Libyen-Besuch von Sarkozy und Cameron Wettrennen der Rebellen-Freunde

Wer ist zuerst in der libyschen Hauptstadt? Der türkische Regierungschef Erdogan hatte die besten Chancen, doch nun wollen ihm Frankreichs Präsident Sarkozy und Briten-Premier Cameron mit einer Blitzvisite in Tripolis zuvor kommen. Es geht auch um lukrative Wirtschaftsaufträge.

Cameron und Sarkozy: Blitzvisite in Tripolis geplant?
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Cameron und Sarkozy: Blitzvisite in Tripolis geplant?

Von , Paris


Die Absicht war bekannt, das Datum geheim: Seit langem war klar, dass Präsident Nicolas Sarkozy als erster westlicher Staatschef in Tripolis auftreten wollte. Der Franzose, der sich mit Nachdruck für den bewaffneten Einsatz der Vereinten Nationen in Libyen eingesetzt hatte, wollte sich mit dem Besuch vor Ort als Befreier der Unterdrückten profilieren - und zugleich vergessen machen, dass er zu Beginn seiner Amtszeit den irrlichternden Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi in Paris mit peinlichem protokollarischen Pomp empfangen hatte.

Sarkozy, der noch während der Kämpfe die Vertreter der Rebellen im Elysée empfing und am 20. April den Chef des Übergangsrats Mustafa Abd al-Dschalil in Paris begrüßte, möchte jetzt offenbar den Erfolg seiner Initiative einheimsen. Der französische Präsident und der britische Premier David Cameron wollen am Donnerstag übereinstimmenden Angaben zufolge gemeinsam nach Libyen reisen. In der Hauptstadt Tripolis sei ein Treffen mit Vertretern des Nationalen Übergangsrats geplant, wie mehrere Quellen in Paris der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch bestätigten.

Eine offizielle Erklärung zu der Reise gab es zunächst nicht. "Wir können das nicht bestätigen", hieß es von Regierungsseite in London. Auch der Elysée hielt sich zunächst zurück. Es wäre der erste Besuch westlicher Staats- und Regierungschefs in Libyen seit der Entmachtung Gaddafis im August. Cameron und Sarkozy würden vom französischen Publizisten Bernard-Henri Lévy begleitet, der die Kontakte zwischen Sarkozy und dem Übergangsrat der Rebellen eingefädelt hatte, schreibt die Internetausgabe der Zeitung "Le Monde".

Sarkozy hat bereits mehrfach davon gesprochen, dass er nach Libyen reisen wolle, sobald es die Lage dort erlaube. Die jetzige undiplomatische Eile hat gute Gründe: Nachdem vor allem die Pariser Diplomatie den Ausbruch des Arabischen Frühlings in Tunesien und Ägypten verschlafen hatte, will sich der Präsident nicht noch einmal im geografischen Vorgarten jenseits des Mittelmeers ausbooten lassen.

Wettlauf mit Erdogan

Zum einen trachtet er danach, sich als weltgewandter Staatsmann zu präsentieren, der, so die Tageszeitung "Le Parisien", seine Botschaft "über die Wahl der Demokratie und die Ablehnung der islamischen Gefahr" verbreitet. Zum anderen spekuliert Frankreich auf lukrative Aufträge für die Pariser Erdölmultis oder gar auf langfristige exklusive Bohrrechte. Denn ihre Libyen-Initiativen dürften die Staaten auch mit wirtschaftlichen Interessen verbinden. Der Übergangsrat will bei der Vergabe von Aufträgen für den Wiederaufbau vor allem Länder berücksichtigen, die den Krieg gegen den langjährigen Diktator Gaddafi intensiv unterstützt haben.

Und das weckt Begehrlichkeiten - nicht nur in London und Paris. Denn ausgerechnet in Libyen wird derzeit auch der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan erwartet. Er weilt gerade auf einem Rundparcours durch Nahost und Nordafrika, Tripolis ist seine nächste Station am Donnerstag.

Lange hatte auch Ankara die Beziehungen zu Gaddafi gepflegt, weil türkische Baukonzerne von lukrativen Aufträgen aus Tripolis profitiert hatten. Jetzt will Erdogan die Verträge aus der Diktatur in die neue Ära hinüberretten - und bietet dafür Unterstützung und Investitionen.

Bei dem Rennen um die Gunst der neuen Herren in Tripolis hält Frankreich offenbar noch die Pole-Position, der Überraschungsbesuch des Duos Sarkozy-Cameron soll die Position der Europäer gegenüber der Türkei festigen. Auch wenn sich die Offiziellen mit der Bestätigung noch zurückhalten, machen bereits Details der Blitzvisite die Runde: Offenbar sind bereits rund 160 französische Polizisten auf dem Weg nach Libyen, um - mit Einwilligung der lokalen Behörden - die Reise abzusichern. Die Männer der "Compagnie Républicaine de Sécurité" haben sich freiwillig für den Einsatz gemeldet und sollen offenbar in Zivil auftreten - die Waffen, so heißt es, würden per Frachtflugzeug nach Libyen geschafft.

Für Sarkozy hätte der Auftritt nur acht Monate vor der Wahl noch einen schönen Nebeneffekt: Seine Reise nach Tripolis dürfte in den Nachrichten die Parteidebatte der sozialistischen Spitzenkandidaten für die anstehenden Wahlen überflügeln.

Mit Material von dpa und AFP



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detektuv 14.09.2011
1. Erdogan
Zitat von sysopWer ist zuerst in der libyschen Hauptstadt? Der türkische Regierungschef Erdogan hatte die besten Chancen, doch nun wollen ihm Frankreichs Präsident Sarkozy und Briten-Premier Cameron mit einer Blitzvisite in Tripolis zuvor kommen. Es geht auch um lukrative Wirtschaftsaufträge. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,786335,00.html
macht gerade eine gute Figur in Ägypten. Er gibt Erklärungen ab, die gefallen: Säkularer Staat und trotzdem Muslim. Muslim und trotzdem religiöse Toleranz. Damit ist der Weg frei auch für Geschäfte. Was will man mehr?
harry362 14.09.2011
2. Was sind eigentlich -
Rebellen-Freunde? Und wer denkts sich eigetlich so was aus?
team_gleichklang_de 14.09.2011
3. Ethnische Säuberung und Jubelbesuche
Soeben hat AI einen erschütternden Bericht über Kriegsverbrechen aller Seiten veröffentlicht (siehe hier: http://www.amnesty.org/en/library/info/MDE19/025/2011/en ). Bezüglich der Rebellen lesen wir von systematischen Folterungen, Tötungen, auch öffentlichen Exekutionen, Vertreibungen von Schwarzen. Laut AI ist die Söldner Behauptung ein Mythos. Ein anderer Fall: Soldaten des Regimes, gefesselt, erschossen. Unsere Medien berichteten, Gaddafi Soldaten hätten sie erschossen, weil sie den Schießbefehl verweigerten. AI aber hat die Bilder ihrer vorherigen Gefangenennahme durch Rebellen. Entsetzliche Fälle werden beschrieben, auch Lebendverbrennungen von Schwarzen. Nach Exekutionen werden Leichen öffentlich gezeigt, die Rebellenfahne gehisst. AI sagt, dass der Übergangsrat keine Schritte unternommen habe, um die Verbrechen zu stoppen.. Heute ein Artikel im Guardian über die "befreite" Stadt Tawarga: Eine Geisterstadt. Alle ihre schwarzen Bewohner sind vertrieben oder geflohen, wenn sie überlebten. Ihre Häuser sind niedergebrannt. Jetzt lesen wir von dem geplanten Besuch der Sarkosys und Camerons zwecks Eigenwahlkampf und Siegerpose. Erschütternd: Ein Besuch bei denjenige, die für ethnische Säuberung Libyens von Schwarten verantwortlich sind. Übertrieben? Nein! Es kommt schlimmer: Soeben ist im The Wallstreet Journal ein Augenzeugenartikel veröffentlicht worden über die Stadt Tawarga (hier: http://online.wsj.com/article/SB10001424053111903532804576564861187966284.html ). Titel: "Tawarga is no more", Zitat eines Rebellen über das Ergebnis der Befreiung. Ein Stadt schwarzer Menschen wurde ausgelöscht, die gesamte Bevölkerung ist vertrieben, wenn sie noch lebt. An ihre Türen wurden Worte, wie "slave" oder "negroe" geschrieben bevor ihre Häuser in brand gesteckt wurden. Das sind Befreier, die sich anschicken, alles auszulöschen, was daran erinnern könnte, dass in Libyen auch einmal schwarze Menschen gegeben hat, die dort lebten? Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch die Welt schweigt, nein sie jubelt. So weit sind wir gekommen!
fallobst24 14.09.2011
4. wei o wei sarko...
Cameron hat natürlich kein Problem damit, dass die Rebellen die Sharia einführen und umsetzen wollen. Es gibt Bezirke in Englands Städten da gilt die Sharia ja bereits jetzt, wenn auch inoffiziell. Über den Teilzeit-Islamisten Erdogan muss man nicht sprechen. Der verhält sich nur logisch. Hoffe doch, dass die blinden Brüsseler Beamten endlich auch den logischen Schritt machen und die Schnapsidee von der EU-Mitgliedschaft der Türkei begraben. Nur die blinde Anbiederung von Sarko hat mich ein wenig überrascht. Hätte ihm ein wenig mehr Schneid zugetraut. Naja, so oder so spielt das letztlich keine Rolle. Gut, dass wir uns zumindest weitestgehend rausgehalten haben und frei von Schuld und Verpflichtung die Lage in Libyen die nächsten Jahre über beobachten können.
moonsplender 14.09.2011
5. Lybien ist nicht mehr das alte Lybien....
Ich bin ehrlich gesagt sehr überrascht, dass sich so wenige an diesem Forum beteiligen..! Aber dieser Blitzbesuch scheint niemanden zu überraschen, unser kleiner möchtegern Napoleon und Brite Cameron eilen nach Libyen, um sich das zu holen, wofür sie seit Monaten "hart gearbeitet" haben...ÖL ÖL ÖL!!! bevor es ihnen der böse böse Erdogan wegnimmt. Ich bin jedoch der Meinung, ihre Rechnung wird nicht ganz aufgehen...sie werden es trotzdem nicht schaffen, Erdogan die Show zu stehlen. Auch wenn die Türkei nicht aktiv am "Bombardieren" teilgenommen hat, kann die Türkei etliche humanitäre Hilfen für Libyen nachweisen, die beim Lybischen Volk auch Eindruck hinterlassen haben. Auch wenn in der Türkei nicht arabisch gesprochen wird, wird die Türkei aufgrund einer langjährigen gemeinsamen Geschichte mit Libyen und einer gleichen Kultur sicherlich nicht mit leeren Händen nach Hause fahren. Aber eines sollten die Öl-Geier nicht vergessen, Lybien ist nicht mehr das alte Libyen...das "Stehlen" wird den Europäern also nicht mehr so leicht gemacht werden, wie es bisher gewesen ist, da wird auch ein "Blitzbesuch" daran nicht viel ändern können....Herr Sarkozy und Herr Camern!
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