Libanon-Krieg Israel zerstört wichtigsten Versorgungsweg in den Süden

Die humanitäre Lage im Südlibanon spitzt sich nach den jüngsten Luftschlägen der israelischen Armee zu: Helfer von "Ärzte ohne Grenzen" berichteten, die letzte noch intakte Versorgungsroute sei zerstört worden. Der Uno-Sicherheitsrat wird seine geplante Libanon-Resolution frühestens morgen verabschieden.


Beirut/Jerusalem/New York - Für die Hilfskräfte war sie die letzte und damit überlebenswichtige Verkehrsader in den Südlibanon. Jetzt soll auch die bis heute einzige noch intakte Route zu den am meisten Not leidenden Menschen im Kriegsgebiet gekappt sein. Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" berichtete heute, die Bombardierung einer provisorischen Brücke über den Fluss Litani habe einem Hilfskonvoi, der Medikamente, Nahrungsmittel und Treibstoff in den Süden bringen sollte, die Weiterfahrt unmöglich gemacht. Die Brücke sei bei den massiven Luftschlägen zerstört worden, hieß es.

"Unsere letzte verbliebene Versorgungsroute nach Tyrus und in den Süden ist gekappt", sagte Christopher Stokes, Produktionsdirektor von "Ärzte ohne Grenzen", nach einem israelischen Angriff auf die Behelfsbrücke zehn Kilometer nördlich von Tyrus, wo zuletzt besonders stark gekämpft worden war.

Die eigentliche Hauptbrücke war bereits bei früheren Luftschlägen zerstört worden. Man habe der Organisation von israelischer Seite außerdem mitgeteilt, dass man dem Konvoi keine Sicherheitsgarantie geben könne, sondern die Fahrt auf eigenes Risiko erfolge, sagte Stokes weiter. "Ärzte ohne Grenzen" erwäge nun, die Hilfsgüter von den Transportern abzuladen und von Hand ans andere Ufer zu tragen.

Fast eine Million Menschen sind auf der Flucht und benötigen dringend Hilfe. Erst gestern hatte ein israelischer Luftangriff nur knapp einen Uno-Hilfskonvoi verfehlt. Dabei wurden zwei Zivilisten getötet.

Israelische Kampfflugzeuge hatten am frühen Morgen als Reaktion auf den gestrigen schweren Raketenbeschuss Israels durch die Schiiten-Miliz Hisbollah eine neue Angriffswelle auf Ziele im Libanon gestartet. Dabei kamen nach libanesischen Behördenangaben mindestens 14 Zivilisten ums Leben.

Die Luftwaffe flog mindestens sieben Angriffe auf den Süden Beiruts. Nach Angaben der libanesischen Polizei bombardierte die Luftwaffe auch Ziele nahe der südlichen Hafenstädte Tyrus und Sidon. Eine israelische Armeesprecherin sagte, es seien dort acht Raketenabschussrampen zerstört worden. Auch in der östlichen Bekaa-Ebene seien Zufahrtswege angegriffen worden, um Waffenlieferungen an die Hisbollah zu unterbinden. Die Zeitung "Haaretz" berichtete unter Berufung auf einen ranghohen General, die israelischen Truppen wollten künftig auch "Symbole der Macht der libanesischen Regierung" angreifen.

In mehreren Dörfern im Südlibanon kam es zu Gefechten zwischen israelischen Soldaten und Kämpfern der Hisbollah. Die Streitkräfte erklärten, in der Ortschaft Bint Dschbail seien ein Soldat und fünf Hisbollah-Kämpfer getötet worden. Der Fernsehsender al-Dschasira berichtete von zwei Todesopfern auf Seiten der Truppen. Die Hisbollah erklärte, sie habe in der Ortschaft Hula im Südlibanon bei heftigen Gefechten vier Israelis getötet. Die israelischen Streitkräfte erklärten dagegen, die vier Soldaten seien lediglich leicht verletzt worden. Die Truppen in Hula hätten fünf Hisbollah-Kämpfer getötet.

In der südlibanesischen Ortschaft Kana zerstörte die israelische Luftwaffe nach Militärangaben genau die Raketenwerfer, die für die jüngsten Hisbollah-Angriffe auf Haifa genutzt wurden. Israelische Kampfjets hätten zudem eine weitere Abschussvorrichtung für Raketen nördlich der libanesischen Hafenstadt Tyrus zerstört. Wie es weiter hieß, drangen auch Bodentruppen in das Gebiet um Tyrus vor und zerstörten sieben Abschussrampen für Langstreckenraketen. Dabei sei es zum Nahkampf mit der Hisbollah gekommen. Drei Milizionäre seien getötet worden, israelische Soldaten seien nicht zu Schaden gekommen.

Neue Raketenangriffe der Hisbollah

Die Hisbollah feuerte am Vormittag erneut Raketen auf den Norden Israels ab. Mindestens zwei Israelis wurden nach Angaben von Rettungskräften verletzt. Berichten zufolge schlugen in mehreren Ortschaften entlang der Grenze Raketen ein. In zahlreichen Gebieten Galiläas heulten die Warnsirenen. Gestern waren bei massiven Raketenangriffen auf Haifa und den Grenzort Kfar Giladi insgesamt 15 Israelis getötet worden, darunter 12 Reservisten.

Nach neusten libanesischen Regierungsangaben starben im Libanon rund 1000 Menschen, zumeist Zivilisten, mehr als 3000 wurden verwundet. Gesundheitsminister Mohammed Chalifeh sagte der Nachrichtenagentur Reuters heute in Beirut, 925 Menschen seien bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen. 75 andere würden vermisst und seien vermutlich tot. Seit Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen am 12. Juli sind nach Angaben der israelischen Armee bislang 59 israelische Soldaten getötet worden. Die Zahl der getöteten Hisbollah-Milizionäre gibt das Militär mit mehr als 400 an.

Die neue Angriffswelle der israelischen Streitkräfte begann nur wenige Stunden vor einem geplanten Treffen der Außenminister der Arabischen Liga in Beirut. Der ägyptische Außenminister Ahmed Abul Gheit sagte in Kairo, mit dem Treffen wollen man der Welt demonstrieren, dass die arabische Welt hinter dem libanesischen Volk stehe und seine Forderungen unterstütze.

Merkel telefoniert mit Siniora

Die Mitglieder des Weltsicherheitsrates hatten zuvor für gestern Abend in New York geplante weitere Beratungen über eine Libanon-Resolution vertagt. Die libanesische Regierung hatte den Entwurf, auf den sich Frankreich und die USA nach langem Tauziehen geeinigt hatten, abgelehnt, weil er keinen Anzug Israels aus dem Land vorsieht. Der russische Botschafter Witali Tschurkin sagte laut Interfax in New York: "Wir erörtern die sich entwickelnde Lage, aber wir haben keinen Zauberstab." Einem Uno-Diplomaten zufolge könnten die USA und Frankreich einen etwas abgewandelten Text vorlegen, über den noch heute beraten werden könnte. Eine Abstimmung sei frühestens am Dienstag zu erwarten.

"Unsere Diskussionen haben sich vor allem auf die Bedenken des libanesischen Ministerpräsidenten Fuad Siniora konzentriert", sagte Frankreichs Uno-Botschafter Jean-Marc de la Sablière nach einem Treffen der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats gestern. Die Anliegen aller Seiten müssten berücksichtigt werden, ohne die Logik des Textes aufzugeben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefonierte nach Angaben von Vize-Regierungssprecher Thomas Steg heute ausführlich mit Libanons Ministerpräsident Fuad Siniora. Dabei hätten sich beide sich für die schnellstmögliche Verabschiedung der Resolution ausgesprochen. Beide seien auch der Ansicht, dass es für die Resolution eine breite Zustimmung über den Kreis des Sicherheitsrates hinaus geben sollte. Merkel habe den Resolutionsentwurf als "wichtigen Schritt zur Beendigung der Kampfhandlungen" gewertet und hoffe auf eine große Mehrheit im Sicherheitsrat, betonte Steg. Der Entwurf biete die Chance, den Konflikt mittel- und langfristig endgültig beizulegen.

In dem Telefonat bekräftigte Merkel laut Steg in allgemeiner Form die Zusage Deutschlands, sich am zivilen Wiederaufbau im Libanon zu beteiligen. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes hat Deutschland mehr als acht Millionen Euro Soforthilfe bereitgestellt. Die EU prüft laut Außenamtssprecher Jens Plötner eine Aufstockung ihrer Hilfen. Plötner zufolge will Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) "in allernächster Zukunft" erneut in den Nahen Osten reisen. Zeitplan und Stationen nannte der Sprecher nicht.

Geberkonferenz in Schweden

Schweden bot an, eine Geberkonferenz zum Wiederaufbau des Libanons zu organisieren. Sein Land sei bereit, eine Führungsrolle bei internationalen Wiederaufbaubemühungen zu übernehmen, erklärte Ministerpräsident Göran Persson. Sollte die internationale Gemeinschaft zustimmen, könnte eine solche Konferenz in den kommenden Wochen stattfinden.

Laut der Hilfsorganisation Caritas International droht im Libanon der Zusammenbruch der Wirtschaft und damit eine Katastrophe. Der Leiter von Caritas International, Martin Salm, sagte im SWR, bereits jetzt gebe es kaum noch Verkehr und Handel. Bis zu eine Million Menschen, ein Viertel der Gesamtbevölkerung, seien auf der Flucht.

phw/AP/AFP/reuters/dpa

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