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18. April 2011, 22:08 Uhr

Libyen

Gaddafi verweigert Uno sicheren Zugang nach Misurata

Tausende Ausländer sind noch immer in der schwer umkämpften Rebellenhochburg Misurata eingeschlossen, die Versorgungslage der Stadt ist dramatisch. Doch Machthaber Gaddafi verwehrt der Uno Sicherheitsgarantien für Hilfstransporte.

Misurata/Bengasi - Misurata ist seit Wochen von den Truppen des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi umzingelt. 400.000 Menschen leben in der schwer umkämpften Stadt im Westen des Landes, unter ihnen sind auch rund 3000 Ausländer. Die Versorgungslage in der Rebellenbastion wird trotz Hilfslieferungen über das Meer immer dramatischer. Es fehlt nach Uno-Angaben an Lebensmitteln, Medikamenten und Trinkwasser.

Doch der Despot weigert sich, den Vereinten Nationen zuzusichern, dass die Transporte nach Misurata und in andere umkämpfte Städte sicher sind. "Wir haben Zusicherungen erhalten, dass wir ein Büro in Tripolis eröffnen können, aber keine Garantien für die Eröffnung eines humanitären Korridors, um den Menschen in Misurata zu helfen", sagte die Uno-Nothilfe-Koordinatorin Valerie Amos am Montag in der Aufständischen-Hochburg Bengasi. Sie hatte am Tag zuvor Gespräche mit der libyschen Führung in Tripolis geführt.

Auf ihre Forderungen nach einer Waffenruhe sei das Regime nicht eingegangen. Sie hoffe trotzdem, dass es den Uno-Helfern gelingen werde, in den nächsten Tagen zumindest festzustellen, wie die Lage in den belagerten Städten im Westen des Landes ist und wo die Not am größten ist. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte einen sofortigen Waffenstillstand.

Die Truppen Gaddafis setzten am Montag den Raketenbeschuss von Misurata unvermindert fort. Die Stadt 210 Kilometer östlich von Tripolis wird seit sieben Wochen von den Regierungssoldaten belagert. Am Montag gingen in der Stadt nach Uno-Angaben rund 900 Menschen - vor allem Ghanaer und verletzte Libyer - an Bord von Schiffen, um nach Bengasi gebracht zu werden.

Großbritannien kündigte Hilfe für die eingeschlossenen Gastarbeiter in Misurata an. Sie sollten mit Hilfe der International Organisation for Migration in Sicherheit gebracht werden. Auch werde man wichtige medizinische Hilfe in Libyen finanzieren, sagte Entwicklungshilfeminister Andrew Mitchell am Montag bei einem Besuch bei den Vereinten Nationen in New York.

Ärzte berichten von 1000 Toten

Fast einen Monat nach dem Beginn des internationalen Militäreinsatzes in Libyen zogen Ärzte in Misurata eine verheerende Bilanz: Rund tausend Menschen seien bei Kämpfen in den vergangenen sechs Wochen getötet und etwa 3000 Menschen verletzt worden, teilte das Krankenhaus in Misurata am Montag mit.

Die libysche Führung bestritt, die Bevölkerung anzugreifen. "Wir haben keine Verbrechen gegen unser Volk begangen", sagte Gaddafis Sohn Seif al-Islam der "Washington Post". "Das ist nicht passiert. Das wird nie passieren." Sobald die "Terroristen" in Misurata und der Rebellenhochburg Bengasi besiegt seien, werde die Macht seines Vaters in einer neuen Verfassung beschränkt.

Der in London ausgebildete Sohn Gaddafis galt einst als potentieller Reformer. Doch seine Äußerungen legten nahe, dass sein Vater trotz des internationalen Drucks nicht vorhat, Kompromisse zu schließen. Die Rebellen haben erklärt, eine Lösung des Konflikts sei nur möglich, wenn Gaddafi und seine Familie künftig keine Machtrolle mehr innehaben.

Die Regimegegner rückten am Montag erneut auf den Ölhafen Brega vor. Die Kämpfer legten etwa die halbe Strecke zwischen Adschdabija und Brega zurück, berichtete ein Reporter des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira. Doch es sind nur kleine Erfolge gegen die technisch überlegenen Truppen des Despoten.

Trotz der wachsenden Probleme der Gaddafi-Gegner ist eine Invasion oder Besetzung Libyens für den britischen Premierminister David Cameron weiterhin kein Thema. "Wir sind uns im Klaren darüber, dass wir zu den Bedingungen der Resolution des Uno-Sicherheitsrates stehen müssen", sagte er dem britischen Sender Sky News. Er gab aber zu, dass die Bedingung, keine Bodentruppen einzusetzen, den Einsatz erschwere. Die Alliierten müssten nun überprüfen, wie Zivilisten noch besser geschützt werden könnten, sagte Cameron.

als/dpa/AFP/Reuters

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