unterstützen, sogar die Taliban, die aus Iran finanzielle Zuwendungen erhielten können jetzt ihre Terror nicht mehr finanzieren und wollen Frieden mit USA schließen. Hoffen wir, dass diese barbarische Regime im Iran stürzt und die Region wieder zur Ruhe kommt.
freigeistiger 01.12.2019
4. Deshalb sind Quoten Unsinn
Im Libanon wird die Abschaffung der Quoten gefordert. Weil sie der Sicherung von Pfründen dient und zu einem Erstarren des politischen Systems führt. Es gibt andere Länder mit ähnlichen Problemen. Und Deutschland will Quoten im politischen System einführen.
vinodissimo 01.12.2019
5. Da würde es sich doch direkt
anbieten sämtliche libanesischen Clans in ihre Heimat zurückzuschicken, damit sie dort ebenfalls für eine freiheitliche auf die Strasse gehen können.
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