Massenerschießung in Libyen Der General und sein Henker

Der libysche Warlord Werfalli wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Nun hat er in Bengasi erneut zehn Gefangene öffentlich erschossen. Der Mann ist die rechte Hand des prorussischen Generals Haftar.
Warlord Mahmoud al-Werfalli

Warlord Mahmoud al-Werfalli

Foto: ICC-CPI/ AFP

Es ist eine Szene, wie aus einem Propagandavideo der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). Zehn Männer - alle in blaue Overalls gekleidet - knien vor einer Moschee mit gefesselten Händen und verbundenen Augen vor einem Mann mit Maschinenpistole. Der Täter erschießt seine Opfer, einer nach dem anderen sackt vornüber auf den Boden.

Diese Szene hat sich am Mittwoch in der libyschen Hafenstadt Bengasi abgespielt. Die öffentliche Erschießung ist in mehreren Bildern festgehalten. Doch der Täter ist kein IS-Terrorist, sondern der Warlord Mahmoud al-Werfalli, der sich selbst als Kämpfer gegen die Dschihadisten in Libyen inszeniert.

Die Massenerschießung ist eine Vergeltungsaktion für einen Anschlag vom Dienstag. Bei der Explosion zweier Autobomben vor der Bayaat-al-Radwan-Moschee in Bengasi waren mindestens 35 Menschen ums Leben gekommen. Bislang hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Tags darauf erschoss Werfalli am Tatort zehn Gefangene. Ob die Opfer irgendetwas mit dem Attentat zu tun hatten, ist ungeklärt und wird wohl auch nie geklärt werden, ein Gerichtsverfahren hat es nicht gegeben. Werfalli hat sich selbst zum Richter über Leben und Tod aufgeschwungen und Selbstjustiz geübt.

Werfalli macht seine Taten im Internet öffentlich

Der heute 39-Jährige begann seine Militärlaufbahn um das Jahr 2000 herum in einer Eliteeinheit der Armee von Diktator Muammar al-Gaddafi. Nach dessen Sturz und dem Zerfall des Regimes schloss sich Werfalli den Truppen von General Khalifa Haftar an. Haftar formierte die Libysche Nationale Armee (LNA), die hauptsächlich aus Überbleibseln des Gaddafi-Militärs besteht und die sich bis heute weigert, die international anerkannte Regierung von Ministerpräsident Fayez Sarraj in Tripolis zu respektieren - geschweige denn, sich unter Regierungskontrolle zu stellen.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Werfalli befehligt in Haftars Auftrag mindestens ein Gefangenenlager in der Nähe von Bengasi und ist Kommandeur der Saiqa-Brigade, einer Spezialeinheit innerhalb der LNA. Er tritt nicht zum ersten Mal als Henker auf. Die Saiqa-Brigade veröffentlichte zwischen Juni 2016 und Juli 2017 sieben Videos in sozialen Netzwerken, auf denen Werfalli insgesamt 33 Gefangene entweder selbst tötet oder seine Kämpfer dies auf seinen Befehl hin tun.

Wegen dieser gut dokumentierten Taten erließ der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag im August 2017 einen internationalen Haftbefehl gegen Werfalli. Chefanklägerin Fatou Bensouda wirft ihm Kriegsverbrechen vor.

Haftar sagte daraufhin eigene Ermittlungen gegen seinen Untergebenen zu. Zwei Tage nach Ausstellung des Haftbefehls meldete die LNA Werfallis Festnahme. Seine Überstellung nach Den Haag werde geprüft, hieß es, so lange stünde er unter Hausarrest. Ein halbes Jahr später zeigt sich, dass das nur Lippenbekenntnisse waren. Werfalli ist nicht nur auf freiem Fuß, er ist auch weiterhin Teil von Haftars LNA und fühlt sich sicher genug, am helllichten Tag Gefangene in aller Öffentlichkeit zu erschießen und sich dabei fotografieren zu lassen.

Haftar hat Putin hinter sich

Für die Vereinten Nationen ist dieser Vorfall besonders peinlich: Denn am selben Tag, an dem Werfalli in Bengasi ein Kriegsverbrechen beging, traf sich wenige Kilometer entfernt sein Oberbefehlshaber Haftar mit dem Uno-Gesandten Ghassan Salamé. Der Chef der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Libyen diskutierte mit dem Warlord über die politische Lage in Libyen und die Vorbereitungen zur Präsidentenwahl, die Ende dieses Jahres stattfinden soll. Haftar gilt als möglicher Präsidentschaftskandidat.

Khalifa Haftar in Moskau (2016)

Khalifa Haftar in Moskau (2016)

Foto: Maxim Shemetov/ REUTERS

Haftar weiß vor allem Russland hinter sich. Wladimir Putin wittert die Chance, mit Hilfe des Generals ein weiteres arabisches Land in seinen Einflussbereich zu ziehen. Mehrfach war Haftar in den vergangenen Jahren im Kreml zu Gast. In seinem Herrschaftsgebiet sind russische Söldner aktiv, die offiziell im Auftrag privater Militärunternehmen Erdölraffinerien schützen.

Ob die Präsidentenwahlen 2018 tatsächlich stattfinden, ist wegen der unsicheren Lage in Libyen ungewiss. Haftar könnte sich jedenfalls gute Chancen ausrechnen. Sein rücksichtsloser Krieg gegen militante Islamisten hat breiten Rückhalt im Volk. Auch der Westen musste sich notgedrungen mit ihm arrangieren. Im Juli 2017 empfing Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Haftar und Sarraj in Paris, um zwischen den Rivalen zu vermitteln.

Und auch Werfalli ist bei vielen Libyern durchaus beliebt. Viele teilen die Bilder seiner jüngsten Massenerschießung auf Facebook und Twitter und feiern den Kriegsverbrecher als Helden.

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