Libyen Ein Leben in Angst vor den Milizen

Suleiman Hadi wollte nach Europa, nun ist der Flüchtling in Libyen gestrandet. Dort werden der Sudanese und seine Familie von Milizen drangsaliert. Sie leben in Tripolis auf der Straße.

Sergio Ramazzotti/ Parallelozero/ DER SPIEGEL

Aus Tripolis berichtet Fritz Schaap


Die Milizionäre kamen in der Nacht, um zwei Uhr, als die Hitze für ein paar Stunden aus Tripolis gewichen war. Von der Front im Süden der Stadt wehte dumpf das Donnern der Explosionen herauf. Suleiman Hadi und die meisten anderen waren bereits auf den dünnen Matratzen in der zum Lager umfunktionierten Bin-Shitwan-Schule im Zentrum der Stadt in den Schlaf gesunken.

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Hadi, ein junger Mann, das Gesicht faltig wie zerknülltes Papier, steht am nächsten Nachmittag in schwarzer Trainingsjacke vor dem Haus des International Medical Corps (IMC) im Stadtteil Gurji. "Sie haben einen Iraker und seinen Sohn geschlagen und entführt", sagt Hadi, und er muss fast schreien, um das Dröhnen der Straße zu übertönen. Dann seien sie alle aus der Schule geschmissen worden.

Nun wollen sie hier protestieren, vor dem Haus des IMC, das sie fälschlicherweise für ein Büro des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR halten. "Aber die Mitarbeiter sind alle verschwunden als wir kamen", sagt er. Ein letzter IMC-Mann sagt im Gehen, dass man leider nicht die Kapazitäten habe, sich um all die Menschen hier zu kümmern. Nun kauern 28 Familien im Schatten der Mauer unter den Akazien.

Eine Mitarbeiterin des Roten Halbmonds rief die Miliz

Vor zehn Monaten kam Hadi mit seiner Familie aus dem Sudan, wo er für seine Familie keine Zukunft mehr sah. Er wollte nach Norden, über das Meer, nach Europa, wurde aber im Süden Libyens verschleppt und misshandelt. Mit seinem letzten Geld konnte er sich und seine Familie freikaufen. Dann strandeten sie in Tripolis. Er arbeitete als Tagelöhner, mietete für sich und seine Familie ein Zimmer im Vorort Aswani. Bis im April der Krieg kam, sie fliehen mussten und einen Platz in der vom Roten Halbmond betriebenen Schule bekamen. Sie hatten mehr Glück als andere.

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Flüchtlinge in Libyen: Trostlos in Tripolis

Tausende Migranten werden in Libyen in staatlich betriebenen Gefangenenlagern festgehalten. Oft unter unmenschlichen Bedingungen. Und immer öfter geraten die Lager ins Kreuzfeuer der um Tripolis kämpfenden Milizenverbände. Da sind auf der einen Seite die Truppen aus dem Westen des Landes, die auf Seiten der Einheitsregierung des Premierministers Fayez al-Sarraj kämpfen. Und da sind auf der anderen Seite die Verbände von General Khalifa Haftar, der mittlerweile den Osten und den Süden des zweigeteilten Landes kontrolliert.

In der vergangenen Woche wurden mindestens 40 Flüchtlinge bei einem Luftangriff auf ein Lager im östlichen Vorort Tajoura getötet. Das Camp befand sich nur wenige Meter vom Waffenlager einer Miliz entfernt.

Die Gewalt gegen Migranten hat System

"Wir werden hier campieren, und hoffen, dass das UNHCR uns helfen wird", sagt Hadi während einige Frauen neben den dreckigen Mülltonnen Decken und Tücher spannen, um der Sonne zu entkommen.

Die Leiterin des Camps hatte die Milizen selbst geholt, um die Migranten zu bestrafen, so bestätigt es auch ein Mitarbeiter des Roten Halbmondes. Der Iraker hatte sein Auto falsch geparkt, also verschleppten ihn die Milizen. Außerdem war kürzlich bekanntgeworden, dass die Campchefin die Spenden, die für die Flüchtlinge abgegeben wurden, zum Großteil für sich behielt.

Ein Einzelfall beim Roten Halbmond, so der Leiter der Organisation in Tripolis. Doch die Gewalt der Milizen gegenüber den Migranten hat System. Sie ist Teil des großen Geschäfts, das die bewaffneten Gruppen mit den Migranten machen.

"Seit ich im Land bin habe ich Probleme mit Milizen", sagt Hadi. "Im Süden und hier in Tripolis. Sie kommen in unsere Wohnungen, nehmen unser Geld, nehmen unsere Handys, vergewaltigen unseren Frauen", er zeigt auf eine Gruppe müder Frauen, die mit ihren Kindern unter einer Plane im Staub sitzen, "eine von uns ist schwanger deswegen."

Ein Milizionär droht den Vertriebenen

Hadi schaut müde auf das Lager. Schuhe liegen herum, kleine Kinder rennen durch den Dreck. "Wir wollen auch in keine andere Schule, kein Camp. Wir haben Angst, dass sie uns etwas antun."

Dann geht ein Ruck durch die Gruppe, die Blicke werden starr, richten sich auf einen stämmigen Mann, der 20 Meter entfernt aus einem Auto gestiegen ist. "Das ist einer von Ihnen", sagt Hadi leise. "Verschwindet hier", schreit der Mann die Frauen an, die neben den Mülltonnen kauern. Sonst kommen wir wieder." Die Gruppe der Männer, die um Hadi herumstanden, löst sich auf. Sie bitten die Journalisten zu gehen. "Letztes Mal, als wir hier vor einem Monat protestierten, kamen sie und schossen in die Luft."

Und in der Nacht sind sie wiedergekommen, erzählt Hadi am nächsten Tag. "Sie haben gedroht, wenn wir hier bleiben, kommen sie und werden uns wehtun." Er schaut auf die Autobahn, auf der Lastwagen vorbeiziehen. Die Luft ist schwer von Abgasen. "Aber wir werden nicht gehen", sagt er. "Wo sollen wir denn auch hin?"

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