Militäraktion gegen Syrer im Libanon Bulldozer gegen Flüchtlinge

Der kleine Libanon hat Hunderttausenden Syrern Schutz gewährt vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Nun zerstört die Armee Flüchtlingslager - auch Hilfsorganisationen spielen dabei eine Rolle.

Libanon: Syrische Flüchtlingskinder spielen in den Trümmern von abgerissenen Zementunterkünften in Arsal
Marwan Naamani/ DPA

Libanon: Syrische Flüchtlingskinder spielen in den Trümmern von abgerissenen Zementunterkünften in Arsal

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Am Montagmorgen rückte die libanesische Armee im Morgengrauen mit Panzern auf die Ortschaft Arsal vor. Soldaten sperrten die Straßen. Doch das Ziel der Operation war nicht der Angriff auf einen schwerbewaffneter Gegner - sondern die Zerstörung von Hütten, in denen syrische Flüchtlinge leben.

Soldaten brüllten die noch schlafenden Bewohner an, aus ihren Behausungen zu rennen, wenn sie überleben wollten. Kurze Zeit später zermalmten die Abrisskommandos der Armee mindestens Hütten, Matratzen, Küchengeräte, Möbel, Wassertanks.

Das Vergehen der Syrer: in Hütten zu leben, die ab 2013 von ausländischen und libanesischen Hilfsorganisationen teilweise oder ganz aus Hohlblocksteinen gebaut worden waren und von denen einige ein Betondach haben. Damals hatten die libanesischen Behörden keine Einwände erhoben.

Niemand baut mit Baugenehmigung - nun soll das ein Problem sein

Doch im Mai verkündete die Regierung in Beirut: Allen Hütten aus Stein fehle eine Baugenehmigung. Deren Bewohner müssten sie selbst auf Hüfthöhe abreißen, sonst kämen die Bulldozer. Am Montag war es nun soweit.

Dass so gut wie niemand in Arsal, einer entlegenen Bergstadt an der syrischen Grenze, bislang eine Genehmigung beantragt hatte, um auf seinem Grund und Boden zu bauen, dass selbst einer der örtlichen Bezirksbürgermeister öffentlich bekannte, auch sein Haus sei ohne Baugenehmigung entstanden, war der Regierung egal.

Das Flüchtlingslager in der ostlibanesischen Stadt Arsal
Marwan Naamani/ DPA

Das Flüchtlingslager in der ostlibanesischen Stadt Arsal

Ebenso, dass die allermeisten der etwa 15.000 syrischen Lager-Bewohner in den vergangenen Wochen ganz oder teilweise gemauerte Hütten bereits mit Vorschlaghämmern selbst niedergerissen hatten, um der Zerstörung zu entgehen.

"Wir werden uns nicht wehren"

Schon Tage vor der Aktion des Militärs saß Nazmi Bakour, einer der Sprecher des Lagers "Aramil" vor seiner selbst demolierten Unterkunft und blieb pragmatisch bis zur Schmerzgrenze. "Wir werden alles tun, was die Armee und die Uno von uns verlangen. Wir werden uns nicht wehren." Denn darauf, ergänzte er leise, würden die Uniformierten nur warten, um mit noch größerer Härte zuschlagen zu können.

Syrische Flüchtlingsfrau zwischen den Trümmern ihres abgerissenen Hauses in Arsal
Marwan Naamani/ DPA

Syrische Flüchtlingsfrau zwischen den Trümmern ihres abgerissenen Hauses in Arsal

Was dieser Tage in Arsal, aber auch an anderen Orten im Libanon, geschieht, ist menschenverachtender Irrsinn - amtlich verordnet. Zwar ließ die Regierung ab 2012 etwa eine Million Syrer ins Land kommen.

Allein: Sie erkannte diese nie offiziell als Flüchtlinge an und überließ deren Versorgung der Uno, Hilfsorganisationen - und vor allem europäischen Geberländern, allen voran Deutschland, dessen Entwicklungsministerium seither 825 Millionen Euro in den Libanon überwiesen hat.

Doch in Zeiten des drohenden Staatsbankrotts und der Abwertung durch Rating-Agenturen haben dieselben Politiker, deren maßlose Korruption den Libanon an den Rand des Ruins treibt, die schwächste Gruppe im Land als perfekten Sündenbock ausgemacht: die Syrer.

Libanons Außenminister bezeichnet sich selbst als Rassisten

Die Flüchtlinge aus dem Nachbarland müssten den Libanon verlassen, wird vor allem Außenminister Gibran Basil nicht müde zu wiederholen. Er sei Rassist, bekennt er stolz, die Ausländer würden die "genetische Überlegenheit" der Libanesen gefährden.

Mit seiner Hasskampagne treibt der Minister, nebenbei Schwiegersohn des Präsidenten, das Kabinett vor sich her. Manche Libanesen wehren sich, zu einer Demonstration gegen Basil in Beirut kamen ein paar hundert Menschen. Doch viele Libanesen machen mit bei der Hatz auf Flüchtlinge:

  • In Blockwart-Manier erging der Aufruf, syrische Parkplatzwächter, Bauarbeiter, Arbeiter zu fotografieren und der Polizei zu melden.
  • Im feinen Hauptstadtvorort Beit Mery zog ein randalierender Mob durch die Straßen und zertrümmerte Läden, die von Syrern betrieben wurden.
  • In der Stadt Saida im Süden des Landes erschoss ein Libanese einen 17-jährigen syrischen Kellner. Er hatte den Espresso zu spät gebracht.

Doch Arsal, wo etwa 60.000 Flüchtlinge leben, scheint eine Art Versuchslabor zu sein, wo es nicht um die Durchsetzung des libanesischen Baurechts geht, sondern darum, die Lage fortwährend unerträglicher für die Menschen zu machen.

Im Camp "Abra 4", wo die Bulldozer am Montagmorgen als erstes anrückten, standen viele bemauerte Hütten noch unverändert. Der Grund: In Folge mangelnder Absprache zwischen Armee, Staatssicherheit und Stadtverwaltung war lange unklar geblieben, was mit diesem Lager geschehen soll.

Dort leben vor allem Witwen mit Kindern, die nicht in der Lage waren, Mauern einzureißen. Erst am 28. Juni war die finale Order ergangen, dass die Bewohner ihre Hütten demolieren sollten. Die Bulldozer haben das nun übernommen.

Auch die Hilfsorganisationen sind Schuld an der prekären Situation

Auch in anderen Lagern treiben die Armee und die libanesischen Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, die eigentlich für das Wohl der Flüchtlinge zuständig sind, ein zynisches Spiel mit den Bewohnern:

  • Erst kamen Armeeoffiziere und verkündeten, nur Mauern müssten weg, Blechdächer seien kein Problem.
  • Dann kamen Mitarbeiter von "Save the Children" und anderen Hilfsorganisationen, die forderten, dass alle Blechdächer abgerissen werden müssten. Als nächstes verlangten sie, dass selbst die knöchelhohen Zementeinfassungen der improvisierten Waschecken, die das Wasser davon abhalten, den Schlafbereich zu fluten, weggehämmert werden müssten. Verboten. Alles sei angeordnet von der Armee.
  • Die wiederum behauptet, nicht verantwortlich zu sein, lediglich den Hilfsorganisationen bei der Durchsetzung der Gesetze helfend zur Seite zu stehen.

Und während die Landesdirektorin von "Save the Children" in Beirut die Regierung auffordert, die Flüchtlinge zu beschützen und mit menschenwürdigen Unterkünften zu versorgen, erzählen die Bewohner mehrerer Lager von Drohungen der lokalen Mitarbeiter. Diese hätten sie gewarnt, dass die Armee alles niederwalzen werde und die Bewohner überhaupt keine Hilfe mehr bekämen, wenn sie nicht sämtlichen Abrissforderungen Folge leisteten.

Zumindest, was den weiteren Fortgang der Dinge betrifft, ließen die Soldaten am Montag keinen Zweifel: Sie würden nun jeden Morgen wiederkommen, weitere Hütten zerstören, berichten mehrere Zeugen aus zwei Lagern. Und dann, so die Zeugen, würden sie die Bewohner nicht mehr warnen und in letzter Minuten aus den Zelten holen, sondern mit ihren Bulldozern einfach losrollen.

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hanscm 02.07.2019
1. Zwei Dinge
Zum einen- ich kann nicht erkennen, weshalb sich die Hilfsorganisation mitschuldig gemacht haben soll.... sie haben einzig und allein versucht zu verhindern, das Menschenleben gefährdet werden. Zum anderen- wie 2015 , als den Flüchtlingen die essensrationen wegen des Geldmangels halbiert wurden werden die Folgen dramatisch sein. Es glaubt doch keiner, das sich alle in Richtung Syrien aufmachen werden. Wer kann versucht es nach Europa. Und alles nur, weil es keine unserer Regierungen geschafft hat, das Problem vorausschauend zu lösen
whitewisent 02.07.2019
2.
Wie verzweifelt müssen Menschen sein, die wenige Kilometer vom Heimatland entfernt unter solchen Bedingungen hausen? Letztendlich spielt keine Seite wirklich offen und fair. Wenn wie hier von Witwen und Kindern im Lager geschrieben wird, stellt sich die Frage, warum diese nicht nach Syrien zurückkehren? Ist wirklich die Angst vor der politischen Verfolgung durch das Assadregime der Grund? Gerade der Libanon hat doch eine lange Tradition und Erfahrung mit derartigen Flüchtlingslagern, und welchen Bestand diese teilweise seit 70 Jahren haben. Das dürfte auch eine der Motivation lokaler Helfer sein, je schlechter die Lage nun wird, umso mehr Spendengelder kann man demnächst erwarten, denn der Winter naht, und vieleicht gibt es da auch paar Unstimmigkeiten zwischen Zentrale und Peripherie, wer nun am meisten vom Kuchen abbekommt. Die Ablehnung der Araber untereinander, ein uraltes Problem, das hier nur Europa mal wieder bemerkt.
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