SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. Mai 2014, 19:48 Uhr

Revolte in Bengasi und Tripolis

Libyen steht vor neuem Bürgerkrieg

Von

Libyen droht neues Chaos. Weil die Zentralmacht in Tripolis schwach ist, hat ein General die islamistischen Rebellen auf eigene Faust angegriffen. Dutzende Menschen wurden getötet. Seine Gegner sehen in Chalifa Haftar eine CIA-Marionette.

"Hauptstadt der Revolution" - diesen Ehrennamen trägt Bengasi, seit sich die Menschen in der zweitgrößten Stadt Libyens im Februar 2011 gegen Diktator Muammar al-Gaddafi erhoben. Dort begann vor mehr als drei Jahren der Aufstand gegen den Despoten, nun könnte von der 500.000-Einwohnerstadt im Osten des Landes eine neue Wende ausgehen.

Der aus Bengasi stammende General Chalifa Haftar hat islamistischen Milizen und der schwachen Zentralregierung in Tripolis den Kampf angesagt. Ende vergangener Woche begann der 65-Jährige mit ihm ergebenen Einheiten in seiner Heimatstadt eine Militäroperation gegen bewaffnete Islamistengruppen. Zunächst beschossen seine Truppen das Hauptquartier der Rafullah-al-Sahati-Brigade, später bombardierte ein MiG-Kampfjet Rebellenstützpunkte. Ziel der Operation sei es, Bengasi von Terrorgruppen zu säubern, kündigte Haftar an. Der Kommandeur der Spezialkräfte der libyschen Armee schloss sich laut der Nachrichtenagentur Reuters am Montagabend Haftar an.

Dessen Einheiten nahmen unter anderem den Radiosender der Dschihadistengruppe Ansar al-Scharia unter Beschuss. Diese Miliz wird für den Angriff auf das US-Konsulat in der Stadt im September 2012 verantwortlich gemacht, bei dem Botschafter Christopher Stevens getötet wurde.

Die Macht der Islamisten wächst

Bei den Kämpfen sollen im Verlauf des Wochenendes insgesamt mindestens 80 Menschen getötet worden sein, Bengasi erlebt damit die gewaltreichsten Tage seit dem Sturz Gaddafis im August 2011. Am Samstag verhängte die Zentralregierung eine Flugverbotszone über die Stadt - ein folgenloser Schritt, weil die Armee nicht in der Lage ist, den Luftraum zu kontrollieren. Haftars Truppen setzten ihre Luftangriffe fort, am Montag schlossen sich auch die Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt in Tobruk den aufständischen Einheiten an.

Der Machtkampf der Milizen hat das Land an den Rand des Staatsversagens geführt. In den vergangenen Monaten haben islamistische Gruppen an Einfluss gewonnen.

Noch hat Maitik sein Amt nicht angetreten. Haftar und seine Verbündeten wollen die Machtübernahme verhindern. Am Sonntag stürmten daher Milizionäre aus der Stadt Zintan das Parlamentsgebäude in Tripolis und nahmen kurzzeitig mehrere Abgeordnete als Geiseln.

"Die Amerikaner kennen Haftar sehr gut"

Die Milizen betonen ihre Unabhängigkeit, teilen aber offenbar Haftars Abneigung gegen die Islamisten. Sie fordern die Auflösung des Übergangsparlaments. Die Nationalversammlung sollte eigentlich bis Februar 2014 eine Verfassung ausarbeiten und sich danach selbst auflösen - stattdessen beschlossen die Abgeordneten eigenmächtig, ihr Mandat bis Ende des Jahres zu verlängern.

In Teilen der Armee, besonders der Luftwaffe, ist die Frustration über den Machtzuwachs der Islamisten beständig gewachsen. Dies macht sich Haftar zunutze. Er gehört seit viereinhalb Jahrzehnten zur Militärelite: Schon 1969 unterstützte er Gaddafi beim Putsch gegen König Idris, bald danach stieg er zum Chef des Generalstabs auf. In den Achtzigerjahren geriet Haftar während einer libyschen Intervention im Bürgerkrieg im Tschad in Kriegsgefangenschaft. Er sagte sich von Gaddafi los und plante mit einigen Getreuen einen Putsch. Das Vorhaben scheiterte, und Haftar floh in die USA. Erst nach Ausbruch des Bürgerkriegs im Frühjahr 2011 kehrte der General in seine Heimat zurück.

Haftars Gegner sehen in ihm daher eine Marionette der CIA. Manches spricht dafür: Er lebte jahrelang vor den Toren Washingtons in der Nähe der Geheimdienstzentrale und soll während seiner Exilzeit dort geschult worden sein. Bereits während des Bürgerkriegs kamen Gerüchte auf, dass Haftar ein wichtiger CIA-Verbindungsmann bei den Anti-Gaddafi-Milizionären gewesen sein soll. Ali Audschali, Ex-Botschafter in den USA und heutiger Außenminister, sagte damals: "Die Amerikaner kennen Haftar sehr, sehr gut und es ist keine Schande im Sinne der nationalen Interessen mit der CIA zusammenzuarbeiten."

Die Dschihadisten in Libyen nehmen die Kampfansage des Generals offenbar ernst: Die Islamistengruppe "Löwen der göttlichen Einheit" kündigte erbitterten Widerstand an. In einem Video, das am Montag veröffentlicht wurde, drohte ein maskierter Kämpfer dem General mit den Worten: "Du hast eine Schlacht begonnen, die du verlieren wirst!"

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung