Libanon Vergnügungstrip endet hinter Gittern

Weil er in Beirut mit dem falschen Pass erwischt wurde, wird dem Deutsch-Israeli Daniel Scharon vom libanesischen Geheimdienst Spionage vorgeworfen. Dabei stecken hinter der regen Reisetätigkeit des jungen Mannes offenbar weniger politische als vielmehr sehr private Motive.


Daniel Scharon, ein junger Israeli mit deutschem Pass, hatte wohl keine bösen Absichten, als er in der vergangenen Woche wie schon so oft zuvor in Beirut einreiste. Der Doppelbürger liebt diese Stadt und vor allem deren Männer. Dass er als Bürger eines feindlichen Landes der Spionage verdächtigt werden könnte, war ihm ein völlig fremder Gedanke. Schließlich hatte er einen deutschen Pass. Sein israelisches Reisedokument zeigte er den libanesischen Grenzbeamten natürlich nicht.

Fischer in Beirut: Daniel sagte, er fühle sich zu den libanesischen Männern hingezogen
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Fischer in Beirut: Daniel sagte, er fühle sich zu den libanesischen Männern hingezogen

Und doch: Jetzt sitzt Daniel Scharon in einer libanesischen Zelle, weil er der Spionage für Israel verdächtigt wird. Die "Sécurité" will wissen, weshalb der Israeli in den vergangenen zwei Jahren elf Mal in den Libanon gereist ist.

Daniel hat Pech gehabt. Nur durch Zufall ist die libanesische Polizei auf ihn aufmerksam geworden. Bei der Ermittlung eines angeblichen Selbstmords in einem Beiruter Vorort waren ihr Ungereimtheiten aufgefallen: Sie stieß auf Daniel aus dem feindlichen Israel, weil er mit einem der mutmaßlichen Mörder befreundet ist.

Der falsche Pass im Gepäck

Daniel war bei der Reisevorbereitung sträflich unvorsichtig gewesen: Er hatte es versäumt, eine Kopie seines israelischen Reisepasses aus dem Gepäck zu entfernen. Die libanesischen Detektive fanden das Beweismittel bei der Durchsuchung des Hotelzimmers. Das verräterische Dokument lautet auf den Namen "Daniel Scharon", dessen Vater "Mosche" heißt.

Vater Mosche, der in Israel lebt, schildert seinen Sohn als tüchtigen Geschäftsmann, der in der nordisraelischen Stadt Naharia ein Altersheim geerbt habe. Er sei zudem in mehreren Ländern im Immobilienhandel engagiert, deshalb pausenlos auf Achse – einmal in Deutschland, wo er wohne, dann in Amerika oder auf Zypern. Von da kam denn auch der letzte Anruf des Sohnes an den Vater: "Das war letzte Woche."

Ein Spion sei Daniel mit Sicherheit nicht, behauptet Mosche Scharon: "Daniel ist kindisch und naiv. Es ist deshalb möglich, dass er sich mit den falschen Leuten eingelassen hat, ohne zu ahnen, was da auf ihn zukommen könnte." Wegen eines Mordfalles, mit der er nichts zu tun habe, sei er in die Fänge der libanesischen Sicherheitskräfte geraten: "Der Junge raucht nicht und trinkt nicht. Er ist kein Krimineller. Er verabscheut Gewalt."

Unstetes Leben

Der in München geborene Daniel, ein Scheidungskind, führte in seinen ersten Lebensjahren ein unstetes Leben. Mal lebte er in Israel bei seinem Vater, mal in Deutschland oder in Australien bei seiner Mutter, wohin diese nach der Trennung von Mosche gezogen war. Sesshaft durfte Daniel erst werden, nachdem ein Gericht dem Vater das Erziehungsrecht zugesprochen hatte. Danach lebte er - abgesehen von einem kurzen Studienaufenthalt in London - in Naharia.

Vom Element der Unstetigkeit seit seiner Kindheit geprägt, tat sich Teenager Daniel mit der Identitätssuche besonders schwer. Als 18-Jähriger drängte es ihn zum Beispiel, in einer Eliteabteilung der israelischen Armee aufgenommen und ausgebildet zu werden. Als es aber zum ersten Kampfeinsatz kam, verweigerte er den Dienst und wurde vorzeitig ausgemustert. Statt dem jüdischen Staat zu dienen, suchte der junge Mann fortan lieber die Nähe zur arabischen Kultur. Weil Israel und Jordanien soeben einen Friedensvertrag geschlossen hatten, als Daniel die Uniform abgeben musste, ergriff er die Chance und immatrikulierte sich als erster Israeli an einer jordanischen Universität in Amman. Er büffelte Hoch-Arabisch. "Ich liebe die Araber, und weshalb sollte ich da nicht unter ihnen leben?", gab er vor elf Jahren dem israelischen Massenblatt "Yedioth Achronot" zu Protokoll, das ihn als schrulligen Exoten mit schwarz-weißem Palästinensertuch präsentierte. Daniel outete sich damals als Moslem: "Ich nahm mir zwei männliche Zeugen und sagte drei Mal: "Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet."

Beirut besuchte Daniel erstmals im Mai 1996, zwei Tage vor einer israelischen Militäraktion gegen die Hisbollah im südlichen Libanon. Bei der Einreise wollte der Zöllner wissen, ob er der Sohn von Ariel Scharon sei (was er mit gutem Gewissen verneinen konnte). "Der Name Scharon verbreitet im Libanon immer noch Angst", sagte der israelische Arabisch-Student später in einem Interview. Scharon, der spätere Premier, war den Libanesen als Verteidigungsminister in böser Erinnerung, weil er in den achtziger Jahren den Libanon-Krieg zu verantworten hatte.

Verdächtig wegen seines Sprachtalents

Daniel hat in Beirut schlechte Karten. Er sei als Tourist nach Beirut gekommen, beteuert er im Verhör, denn er fühle sich zu den jungen Libanesen hingezogen. Zudem sei der arabische Raum seine zweite Heimat: Er reise oft auch nach Kairo, Amman und an den Persischen Golf. Besonders wohl fühle er sich in Beiruts Schiiten-Stadtteil Dahia, gab er naiv zu Protokoll. Doch gerade das macht ihn in den Augen der Libanesen suspekt. Dahia ist die Hochburg der radikal-islamischen Hisbollah. Sie wurde während des Libanon-Krieges vor einem Jahr durch israelische Fliegerangriffe weitgehend zerstört.

Verdächtig ist Daniel auch wegen seines Sprachtalents. Wie ein Meisterspion beherrscht er gleich mehrere arabische Dialekte. Außer dem jordanischen und dem libanesischen hat sich der Deutsch-Israeli auch den Dialekt angeeignet, den man in Bahrain spricht. Das habe ihm ein Freund aus Manama beigebracht, sagt er den libanesischen Ermittlern.

Von den israelischen Behörden, die in der Vergangenheit mit einem Gefangenenaustausch schon Bürger aus dem Libanon befreit haben, kann Daniel kaum Hilfe erwarten. Das israelische Außenministerium "prüfe die Angelegenheit", heißt es in Jerusalem lediglich. Scharon sei auf eigene Faust in den Libanon gereist und habe damit gegen das Gesetz verstoßen, meint Transportminister Schaul Mofaz. Das Gesetz verbietet Israelis den Besuch von Ländern, zu denen Jerusalem keine diplomatischen Beziehungen unterhält. Scharon kann jetzt nur auf Berlin hoffen. "Seit gestern ist die deutsche Botschaft im Kontakt mit den libanesischen Behörden", sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amtes.

Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche".



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