Libanon-Krieg Richter Winograd entlastet Israels Premier Olmert

Bevor einem Regierungschef die Tränen kommen, muss schon Bedeutendes passieren. Im Falle des israelischen Premiers war es die Rettung seiner politischen Zukunft. Die verdankt er dem Winograd-Abschlussbericht über Fehler im Libanonkrieg 2006: Sie gehen nicht auf Ehud Olmerts Konto.

Von , Jerusalem


Beirut - Seufzer und Tränen soll es im Büro des Ministerpräsidenten gegeben haben, wie die israelische Presse unter Berufung auf das Umfeld des Staatschefs kolportierte. Es wird die Erleichterung gewesen sein, die Ehud Olmert das Wasser in die Augen trieb. "Ein moralisches Stigma ist von mir genommen", soll der Regierungschef gesagt haben.

Große Erleichterung: Der Winograd-Bericht bescheinigt Ehud Olmert, "im Interesse des Landes" gehandelt zu haben.
REUTERS

Große Erleichterung: Der Winograd-Bericht bescheinigt Ehud Olmert, "im Interesse des Landes" gehandelt zu haben.

Seit eineinhalb Jahren hing der Untersuchungsbericht zum Libanon-Krieg 2006 wie ein Damokles-Schwert über Olmert und seiner Regierung. Als es gestern um fünf Uhr nachmittags Jerusalemer Zeit hernieder ging, holte sich Olmert zwar einige Schrammen, der tödliche Streich aber blieb aus.

Dabei hätte der 620 Seiten starke Abschlussbericht Olmert tatsächlich den Kopf kosten können. Doch trotz der langen Liste von Fehlern und Versäumnissen, die die Winograd-Kommission nach monatelanger Arbeit nun vorgestellt hat, kam Olmert ungeschoren davon. Es sei vor allem die israelische Armee gewesen, die "gravierende Fehler" gemacht und so dazu beigetragen habe, dass "dieser Krieg ein großes und schwerwiegendes Scheitern" war, sagt der Vorsitzende und Namenspatron der Kommission, der pensionierte Richter Eliahu Winograd. Olmert hingegen, bescheinigten die Experten im Ausschuss, habe "im Interesse des Landes" gehandelt.

Alle warten auf die politische Explosion

Wer für den Tag eins nach Winograd mit einer politischen Explosion in Israel gerechnet hatte, wurde also enttäuscht. Seit Tagen hatten sich die Medien in eine Winograd-Hysterie gesteigert, doch die abwägenden Worte der Kommission ließen die Aufregung schnell verpuffen. Ihr Zwischenbericht im April 2007 hatte noch den damaligen israelischen Verteidigungsminister und den Generalsstabschef ihr Amt gekostet, so massiv waren die Vorwürfe der Kommission gegen beide Entscheidungsträger. Und deshalb hatte die Öffentlichkeit fast schon damit gerechnet, dass nun auch Olmert seinen Hut würde nehmen müssen. Aber jetzt kam es doch anders.

Denn die Wucht der Kritik ging nicht auf die politische Spitze, sondern auf die Armee nieder. Der Krieg sei eine "verpasste Chance" gewesen, ein Krieg "ohne klaren militärischen Sieg", urteilt die Kommission. Eine paramilitärische Organisation von ein paar tausend Mann hätten der stärksten Armee des Nahen Ostens über Wochen widerstehen können, obwohl die israelische Armee volle Lufthoheit gehabt hätte und technisch sowie zahlenmäßig überlegen war, heißt es weiter. Die militärische Führung habe sich schwere "Fehler" und "Versäumnisse" zu Schulden kommen lassen.

Die israelische Armee versuchte der Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem sie sich vorbereitet zeigte: Kaum war der Report veröffentlicht, schickte die Pressestelle ein Communiqué per Rundmail an die Medien. "Die IDF (Israeli Defence Force) hat den Bericht nicht abgewartet", hieß es dort. Es habe bereits direkt nach dem Krieg gründliche Untersuchungen gegeben, aus denen Lehren und Schlüsse gezogen worden seien. Man steckte bereits mitten in einem umfassenden und anhaltenden Reformprozess.



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