Libanon-Politik Die wundersame Wende des Tony Blair

Ein Zeitungsartikel bringt Briten-Premier Tony Blair in Bedrängnis: Blair habe sich im Libanon-Konflikt innerhalb weniger Tage vom Falken zur Taube gewandelt, schreibt die "Times". Grund für den plötzlichen Gesinnungswandel: Ein geharnischter Brief des eigenen Botschafters.


London - Ein Schreiben des britischen Botschafters in Washington, Sir David Manning, an Blair belegt nach einer Analyse der "Times" dessen mangelnde Standfestigkeit in der Libanon-Frage. Manning habe in dem Brief beklagt, dass die harte Linie Blairs bislang ein kompletter Misserfolg gewesen sei. Blair habe sich daraufhin konzilianter gegeben und auf eine baldige Waffenruhe gedrängt.

Seite an Seite in der Libanon-Politik: Präsidenten Bush und Blair (am 28. Juli in Washington)
REUTERS

Seite an Seite in der Libanon-Politik: Präsidenten Bush und Blair (am 28. Juli in Washington)

Labour-Hinterbänkler und Ex-Minister legen Blair dieses Verhalten nun als Führungsschwäche aus. Blair hatte der "Times" gesagt, er wolle sich auf keinen bestimmten Zeitplan festlegen, um aus dem Amt zu scheiden. Der ehemalige Arbeitsminister Andrew Smith kritisierte, die Unsicherheit sei "schlecht für das Land, schlecht für die Regierung, schlecht für die Labour-Partei und vor allem schlecht für Tony Blair selbst".

Die "Times", der der Brief von Sir Manning vorliegt, zeichnet folgende Wandlung Blairs in seiner Haltung zum Libanon-Konflikt nach: Als sich die Spannungen in der Region im Juli verstärkten, habe sich Blair noch ganz auf Linie der US-Regierung bewegt. Es sei sinnlos, ein Ende der Kämpfe zu verlangen, wenn nicht zuvor ein Mechanismus etabliert sei, der den Frieden sichere.

International wurde diese Haltung zumeist so interpretiert, dass Großbritannien und die USA Israel zunächst freie Hand lassen wollten. Noch am 28. Juli wies Blair gemeinsam mit US-Präsident Bush Forderungen nach einer Waffenruhe zurück.

Am 30. Juli verlangte Blair dann plötzlich eine "sofortige Unterbrechung der Feindseligkeiten" und sagte, eine Friedensinitiative sei nötig. Der Kampf gegen den militanten Islamismus könne nicht allein mit Waffengewalt gewonnen werden, eine "komplette Erneuerung" der Außenpolitik sei erforderlich.

Grund für den dramatischen Gesinnungswechsel war laut "Times" die Intervention von Sir Manning. Er gehört zu den erfahrensten britischen Außenpolitikern und unterhält enge Kontakte zum US-Außenministerium. Manning war Blairs engster Berater bei den britischen Einsätzen in Afghanistan und im Irak und zuvor Botschafter in Tel Aviv.

Manning riet Blair angeblich zu einer eigenständigeren Haltung, um so die moderaten Kräfte im US-Außenministerium zu stärken und das Ansehen Großbritanniens im Nahen Osten nicht zu verschlechtern. Die Intervention, so zitiert die "Times" ungenannte Quellen aus dem Kabinett, habe eine "sehr große Wirkung in Downing Street" erzielt.

Der Schlingerkurs von Blair im Libanon-Konflikt wird Thema des Labour-Parteitages Ende September sein. Am kommenden Wochenende will Blair seine Friedensinitiative für den Nahen Osten vorstellen.

jaf



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