Libanon-Krise Hunderte Menschen fliehen aus Beirut

Die Hisbollah richtet sich auf einen längeren Kampf um Beirut ein: Die schiitische Miliz droht, die Hauptstadt so lange als Geisel zu nehmen, bis ihre politischen Forderungen erfüllt werden. Den Westen der Stadt haben die Islamisten bereits unter Kontrolle - viele Bewohner fliehen.


Beirut - Die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg im Libanon wächst. Die Innenstadt von Beirut ist nahezu ausgestorben. Viele Familien sind aus dem umkämpften Westen der Stadt geflohen und suchen in sichereren Gebieten im christlichen Osten Unterschlupf. Im besetzten Teil der Stadt stehen maskierte Schützen auf vielen Dächern, Maschinengewehrsalven und Granatenexplosionen sind zu hören. "Wir haben die Nacht im Badezimmer verbracht, weil es dort am sichersten war, es war die Hölle", berichtet Salwa Hitti, die mit ihrer Familie im Zentrum wohnt.

Auf der Flucht: Viele Familien verlassen den Westen Beiruts
AP

Auf der Flucht: Viele Familien verlassen den Westen Beiruts

Journalisten zufolge versuchen Hunderte Menschen, das Land zu verlassen. Männer, Frauen und Kinder seien auf dem Weg zur syrischen Grenze. In Scharen seien sie an den beiden Grenzposten Arida im Norden und Masnaa im Osten des Libanon angekommen.

Eine schnelle Lösung des Konflikts zeichnet sich bisher nicht ab. Die libanesische Opposition kündigte an, ihre Straßenblockaden in Beirut bis zu einem Ende der politischen Krise aufrechterhalten. "Alles hängt zusammen, Beirut bleibt blockiert, bis es eine politische Lösung gibt", sagte ein hochrangiger Vertreter der von der Hisbollah angeführten Opposition am Freitag.

Ziel der Hisbollah ist es, einen größeren Einfluss in der anti-syrischen Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora durchzusetzen, die vom Westen unterstützt wird. Der Konflikt lähmt den Zedernstaat seit Monaten.

Die kuweitische Botschaft in Beirut brachte rund 150 kuweitische Staatsbürger mit Bussen außer Landes. Italien bietet seinen Bürgern eine freiwillige Evakuierung an. Die Straße zum Flughafen Beirut blockieren bereits seit Mittwoch Kämpfer der Hisbollah. Auch einer der Grenzübergänge zu Syrien ist unpassierbar. Die deutsche Botschaft plant bislang keine Evakuierung. Das Auswärtige Amt rät aber inzwischen dringend von Reisen in den Libanon ab.

Die Auseinandersetzungen im Libanon sind die schlimmsten seit dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1990. Die Hisbollah lieferte sich am Freitag in Beiruts Straßen heftige Kämpfe mit Regierungstruppen. Sicherheitskreisen zufolge haben die Kämpfer der schiitischen Miliz den Soldaten die Kontrolle über den gesamten muslimischen Teil Beiruts entrissen. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP und mehrere Augenzeugen berichten, Hisbollah-Kämpfer hätten in den westlichen Stadtteilen Sarif, Malla, Zukak al-Blat, Chandak al-Ghamik und Aischa Bakkar Stellung bezogen. Bei den Gefechten wurden demnach mindestens elf Menschen getötet und 30 weitere verwundet.

Die libanesische Regierung forderte die internationale Gemeinschaft auf, auf Syrien und Iran Druck auszuüben. Die Hisbollah sei "vollkommen abhängig von diesen beiden Regimen", sagte Telekommunikationsminister Marwan Hamadé dem Nachrichtensender France 24. Werde nichts unternommen, drohe im Libanon die Errichtung eines neuen radikal-islamischen Regimes im Nahen Osten.

Die Kämpfe hatten sich am Streit über ein von der Hisbollah in Eigenregie betriebenes Telefonnetz entzündet, das die Regierung für illegal erklärt hatte. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah sprach daraufhin von einer Kriegserklärung der Regierung gegen seine Bewegung.

Am Morgen stürmten daraufhin Kämpfer der Schiiten-Miliz das Gebäude des regierungstreuen Fernsehsenders Al-Mustakbal ("Die Zukunft"), die Berichterstattung des Senders wurde eingestellt. Al-Mustakbal hat seinen Sitz im überwiegend von Muslimen bewohnten Westen Beiruts und gehört der Familie des sunnitischen Politikers Saad al-Hariri, der zu den Unterstützern der Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora zählt.

Der arabische Nachrichtensender Al-Arabija berichtete am Morgen, rund um das Gebäude von Al-Mustakbal hätten Soldaten Stellung bezogen. Beobachter in Beirut werteten es als Zeichen einer Niederlage der Regierungstruppen, dass der Fernsehsender der Bewegung Hariris den Sendebetrieb einstellte.

Dringender Appell der Uno

Hariri, an dessen Residenz am Morgen eine Bombe einschlug, appellierte im libanesischen Fernsehen an Hisbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah, den Kämpfen Einhalt zu gebieten. Ein Abgleiten in einen Bürgerkrieg müsse unbedingt verhindert werden, sagte der Sohn des 2005 ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen rief die rivalisierenden Parteien im Libanon zu einer sofortigen Einstellung der Kämpfe und zu Gesprächen über eine Beilegung der Krise auf.

Im Libanon besteht seit dem Ende der Amtszeit von Präsident Emile Lahoud am 23. November ein Machtvakuum. Die Wahl eines neuen Staatschefs musste wegen Uneinigkeit der Parteien immer wieder verschoben werden.

ler/AFP/AP/dpa/Reuters

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