Libyens Marine im Mittelmeer Fast jeden Tag Tote

Menschenrechtsorganisationen machen Libyens Küstenwache für den Tod Hunderter Migranten verantwortlich. Italien will seine Kooperation mit der Marine trotzdem ausbauen. Ein Einsatzbericht.
Von Mirco Keilberth und Fritz Schaap
Mitglieder der libyschen Küstenwache im Mittelmeer

Mitglieder der libyschen Küstenwache im Mittelmeer

Foto: Sergio Ramazzotti/ Parallelozero/ DER SPIEGEL

An einem heißen Montagmorgen Ende Juni manövriert Kapitän Mustafa Abuzeid die MS "Fezzan" der libyschen Küstenwache unter einem blauen Himmel hinaus aus dem Hafen von Tripolis.

Mit einem Drittel Kraft voraus fährt das Schiff der Corrubia-Klasse, das die italienische Regierung den Libyern im November 2018 geschenkt hat, ostwärts in Richtung Garabulli. Die kleine Stadt liegt ungefähr 60 Kilometer östlich von Tripolis. Von hier aus legen viele Schlauchboote in Richtung Italien ab.

Etwas sei dort gesichtet worden, sagt der Kapitän. Was genau, wisse er nicht. Vor 20 Minuten habe er den Befehl erhalten, auszulaufen. "Wir schauen, was es ist", sagt er. Die Informationen erhalten sie meist vom Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) in Italien.

Immer wieder wird der libyschen Küstenwache von Hilfsorganisationen, die eigene Rettungsschiffe aufs Mittelmeer schicken, verantwortungsloses und aggressives Verhalten vorgeworfen, das zum Ertrinken der Migranten führe. Trotzdem hat die italienische Regierung nun angekündigt, ihre Kooperation mit der libyschen Marine zu vertiefen.

"Wir finden fast jeden Tag Menschen in Seenot und sehen sie sterben"

"Ich versuche, Migration zu stoppen, weil viele Menschen bei dem Versuch sterben, nach Europa zu gelangen", sagt Kapitän Abuzeid. "In diesem Sommer sind es weniger Boote, weil wir mehr kontrollieren können als voriges Jahr. Ich bin seit 17 Jahren bei der Marine und fühle mich verpflichtet, die Menschen auf hoher See zu retten und an Bord zu nehmen." Dann bringt Abuzeid sie zurück nach Libyen, wo sie in Gefangenenlager gebracht werden, die nun im Krieg zusehends ins Kreuzfeuer geraten.

Kapitän Mustafa Abuzeid (Mitte) soll mit seiner MS "Fezzan" Migranten aus dem Mittelmeer retten

Kapitän Mustafa Abuzeid (Mitte) soll mit seiner MS "Fezzan" Migranten aus dem Mittelmeer retten

Foto: Sergio Ramazzotti/ Parallelozero/ DER SPIEGEL

"Wir finden fast jeden Tag Menschen in Seenot und sehen sie sterben", sagt Abuzeid und zündet sich eine Zigarette an, während er das Schiff Richtung Nordosten steuert. "Die Schmuggler interessiert das Schicksal der Leute nicht, die sie in die Boote setzen. Wir finden bis zu 200 Menschen in den Gummibooten, ohne Wasser oder Lebensmittel. Wenn wir sie nicht finden, haben sie so gut wie keine Chance, die Fahrt zu überleben."

Abuzeid steht neben einem grauen Tuch, das über das Oberdeck gespannt ist und als Sonnensegel dient. Ein lautes Piepen dringt von der Brücke hinauf. An der Küste steigt schwarzer Rauch von der Front in Wadi al-Rabiya auf. Dort, östlich von Tripolis, stehen sich die Truppen der libyschen Regierung und des abtrünnigen Warlords Khalifa Haftar gegenüber.

Navigieren mit Kugelkompass und Zirkel

"Es sind einfach zu viele Menschen auf den Booten", sagt Abuzeid. "Ein zehn Meter langes, überfülltes Boot ist vom ersten Moment der Fahrt in Seenot." Wieder schallt ein lautes Piepen nach oben. Abuzeid schaut die Treppe hinunter auf die Brücke.

Ein Besatzungsmitglied bei der Berechnung der Seeroute

Ein Besatzungsmitglied bei der Berechnung der Seeroute

Foto: Sergio Ramazzotti/ Parallelozero/ DER SPIEGEL

Der Grund für das Geräusch: Bereits als das Schiff den Hafen verlässt, fallen sowohl das Radar wie auch das neue GPS-Navigationssystem aus. Die Besatzung muss mit einem Kugelkompass, Zirkel und Seekarte navigieren.

20 Minuten, um ein Beiboot ins Wasser zu lassen

Nach zwei Stunden, in denen Abuzeid und seine Besatzung planlos in Richtung Osten steuern, stoßen sie auf ein abgehalftertes Fischerboot. Sie beschließen, den Kahn zu kontrollieren. Es könnte sich um Drogenschmuggler handeln.

Als Abuzeids Männer das Schlauchboot, das auch zur Seenotrettung gebraucht wird, ins Wasser lassen wollen, fällt ihnen auf, dass die Luft darin fehlt. Nachdem sie das Boot mit einer Fußpumpe wieder aufgepumpt haben, merken sie, dass eine Batterie fehlt.

Nach ungefähr 20 Minuten, einer Zeitspanne, in der in einer Notfallsituation bereits unzählige Menschen hätten ertrinken können, ist das Beiboot im Wasser. Es vergehen weitere zehn Minuten, in denen ein junger Mann in T-Shirt und Tarnhose vergeblich versucht, die Kippsicherung des Motors zu lösen. Eine Zigarette und fünf Minuten später schafft er es, den Motor ins Wasser zu lassen.

"Es gibt Drogen- und Ölschmuggler, illegale Fischerei und Waffenhandel"

"Es gibt Drogen- und Ölschmuggler, illegale Fischerei und Waffenhandel. Die Menschenhändler sind nur ein Teil des Problems. Aber wir konnten die Zahl der Boote durch unsere Präsenz reduzieren", sagt Abuzeid. Die Menschenhändler selbst könne man nicht bekämpfen. "Ich schätze, dass nur die Hälfte der Boote, die ablegen, entdeckt wird."

Der Fischer schmuggelt keine Drogen, stellt sich bei der Kontrolle heraus.

Aber auch wenn die Küstenwache überfüllte Boote mit Migranten aufgreift, gibt es Probleme: "Wir haben nur wenige Schwimmwesten und kaum medizinische Ausrüstung an Bord", gibt Abuzeid zu.

"Für bis zu 500 Schiffbrüchige an Bord sind unsere Schiffe nicht ausgelegt"

Die MS "Fezzan" fährt weiter nach Norden, hinaus auf das offene Meer. "Vor Garabulli haben wir im vorigen Sommer zehn Boote an einem Tag gefunden. Allein auf unserem Schiff haben wir 500 Menschen aufgenommen." Abuzeid holt sein Handy aus der Tasche, auf dem er Fotos von der Fahrt gespeichert hat.

"Für bis zu 500 Schiffbrüchige an Bord sind unsere Schiffe nicht ausgelegt." Und nicht überall können sie überhaupt navigieren, denn die libyschen Milizen operieren auch auf dem Meer.

"In Zuwara kontrollieren die Schmuggler den Hafen, aber wir versuchen sie zu verdrängen und haben nun zumindest dort ein Team, das die Abfahrten der Boote meldet."

"Sie waren schlicht nicht in der Lage, das Manöver durchzuführen"

Als die MS "Fezzan" am Abend wieder in den Hafen von Tripolis einläuft, joggt gerade die Besatzung des italienischen Marineschiffs, das im Hafen vor Anker liegt, auf einem heißen Betonplatz im Kreis. Die Marinesoldaten sind in Tripolis im Einsatz. Ihr Auftrag: die ehemals italienischen Schiffe warten und die Besatzungen ausbilden.

Einer der Italiener sagt: "Die Inkompetenz der Küstenwache ist bemerkenswert. Die Tatsache, dass es nur eine halbe Stunde gedauert hat, bis das Beiboot im Wasser war, grenzt an ein Wunder." Vor ein paar Monaten hätte das noch ganz anders ausgesehen. "Sie waren schlicht nicht in der Lage, das Manöver durchzuführen."

Ein weiteres großes Problem, sagt er, seien die Motoren der Schiffe, die sie immer wieder reparieren müssten, da die Libyer das Benzin in extrem dreckigen, versandeten Tanks lagern würden. Der Auftrag in Libyen, so der Italiener, sei ungefähr so schlimm wie Isolationshaft.