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09. Mai 2008, 19:05 Uhr

Libanon-Krise

Scharfschützen bringen Beirut zum Schweigen

Von Irina Prentice, Beirut

Gewehrsalven, Explosionen - und dann plötzlich gespenstische Stille: Die Hisbollah hat weite Teile Beiruts besetzt, Scharfschützen patrouillieren in den Straßen. Die meisten Einwohner haben sich in ihren Wohnungen verbarrikadiert - und hoffen auf eine politische Einigung in letzter Minute.

Die Menschen in Beirut haben nur ein Gesprächsthema: Den seit Tagen anhaltenden Belagerungszustand durch die Straßenkämpfer. Kaum jemand kann sich in der libanesischen Hauptstadt frei bewegen, das öffentliche Leben ist nahezu lahmgelegt. Auch wenn es ein paar christliche Viertel gibt, in denen das Leben weitgehend normal weitergeht, sind die meisten Straßen doch menschenleer. Fast alle Läden haben geschlossen. Nur die Geräusche der Fernsehnachrichten dringen durch die Fenster der Beiruter, die auf neue Informationen hoffen.

Schiitischer Kämpfer in Beirut: Bewaffnete patrouillieren in den Straßen
AP

Schiitischer Kämpfer in Beirut: Bewaffnete patrouillieren in den Straßen

Neben den Fernsehern dominiert vor allem ein Geräusch die Stadt: Der dauernde Lärm von Maschinengewehren, dazwischen Explosionen von Panzerabwehrraketen und Schüsse von Handfeuerwaffen, die den Bewohnern den Schlaf rauben.

Der Libanon droht im Chaos und in einem neuen Bürgerkrieg zu versinken. Bei blutigen Straßenkämpfen hat die schiitische Hisbollah-Miliz bis Freitag fast alle muslimischen Viertel Beiruts unter ihre Kontrolle gebracht. Mindestens 14 Menschen wurden bei den Kämpfen zwischen der Hisbollah und ihren sunnitischen Gegnern getötet, die der prowestlichen Regierung nahestehen. Über 20 weitere Personen wurden verletzt. Es ist die schwerste innere Krise in dem Land seit fast 20 Jahren. Journalisten zufolge versuchen Hunderte Menschen, das Land zu verlassen.

Scharfschützen lauern in der Innenstadt

In der Nacht zum Freitag mischte sich der Lärm der Straße plötzlich mit dem Donnern eines unerwarteten Gewitters. Für einen Moment glaubten vielleicht sogar die Atheisten in der Stadt an eine höhere Macht, die auf das Geschehen antworte.

Am Freitagnachmittag berichteten lokale Nachrichtensender dann von 30 Autos, die bis auf den letzten Platz mit bewaffneten Hisbollah-Kämpfern besetzt gewesen seien. Sie sollen in der Nähe des Regierungsgebäudes wilde, unkontrollierte Warnschusssalven in die Luft gefeuert haben. Vermutlich wollte die Hisbollah-Kolonne eine nicht zu überhörende symbolische Drohung an die pro-westliche Regierung in den Himmel schicken.

Mittlerweile ist der Platz um das Regierungsgebäude wieder still und menschenleer - aber die Armee ist seit Tagen in Alarmbereitschaft, was es für Zivilisten nahezu unmöglich macht, in die Innenstadt zu gelangen. Bei dem Versuch, ein Nachrichtenbüro im Zentrum zu erreichen, blockiert ein Soldat mit Maschinengewehr die Straße und warnt vor Scharfschützen in der Gegend.

"Libanon den Libanesen"

Zurück im Osten der Stadt, erklärt Maroun, ein christlicher Oppositionsanhänger, in seinem Wohnzimmer seine Sicht der Dinge. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich dich Lage wieder beruhige, sagt er und nippt an seinem Kaffee. Maroun betrachtet die Hisbollah als notwendige Kraft, um einen politischen Wandel durchzusetzen. Die pro-westliche Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora müsse gestürzt werden, damit eine "neue Macht die Korruption beseitigt und den Libanon den Libanesen zurückgibt".

"Ich bin ein hundertprozentiger Anhänger der Hisbollah, und ich glaube fest daran, dass sie die Regierung stürzen wird", sagt Maroun. "Dann wird alles wieder normal werden. Es ist an der Zeit, dass sich die internationalen Truppen aus unseren Angelegenheiten raushalten. Sie haben hier nichts zu suchen. Der Libanon soll ein für allemal den Libanesen gehören". Sogar manche Christen plädieren also mittlerweile für eine Machtübernahme der schiitischen Hisbollah.

Ganze Ladenregale leergeräumt

Doch im Gegensatz zu Maroun haben viele Beiruter Zweifel an einem eindeutigen Ende der blutigen Kämpfe: Die vorherrschende Meinung ist, dass niemand genau wissen kann, ob sich die Lage weiter verschärft oder sogar zu einem neuen Krieg führt. Selbst die, die nur an eine kurze Krise glauben, wollen ihre Wohnungen in den kommenden Tagen sicherheitshalber nicht verlassen.

Die wenigen geöffneten Läden wurden am Freitag von Beirutern bestürmt, die neue Vorräte kauften, vor allem Essen, Wasser und Zigaretten. Ganze Ladenregale waren bereits am Vormittag ausgeräumt - die Menschen bereiten sich darauf vor, die Krise auszusitzen. Internationale Büros und Botschaften ließen Warnungen an Arbeitende und Besucher aus dem Ausland verbreiten, sich möglichst in geschlossenen Räumen aufzuhalten.

Steht man auf den Straßen Beiruts, wirkt fast die ganze Stadt blockiert und verriegelt, die Stimmung ist angespannt. Die Menschen warten auf neue Ansagen. Es ist ein Warten auf politische Entscheidungen, ein Warten auf einen möglichen Kompromiss - und die Hoffnung auf eine mögliche Einigung.

Die Autorin ist freie Journalistin in Beirut.

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