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28. Februar 2011, 16:43 Uhr

Libyen

Gaddafis Giftgas-Reserven beunruhigen die USA

Von Yassin Musharbash

Unklare Fronten, ein irrationaler Diktator - und tonnenweise Giftgas: Libyens Revolutionäre kämpfen für politische Freiheit, doch je chaotischer sich die Lage entwickelt, desto größer werden die Sorgen um das beträchtliche Waffenarsenal des taumelnden Machthabers Gaddafi.

Berlin - Weite Teile Libyens sind nicht mehr unter Kontrolle des Diktators Muammar al-Gaddafi, darunter zwei der drei größten Städte des Landes und wohl auch etliche Militärstützpunkte, deren Besatzung sich entweder der Opposition angeschlossen hat oder geflohen ist. Doch noch ist der Machtkampf in dem Wüstenland nicht entschieden, Gaddafi wehrt sich gegen seine Absetzung - mit allen Mitteln. Kampfflugzeuge soll er bereits gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt haben. Wäre er auch dazu in der Lage, die Demonstranten und Revolutionäre mit Giftgas zu attackieren?

Sicher ist, dass in Libyen noch rund 9,5 Tonnen Senfgas gelagert sind. Es handelt sich dabei um Reste eines chemisch-biologischen Waffenprogramms, zu dessen Aufgabe Gaddafi sich 2003 verpflichtete. Kurz zuvor hatte er sich vom Terrorsponsor zum US-Genossen gewandelt. Die "Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons" (OPCW) bestätigte der Nachrichtenagentur Reuters, dass sie die Zerstörung von mehr als 3300 libyschen Waffensystemen zur Ausbringung von chemischen Kampfmitteln seit 2004 überwacht habe. Nach Ansicht der Organisation spricht alles dafür, dass Libyen tatsächlich alle Ausbringungssysteme zerstört hat.

Das Giftgas steht unter Kontrolle des Militärs - aber was heißt das?

Auch die Senfgas-Bestände sollten eigentlich längst zerstört sein. Doch wegen jahrelangen diplomatischen Hickhacks - es ging unter anderem um die Kosten der Beseitigung - erhielt Libyen einen Aufschub bis Mai 2011, um auch die übrigen rund 9,5 Tonnen des Giftgases unschädlich zu machen. Laut OPCW befindet sich das Gas unter Kontrolle des Militärs an einem gesonderten Aufbewahrungsort fernab der Hauptstadt Tripolis.

Ohne die Technik zu seiner Ausbringung ist die Gefahr, die von dem Gas ausgeht, wesentlich geringer. Die US-Regierung scheint dennoch beunruhigt zu sein. Das "Wall Street Journal" zitierte am vergangenen Donnerstag Regierungsmitarbeiter im Weißen Haus mit der Aussage, sie würden nicht ausschließen, dass Gaddafi versuchen könnte, die Kampfmittel einzusetzen. In einer TV-Ansprache hatte der Despot angekündigt, bis zum letzten Blutstropfen um seine Macht zu kämpfen.

Zudem ist unklar, wie gut gesichert die Bestände sind - und auf welcher Seite die Einheiten stehen, die sie beschützen. Am Sonntag kursierte auf verschiedenen Videoplattformen im Internet, unter anderem auf YouTube, ein Video, das geeignet schien, die schlimmsten Befürchtungen über ungesicherte Bestände zu bestätigen.

In dem wackeligen Film, etwas über eine Minute lang, werden angebliche Giftgasbehälter gezeigt, die nahe der Stadt Misurata den Regierungsgegnern in die Hände gefallen sein sollen. Ein Mann, der sich selbst nicht identifiziert oder sonstwie zu erkennen gibt, zeigt darin diverse bräunliche Behälter mit Schraubverschlüssen und dazugehörige Holzkisten zur Aufbewahrung. Außerdem deutet er auf eine kleine Tasche mit zwei Gegenständen, die wie Spritzen aussehen. Es handle sich um verschiedene Arten von Giftgas, behauptet der Sprecher. Die Bestände hätten sich in den Lagern der "Sicherheitsbrigaden" befunden, jetzt seien sie an einem sicheren Ort.

Die USA wissen vermutlich, wo das Gift lagert

Doch es ist fraglich, ob es sich tatsächlich um Giftgasbehälter handelt. Auf einem der Behälter ist zum Beispiel ein Schriftzug erkennbar, der vermutlich "Ejection Seat" bedeuten soll. Es könnte sich daher womöglich um kleinere Sprengladungen handeln, die in Schleudersitzen von Kampfjets zum Einsatz kommen.

Der Chemie- und Biowaffenexperte Jan van Aken vom Hamburger "Sunshine Project" äußerte sich ebenfalls skeptisch über das Video. "Loses Giftgas wird mit Sicherheit nicht in solchen Behältern gelagert", sagt van Aken. Auch sei äußerst unwahrscheinlich, dass sich im Inneren der Dosen Giftgas-Geschosse befinden - denn dafür seien sie schlicht zu klein. "Allerdings gibt es kaum einen Konflikt, in dem nicht früher oder später Giftgas-Vorwürfe auftauchen", so van Aken. "In den wenigsten Fällen sind die begründet, aber nachgehen sollte man ihnen immer."

Mittlerweile sind tatsächlich noch mehr Videos aufgetaucht, die ebenfalls Giftgas oder entsprechende Zutaten beziehungsweise Vorprodukte zeigen sollen. In europäischen Sicherheitskreisen reagierte man allerdings zurückhaltend: Auf keinem der dort bekannten Filme sei das Gezeigte eindeutig.

Bislang gibt es, so das "Wall Street Journal" unter Berufung auf einen US-Beamten, keine Hinweise darauf, dass Gaddafi an einen Giftgaseinsatz denken würde. Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit (BITS) vermutet, dass die USA wissen, wo sich die Senfgas-Lagerstätten befinden: "Diese Orte werden im Moment mit ziemlicher Sicherheit mit allen technischen Mitteln, zum Beispiel Satelliten, überwacht."

Auch andere Bestandteile des libyschen Waffenarsenals bereiten Experten Kopfzerbrechen. So verfügt das Land nach wie vor über alte russische Scud-B-Raketen, die ebenfalls eigentlich hätten verschrottet werden müssen. Zudem, so das "Wall Street Journal", seien in Libyen mehrere Tonnen "yellowcake" gelagert - einem Vorprodukt zur Herstellung nuklearen Brennstoffs. An beidem könnten auch Terroristen für ihre Zwecke Interesse haben.

Mitarbeit: Markus Becker

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