Polit-Krimi um Ex-Premier Hariri Libanesische Odyssee

Frankreich hat Saad Hariri nach Paris eingeladen. Der libanesische Ex-Premier soll Riad in den nächsten 48 Stunden verlassen - doch auch das würde die grundlegenden Probleme in Beirut nicht lösen.

DPA/ AP/ Future TV

Von


Hochrangige christliche Würdenträger verirren sich selten nach Saudi-Arabien. Das wahhabitische Königreich verbietet Nicht-Muslimen die Ausübung ihrer Religion. Umso bemerkenswerter ist es, dass Béschara Boutrous Raï am Dienstag nach Riad reiste. Er ist Patriarch der maronitischen Christen im Libanon, ein mächtiger Mann in Beirut.

Der letzte Besuch eines maronitischen Patriarchen bei den saudischen Herrschern ist Jahrzehnte her. Aber ungewöhnliche Umstände erfordern ungewöhnliche Schritte. Die Mission des 77-jährigen Geistlichen: Die Krise um den zurückgetretenen Ministerpräsidenten Saad Hariri entschärfen, der vor rund zwei Wochen nach Riad geflohen war. Er fürchtete um sein Leben und warf der schiitischen Hisbollah-Miliz und Iran vor, das Land kontrollieren zu wollen.

Fotostrecke

7  Bilder
Regierungskrise in Beirut: Hariris Harakiri

Seither gibt es die Gerüchte, der Ex-Premier werde gegen seinen Willen von Saudi-Arabien festgehalten. Selbst Libanons Präsident Michel Aoun twitterte diese Vermutung. Hariri, der in Riad geboren wurde und neben der libanesischen auch die saudi-arabische Staatsbürgerschaft besitzt, wies diese Spekulationen zwar mehrmals zurück und kündigte seine baldige Rückkehr nach Beirut an. Aber bis Mittwochabend blieb die Flucht des Politikers ein Mysterium.

Fotostrecke

7  Bilder
Libanon: Ein Land im Krisenmodus

Die - vorläufige - Wende brachte dann auch nicht der maronitische Patriarch Raï, sondern Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der erst vor wenigen Tagen mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman zusammengetroffen war. Er lud Hariri und dessen Familie - seine aus Syrien stammende Frau und die drei Kinder - nach Paris ein, nachdem zusätzlich auch Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian mit den Machthabern in Riad vor Ort gesprochen hatte.

Fotostrecke

5  Bilder
Saudi-Arabien: Der junge, starke Mann von Riad

Hariri hat das Angebot nun offenbar angenommen. Der 47-Jährige soll vermutlich am Samstag für einige Tage nach Paris reisen, in die Hauptstadt der ehemaligen Mandatsmacht. Libanons Präsident Aoun fordert, dass er anschließend nach Beirut zurückgekehrt und seine Rücktrittserklärung persönlich übergibt. Also alles gut, die Causa Hariri voraussichtlich am Wochenende geklärt und die Regierungskrise im Libanon damit abgewendet? Keineswegs.

Riad versus Teheran in Beirut

Denn das Grundproblem bleibt: Saudi-Arabien und Iran, die rivalisierenden Großmächte, haben den ohnehin fragilen Libanon seit Langem wirtschaftlich und politisch fest im Griff. Der Sunnite Hariri war bislang als Premier auf den saudischen Segen angewiesen. Präsident Aoun, der Riad nun frontal angreift, hat aber ebenfalls einen Patron - und der heißt Iran.

Der maronitische Christ und ehemalige Bürgerkriegsgeneral ist vor allem deshalb seit 2016 Präsident des Libanon, weil er sich bereits vor Jahren auf ein Bündnis mit der von Iran unterstützen schiitischen Hisbollah-Miliz eingelassen hat. Die Hisbollah ist die politisch und militärisch stärkste Kraft im Land. Aoun war flexibel genug, das anzuerkennen.

Der Libanon wird instabil bleiben

Seine Kritiker beschreiben den 82-Jährigen hingegen eher als Wendehals. Der Grund: Die Hisbollah kämpft auf Anweisung Teherans im syrischen Bürgerkrieg an der Seite von Machthaber Baschar al-Assad. Syrien wiederum hatte den Libanon drei Jahrzehnte lang (1976-2005) besetzt, Aoun seinerzeit die Truppen der Diktatorendynastie aus Damaskus bekämpft. Nach seiner Niederlage 1990 flüchtete er schließlich selbst nach Paris ins Exil, ehe er nach dem Abzug der syrischen Armee 2005 in den Libanon zurückkehrte und noch einmal von vorne begann.

Heute will Aoun davon nichts mehr wissen, die Feindschaft mit Assad ist beendet. Die Allianz mit der Hisbollah begründet er zudem damit, dass diese ein Bollwerk gegen sunnitische Extremisten wie jene der Terrormiliz "Islamischer Staat" sei, vor der sich die Christen fürchten.

Für die Menschen im Libanon bedeutet die jüngste Krise in jedem Fall vor allem eines: weiter Instabilität. Selbst wenn Hariri in der kommenden Woche nach Beirut zurückkommen sollte, ob als Privatier oder als Premier, wird der Kampf zwischen Iran und Saudi-Arabien um die Macht in Beirut weitergehen. Denn Hariri war und ist nicht der einzige Volksvertreter im Libanon, der nicht ausschließlich im Dienst seines Volkes steht.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.