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Fotostrecke: Der Krieg nach dem Krieg

Foto: Sabri Elmhedwi/ dpa

Neuer Bürgerkrieg in Libyen Milizen im Machtkampf

Der Streit konkurrierender Milizen lässt Libyen in einen neuen Bürgerkrieg abgleiten. Drei Jahre nach dem Sturz von Diktator Gaddafi droht das Land unregierbar zu werden.
Von Mirco Keilberth und Susanne Koelbl

Die Demonstranten auf dem Märtyrerplatz halten Schilder hoch: "Milizen raus aus Tripolis", ruft ein junger Mann mit krausem Haar und weißem Blouson. "Stoppt die Milizen-Diktatur", skandieren junge Frauen mit Kopftüchern. Dann fallen Schüsse, die Demonstranten suchen Schutz in den Häusern.

Wer hat geschossen?

Niemand weiß es. Zwei Gruppen kämpfen um die Macht in Libyen, Islamisten und Anti-Islamisten. Die einen stehen loyal zur Stadt Zintan, die Milizen der anderen kommen aus der Küstenregion Misrata. Sie haben es geschafft, ihren Kampf bis in die Hauptstadt zu tragen. Hunderte Menschen sind gestorben.

Vor drei Jahren stürzten Islamisten und Säkulare den Diktator Muammar al-Gaddafi noch gemeinsam, das Ziel hatte sie geeint, trotz unterschiedlicher Lebensvorstellungen und Ideologien. Nun schlagen sich die Sieger um die Beute und zerstören Libyens Wirtschaft. Die junge Demokratie, die sich anfangs so hoffnungsvoll entwickelte, droht zu scheitern.

Die Regierung ist machtlos

Bei der jüngsten Parlamentswahl im Juni votierten die Libyer deutlich gegen die Regentschaft von Extremisten. Doch die Verlierer wollen das nicht akzeptieren. "Jetzt versuchen sie, mit ihren Milizen die Macht zu übernehmen", flüstert Mohammed al-Sahwi.

Der Familienvater wohnt in Saradsch, unweit des internationalen Flughafens. Vor seinem Haus liegen Trümmer auf der Straße - Überbleibsel der letzten Kämpfe. Die Wasser- und Stromversorgung ist immer wieder unterbrochen, Lebensmittel werden sogar in der Hauptstadt knapp, selbst Brot ist schon morgens ausverkauft, Tag und Nacht ist aus der Ferne ein dumpfes Grollen von Explosionen zu vernehmen. In der Küche des Nachbarhauses schlug vorgestern eine "Grad"-Kurzstreckenrakete ein. "Wir schlafen kaum noch", sagt Sahwis Frau Hamida.

Die Schlacht um Tripolis hatte sich vor etwa einem Monat entzündet, als der ehemalige Gaddafi-General Chalifa Haftar aus dem rund 600 Kilometer entfernten Bengasi die Militärkampagne "Karama" ("Würde") mit dem Ziel startete, die radikalen Gruppen zu zerschlagen. Mehrere Regierungseinheiten, Milizen und Spezialkommandos schlossen sich ihm an. Deshalb schmiedeten die bis dahin lose verbundenen Islamisten eine Gegenallianz. Für beide geht es jetzt um Sein oder Nichtsein.

Selbst das neu gewählte Parlament floh vor den Milizen in die Stadt Tobruk im Osten des Landes. Die Regierung ist weithin machtlos. Sie kann kaum für ihre eigene Sicherheit sorgen, geschweige denn das Land kontrollieren. Es gibt keine funktionierende Polizei in Libyen, keine ordentliche Armee und nur wenige funktionierende Institutionen. Der damalige Premierminister bat die internationale Gemeinschaft inständig um Hilfe.

Schlimmer als zu Gaddafis Zeiten

Die Nato hatte 2011 maßgeblich dazu beigetragen, den ungeliebten Autokraten Gaddafi zu vertreiben. Jetzt aber, in der Stunde, in der sich entscheidet, welche Richtung Libyen einschlagen wird, ob es einen politischen Prozess gibt, oder das Land vor den Toren Europas im Chaos versinkt, scheint die Welt die Libyer im Stich zu lassen.

Die meisten Botschaften haben ihr Personal bereits evakuiert, Hilfsorganisationen stoppen ihre Projekte. Wer kann, flieht in diesen Tagen. Eine Abordnung der Vereinten Nationen bemüht sich bisher erfolglos um einen Waffenstillstand. Versuche von Stammesführern, die Kontrahenten an den Verhandlungstisch zu zwingen, sind gescheitert.

Europa scheint mit den Konflikten in der Ukraine und im Irak vollauf beschäftigt. Dabei dürfte ein von extremistischen Milizen kontrolliertes Libyen mit seinen langen, unkontrollierten Grenzen und Häfen bald auch ein europäisches Problem werden. Das Land gilt bereits jetzt als Rückzugsraum für Terrorgruppen wie al-Qaida, die sich im ganzen Maghreb festsetzen. Und die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer könnten schnell anschwellen.

"Wir sind früher nachts um drei Uhr unbehelligt durch die Straßen spaziert", blickt der Geschäftsmann Nadschib Burki zurück, der 50-Jährige besitzt drei Fast-Food-Läden im Stadtteil Gargaresch. Wie viele seiner Landsleute hätte er nie gedacht, dass auf die Gaddafi-Jahre noch Schlimmeres folgen könnte. Aber jetzt liegt in Burkis Kofferraum stets eine AK-47. "Ich muss jederzeit mit einem Überfall rechnen."

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