Bürgerkrieg in Libyen Das unheilvolle Brummen der Drohnen

Ein Waffenstillstand im libyschen Bürgerkrieg ist nicht in Sicht. Während Friedensgespräche in Berlin scheiterten, setzen die verfeindeten Milizen Drohnen, Jets und Truppen aus dem verbündeten Ausland ein.

An der Bürgerkriegsfront: Ein Kämpfer der Regierungsarmee GNA im Einsatz gegen LNA-Milizen in Tripolis
Amru Salahuddien/DPA

An der Bürgerkriegsfront: Ein Kämpfer der Regierungsarmee GNA im Einsatz gegen LNA-Milizen in Tripolis

Aus Libyen berichtet Mirco Keilberth


Eigentlich hatten sich die internationalen Verbündeten der libyschen Kriegsparteien am Mittwoch in Berlin getroffen, um den Bürgerkrieg in dem nordafrikanischen Land endlich zu beenden. Bundesaußenminister Heiko Maas hatte Diplomaten aus Katar, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Türkei, den USA, Russland und den EU-Ländern im Rahmen des sogenannten Berliner Prozesses eingeladen, um einen Stopp der Waffenlieferungen nach Libyen zu erreichen und eine Friedenskonferenz vorzubereiten. Das Schweigen nach dem Treffen machte jedoch klar: Der Krieg in Libyen geht erst einmal weiter.

Denn beide libyschen Kriegsparteien sind davon überzeugt, den Bürgerkrieg gewinnen zu können und zu keinem Waffenstillstand bereit. Den hatte zuletzt Bundeskanzlerin Merkel nach einem Telefonat mit Russlands Präsident Wladimir Putin gefordert. Russische Söldner des privaten Dienstleisters Wagner sind angeblich seit dem Sommer auf der Seite des Warlords Khalifa Haftar im Einsatz.

Seit dem Frühjahr versucht dessen Libysch-Nationale Armee (LNA) die Hauptstadt Tripolis einzunehmen und damit die Kontrolle über das gesamte Land zu gewinnen. Das Resultat seiner Offensive sind bisher mehr als 1000 Tote und über 100.000 Vertriebene. Geländegewinne konnten die mehrheitlich aus Ostlibyen stammenden Soldaten Haftars allerdings bisher kaum machen.

Sonores Brummen am Himmel über der Haupstadt

Nachdem Hafter die verschiedenen radikalen und islamistischen Milizen des "Libyschen Schutzschilds" nach dreijährigem Häuserkampf aus dem ostlibyschen Bengasi vertrieben hat, will er nun deren nach Tripolis geflüchteten Kommandeure verjagen. Wenige Stunden bevor Uno-Generalsekretär António Guterres eine Friedenskonferenz verkünden wollte, gab Haftar im April den Angriffsbefehl. "Wir werden die Terroristen und Islamisten aus den Ministerien und der Zentralbank verjagen", sagt der von seinen Anhängern nur "Mushir", Feldmarschall, genannte 74-Jährige damals in seiner Rede zur "Stunde 0". Doch der Überraschungsangriff scheiterte. (Lesen Sie hier ein ausführliches Porträt von Khalifa Haftar)

Da Haftar zu wenige Soldaten hatte, um Tripolis zu überrennen, setzt er nun mithilfe von Söldnern aus dem Tschad und Sudan auf eine Zermürbungstaktik. Auch den Hauptstadtmilizen von Premierminister Fayez Sarraj fehlen Freiwillige, um den Stellungskrieg gegen die radikalen Gruppen einerseits und Haftars Truppen andererseits für sich gewinnen zu können. Die Kriegsparteien setzen daher nun aus dem Ausland angelieferte Drohnen ein. Tag und Nacht ist ein sonores Brummen am Himmel über der libyschen Hauptstadt zu hören.

An der Frontlinie in Ain Sara im Süden von Tripolis achten die Regierungskämpfer mehr auf die über ihnen kreisenden Kampfdrohnen als auf die nur wenige Kilometer entfernten Stellungen der Haftar-Truppen. "Sehen kann man die Drohnen meist nicht, sobald ihre Kameras mehrere Soldaten entdecken, schießen sie ihre Raketen wie aus dem Nichts, sagt Kommandeur Jamal Alaweeb. 1000 Drohnenangriffe zählten seine Männer seit April alleine an diesem Frontabschnitt.

In Afrikas ölreichstem Land tobt der weltweit erste internationale Drohnen-Stellvertreterkrieg.

Es geht um den Zugang zu den noch immer reichlich gefüllten Staatskassen. Seit die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) 2013 die strategische Lage Libyens zwischen Subsahara und Europa erkannt hatte und einen 180 Kilometer langen Küstenstreifen bei Sirte eroberte, ist Libyen Aufmarschgebiet zahlreicher Armeen. Vertrieben wurden die Radikalen mit Milizen aus der Hafenstadt Misrata, unterstützt von der US-Luftwaffe.

Video: Chaos und Gewalt im Bürgerkriegsland Libyen

SPIEGEL TV

Jetzt sind es aus der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten gelieferte Drohnen, die entlang der 80 Kilometer langen Front südlich von Tripolis auf Gruppen von Uniformierten feuern, die sich aus der Deckung wagen. Nach einem Bericht der Uno-Experten-Kommission für Libyen waren es zudem unbekannte ausländische Kampfflugzeuge, die am 2. Juli bei einem Angriff im Vorort Tagiura 53 Flüchtlinge töteten und 130 weitere verletzten.

Gesteuert werden die von Haftar eingesetzten Wing-Loong Drohnen aus chinesischer Produktion von emiratischen Spezialisten, so die Einschätzung der Uno-Experten. Libysche Milizionäre berichten dem SPIEGEL bei einem Besuch in Tripolis, dass auf Seiten der GNA-Truppen des Premierministers türkische Spezialisten im Einsatz sind. Trotz des seit der libyschen Revolution geltenden Uno-Waffenembargos, lieferte die türkische Regierung Drohnen vom Typ Bayraktar-2 per Schiff nach Tripolis.

Wenige Hundert Meter entfernt von der Front geht der Alltag in der Zwei-Millionen-Metropole scheinbar normal weiter. Seitdem die Hauptstadt-Milizen rund zehn Kilometer südlich vom Zentrum aktiv sind, patrouillieren sogar erstmals wieder bewaffnete Polizisten auf den staugeplagten Straßen der Hauptstadt.

Doch die vordergründige Normalität täuscht. In der libyschen Sahara haben IS-Kämpfer südlich der Stadt Bani Walid erneut ein größeres Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht. Immer wieder werden Kontrollpunkte von Haftar- und Serraj-Milizen mit Autobomben attackiert.

Auch Europa mischt mit im Drohnenkrieg

Wegen der Islamisten und der weiterhin prekären Lage in den libyschen Flüchtlingslagern mischt sich längst auch Europa in den libyschen Bürgerkrieg ein. Französische Militärs fürchten, dass aus Syrien nach Libyen kommende Radikale wie schon 2012 die Nachbarländer destabilisieren könnten.

Seitdem im Juli 2016 bei einem Hubschrauberabsturz in Bengasi drei französische Soldaten starben, bestreitet das Pariser Verteidigungsministerium nicht mehr, dass Spezialkommandos in Libyen im Einsatz sind. Italienische Truppen betreiben unterdessen ein Feldlazarett am Flughafen von Misrata, dessen zugeordnete Soldaten an der Seite der Sarraj-Regierung kämpfen und von Misrata aus Kommandoaktionen mit unbekanntem Ziel starten, wie libysche Kommandeure dem SPIEGEL sagten. Am vergangenen Montag schoss Haftars Luftabwehr angeblich eine italienische Drohne ab.

Sowohl Paris als auch Rom engagieren sich allerdings auch auf diplomatischer Ebene: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schaffte es im Mai letzten Jahres noch, Haftar und Sarraj zu einem gemeinsamen Gruppenbild in Paris zu überreden. Ein halbes Jahr später, bei der Palermo-Konferenz der italienischen Regierung, weigerte sich Haftar jedoch, seinen Erzfeind zu treffen. Der von Guterres geplanten Friedenskonferenz in der libyschen Oase Ghadames kam Haftar dann mit seiner Überraschungsoffensive auf Tripolis zuvor.

Libyscher Luftwaffenpilot vor seinem Mirage-Jet: Es geht um die Lufthoheit über der Frontlinie
Darrin Zammit Lupi/ REUTERS

Libyscher Luftwaffenpilot vor seinem Mirage-Jet: Es geht um die Lufthoheit über der Frontlinie

Nach Angaben der italienischen Webseite "ItalmilRadar" pendeln inzwischen US-Transportflugzeuge regelmäßig zwischen der Militärbasis Ramstein und Bengasi, dem Hauptquartier von Haftar. Das Afrika-Kommando der US Armee in Stuttgart äußert sich nicht zu den Einsätzen. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass auch 100 russische Söldner der sogenannten Wagner-Gruppe für Haftar kämpfen. Das berichten die Agentur Bloomberg und eine Gruppe investigativer russischer Blogger.

Nun sollte der Ausweg aus dem libyschen Chaos in Berlin gefunden werden. Bei seinem Besuch in Libyen Ende Oktober berichtete Außenminister Maas, dass ihn der Libyen-Beauftragte der Uno, Ghassan Salamé, um das deutsche Engagement gebeten hatte.

Nach seinem Treffen mit dem weitgehend machtlosen Premier Sarraj wirkte Maas jedoch ernüchtert. Sarraj lehnt einen Waffenstillstand ohne einen Rückzug von Haftars Armee ab. Doch der Feldmarschall kontrolliert die Ölvorkommen Libyens und weite Teile des Landes. Eine diplomatische Lösung ohne Abzug sämtlicher feindlicher Milizen aus Tripolis lehnt er ab.

In der Nacht vor dem Treffen in Berlin flog seine Luftwaffe einen Präzisionsangriff auf ein Munitionsdepot mitten im Zentrum der Hafenstadt Misrata.

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dschungelmann 23.11.2019
1. Na super...
und die Bevölkerung wird im "demokratisierten" Libyen überhaupt nicht gefragt. Ginge es nach rein demokratischen Grundsätzen(was die "Wertegemeinschaft" ja immer behauptet, würde Hafta HAUS HOCH gewinnen. Die angebliche , westlich gestützte "Regierung" die nichts weiter ist als ein Marionettenregim ohne jede Macht im Land hat längst fertig. Das Land verkommt zum Drohnentestgebiet. Echt tolle Arbeit liebe NATO . Ich Wette ne Wurst gegen einen Porsche, dass bei echt freien Wahlen Nachfolger Gaddafis haushoch gewinnen würden . Erst jetzt haben die Stämme begriffen was sie mit diesem Mann hatten. Niemals in Libyens Geschichte ging es den Bürgern so gut wie unter Gaddafi . Nicht Mal annähernd. Gaddafi hatte die Libyer aus Armut und Unterdrückung befreit und die Stämme, auch mit Härte, geeint. Das sind harte Fakten. Das wissen die Bürger. Jetzt herrscht totales Chaos und Korruption. Hafta ist der einzige Lichtblick für dieses ansich reiche Land. Aber nein, der Westen muss seine Lakaien an der Macht halten und das Elend fördern. Hafta würde spielend mit den Terrorgruppen fertig. Soviel zur Demokratie in Libyen.
hdwinkel 23.11.2019
2. Fehlende Informationen
Der Artikel bringt zwar einige Details, aber das Gesamtbild ist nicht erkennbar. Wer genau steht sich denn jetzt in diesem Stellvertreterkrieg gegenüber? Türkische Drohnenexperten zusammen mit den VAR auf Seiten Sarraj, gegen russische Wagner Söldner auf Seiten Hafters? Und die Amerikaner pendeln jetzt nach Bengasi, also auch zu Hafter? Wenn auch diese Konstellationen ein wenig schwammig und unstimmig sind, ist die Behauptung des Artikels "Wegen der Islamisten und der weiterhin prekären Lage in den libyschen Flüchtlingslagern mischt sich längst auch Europa in den libyschen Bürgerkrieg ein." wohl eine glatte Lüge. Durch die Einmischung Europas, also insbesondere Frankreichs und Italiens, gibt es diesen Bürgerkrieg doch überhaupt erst. Unter dem moralischen Deckmantel einer 'Revolution' wurden doch ganz offensichtlich knallharte wirtschaftliche Interessen militärisch durchgesetzt.
sven2016 23.11.2019
3. Haftar kontrolliert einen Teil der
Ölproduktion des Landes, das kann man in den Monatsberichten der libyschen Regierung (in englisch) nachlesen. Die Gemenge-Lage der ausländischen Militärhilfe sollte man auflösen. Dass die Amerikaner die Putschisten von Deutschland aus versorgen, gemeinsamen mit den russischen Söldner, ist vom Nutzungsvertrag der NATO nicht abgedeckt. Offiziell steht die EU (mit Ausnahme von F und I) hinter der Regierung, inoffiziell macht fast jeder seine Waffengeschäfte. Geld haben beide Seiten. Zumindest ein totales Flugverbot durchzusetzen wäre möglich und hilfreich für die Einwohner. Auch die Haftar-Söldner aus Tchad sind nicht immer ganz freiwillig in Libyen.
rolf.scheid.bonn 23.11.2019
4. Haftar...
... führt die stärkste Miliz in Libyen. Es wäre daher nach 8 Jahren Krieg das Beste, wenn er die ganze Macht erringen könnte. Er hätte das Standing, dem Land endlich wieder Ruhe und Stabilität zu bringen. Libyen braucht eine starke Hand. Si wie Gaddafi, den man dummerweise weg gebombt hat. Für Demokratie fehlen sowieso alle Voraussetzungen. Dsnn lieber einen Gaddafi II.
gurkenhaendler 23.11.2019
5.
Was soll uns der Artikel jetzt sagen? Wir, der Westen, sind doch schuld an dem Elend! Hauptsache wir setzen unsere wirtschaftlichen Interessen durch, ach so sorry, wir verbreiten ja nur die Demokratie auf der Welt.
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